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Alte IT-Systeme:Der Fluch der frühen Innovation

Siemens BS2000 Mainframe

Als Computer noch nicht in jede Hosentasche passten: Der Siemens BS2000 Mainframe.

(Foto: Siemens)

Einst waren Versicherungen ganz vorn dabei mit ihren Großrechnern. Heute stiftet ihre Uralt-IT Chaos. Nun wurde eines der Systeme feierlich abgeschaltet.

Es gab Zeiten, da litt der hannoversche Versicherer HDI, der zur Talanx gehört, ganz besonders unter der Uralt-IT des Konzerns. In der Autoversicherung musste die Mannschaft noch vor wenigen Jahren mit einem System arbeiten, das nur einmal pro Woche drucken konnte und gelegentlich vergaß, Versicherungsbestätigungen an die Behörden weiterzuleiten - mit der Folge, dass die Polizei den Wagen stilllegte.

Die Häme der übrigen Versicherer hielt sich in Grenzen. Denn fast alle hatten oder haben bis heute ähnliche Probleme. Bei der Ergo spucken seit 2012 die betagten Altsysteme falsche Auszahlungsbeträge in der Lebensversicherung aus, sie müssen händisch nachgerechnet werden. Bei der Allianz fluchen Vertreter und Innendienstmitarbeiter immer wieder über den Komplettausfall der IT für Stunden oder Tage.

Die Versicherungswirtschaft hat schon vor mehr als 60 Jahren Computer eingeführt, vor allem Großrechner. Der Fluch der frühen Innovation: Heute passen diese Systeme nicht mehr zu Kundenansprüchen und technischen Möglichkeiten. Aber der Ersatz ist sehr teuer und zeitaufwendig.

Dem HDI ist der Schritt jetzt vollständig gelungen. Nun schaltete der Versicherer feierlich in einer Zeremonie sein letztes BS 2000-System ab. BS 2000 wurde vor 50 Jahren entwickelt und seit 1975 von Siemens als Betriebssystem für seine Großrechner eingesetzt.

Zu der Abschaltung lud die IT-Abteilung aktive und ehemalige Mitarbeiter ein. Auch Deutschlandchef Jan Wicke ließ sich nicht zweimal bitten, schließlich ist er Vorstandsmitglied der Muttergesellschaft Talanx und für die IT im Konzern zuständig. Die Umstellung war eine logistische Mammutaufgabe. Mehr als 3,6 Millionen Verträge mussten umziehen. Der älteste stammt vom 1. August 1924 und ist bis heute gültig, es handelt sich um eine Grundstücksbesitzer-Haftpflichtpolice. Die Verträge umfassen mehr als eine Milliarde Datensätze.

Mit der Abschaltung hat der Versicherer übrigens die Nase vorn vor dem Marktführer. Die Allianz will erst 2025 die letzten Altsysteme stilllegen. Bis dahin dürfen die Mitarbeiter weiter fluchen.

© SZ vom 20.12.2019
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