bedeckt München
vgwortpixel

Computerspiel "Titanfall":Im Grenzland des Egoshooters

David gegen Goliath - eine Szene aus "Titanfall"

(Foto: Electronic Arts)

Baumgroße Kampfroboter beherrschen die Videospiel-Schlachtfelder der Zukunft, aber auch flinke Fußsoldaten haben dort ihren Platz. "Titanfall" zeigt, wie man in beiden Rollen die bleihaltige Actionhatz für sich entscheiden kann.

Für kurze Zeit fühle ich mich schwerelos. Ich schwebe hoch in der Luft und lasse meinen Blick über das unter mir liegende Panorama der technisch-perfekt inszenierten Zerstörung gleiten: Dort hinten sehe ich meine Kameraden als kleine Punkte über die Karte sprinten. Auf meiner linken Seite ertönt eine markerschütternde Explosion, gefolgt von schwarzem Rauch und rechts erkenne ich die Umrisse riesiger Kampfroboter, die den Spielnamen gebenden "Titans". Aus einem jenem solchen habe ich mich Sekunden zuvor durch das panische Hämmern auf die Eject-Taste gerade noch rechtzeitig in die Luft katapultieren können, bevor mein treuer feuerspeiender Stahlgefährte unter gegnerischer Einwirkung explodierte: Willkommen bei Titanfall!

Titanfall erzählt die Science-Fiction-Geschichte des Konfliktes zweier Fraktionen. Auf der einen Seite steht die Interstellar Manufacturing Corporation (kurz IMC). Dieses gigantische Firmenkonglomerat ist in erster Linie an der Ausbeutung von Bodenschätzen zum eigenen Wohl und dem der Aktionäre interessiert. Das Problem: Dort, wo die riesigen Roboter des Unternehmens graben wollen, treffen sie auf äußerst unwillige und kampfbereite Damen und Herren, die sich zu Milizverbänden zusammengeschlossen haben. Dabei grenzt es natürlich an Ironie, dass beide Parteien ihre kostspielige und blutigen Fehde im Grunde auf dem Rücken jener Siedler der Planeten austragen, für die sie vorgeblich in die Schlacht ziehen.

Auch, wenn laut Spielbeschreibung die Miliz-Fraktion in Titanfall aus einem Haufen Halunken und Rüpel bestehen mag, so sind doch erst einmal die Sympathien klar verteilt. Der hyperkapitalistische Heuschreckenkonzern ist ein rücksichts- und skrupelloser Industrieleviathan, der weder ein gesellschaftliches noch ein ökologisches Gewissen zu haben scheint.

Kampf im Grenzland

Diese beiden Parteien beharken sich an der interstellaren "Frontier", im Deutschen nur unzureichend mit "Grenzland" zu übersetzen. Der Mythos um diesen Begriff ist ein ur-amerikanischer: Der US-Historiker Frederik Jackson Turner erläuterte in seiner 1893 veröffentlichen These seinen Gedankengang, dass der Geist der Vereinigten Staaten grundlegend von den Erfahrungen jener Pioniere geprägt sei, die mutig den Kontinent immer weiter in Richtung Westen besiedelten. Und auch Titanfall selbst verortet sich an der "Frontier" des Egoshooter-Genres.

Screenshot "Titanfall"

(Foto: Electronic Arts)

Titanfall ist in vielerlei Hinsicht ein bedeutsames Spiel. Titanfall ist Balsam für das Genre der Shooter. Jahrelang entwickelten sich diese in erster Linie technisch weiter, ohne nachhaltige Innovation zu bieten. Das ist nun anders: Bodentruppen verfügen dank ihrer Fähigkeit, begrenzt an Wänden entlang zu laufen und mittels Raketenrucksack höher zu springen, über eine ungewohnte Agilität. Diese kennen die meisten Spieler bisher nur aus Titeln wie Mirror's Edge oder Assassin's Creed.

Auch die Steuerung der Kampfroboter ist den Entwicklern äußerst gut gelungen. Schon ihr Auftritt macht mächtig etwas her: Werden sie erst vom Spieler gerufen, stürzen sie wie Hochtechnologie-Kometen auf das Schlachtfeld und warten darauf, dass der Spieler sich in ihre Pilotenkanzel schwingt. In ihnen kostet der Spieler kurzzeitig ein Machtgefühl aus, wenn er in großen Schritten über das Schlachtfeld stampft oder gleitet, um mit schweren Salven die Gegner anzugreifen.

Große Kampfroboter sind auch große Ziele

Computerspiele Gute Blechkameraden
Screenshot

Computerspiel "Titanfall"

Gute Blechkameraden

Mit dem Egoshooter-Actionspiel "Titanfall" will Microsoft seiner Spielkonsole Xbox One einen nötigen Verkaufsschub verpassen. Aber kann der Multiplayer-Krawall wirklich "Call of Duty" vom Thron stoßen?   Von Matthias Huber

Dass dieses Spiel zwischen David und Goliath niemals unfair abläuft, ist ein weiteres Spielmechanik-Verdienst der Macher: Groß zu sein in Titanfall bedeutet auch gleichzeitig, ein großes Ziel abzugeben. Und wir wissen nicht erst seit Jonathan Swifts Roman Gullivers Reisen, was das "kleine Fußvolk", Koordination und Bewaffnung vorausgesetzt, mit vermeintlichen Riesen anstellen kann.

Für Respawn Entertainment ist Titanfall eine goldene Visitenkarte, die vielen Skeptikern den Beweis liefert, dass die leitenden Studioköpfe Vince Zampella und Jason West, die zuvor gemeinsam Infinity Ward gegründet hatten und zu den Erfindern der Multimilliarden-Dollar-Reihe Call of Duty gehören, durchaus Genre erfrischende Wege zu gehen.

Was es bei Titanfall nicht gibt, ist die Möglichkeit, ohne Gegner zu spielen. Die Entwicklung einer im Einzelspieler-Modus notwendigen Story hätte die Kapazitäten des kleinen Entwicklerteams gesprengt und nur wenige Spieler haben überhaupt Interesse daran, alleine zu spielen. Im Fall von Titanfall funktioniert dieses Vorgehen auch wunderbar.

Titanfall (USK ab 18) ist am 13. März 2014 für PC und Xbox One erschienen. Am 28. März 2014 erscheint das Spiel auch für die Xbox 360. Dieser Text basiert auf der Xbox-One-Version.