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CES 2020:Umsatz mit dem schlechten Gewissen junger Eltern

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Karaoke mit den Kids und mehr: Eltern wollen ihren Nachwuchs möglichst gut umsorgen, die Tech-Firmen liefern das Ihre dazu.

(Foto: Kniel Synnatzschke/Imago/Westend61)
  • Die Technik-Industrie bietet immer mehr Gadgets für junge Eltern an.
  • Hersteller setzen auf die Angst junger Eltern, etwas falsch zu machen oder zu verpassen.
  • Die heutige Elterngeneration gehört zu den "Digital Natives", die seit frühester Kindheit mit Internet und Handys vertraut sind - also auch damit, wie die Spielgeräte ihrer Kinder funktionieren.

Von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Soziale Medien können hundsgemeine Plattformen sein - nicht nur wegen Filterblasen-Gebrüll und Influencer-Wahnsinn, sondern vor allem wegen dieser Botschaften, die sich langsam und stetig im Hinterkopf festsetzen: Das Leben der anderen ist viel aufregender, sie scheinen trotz stressiger Berufe stets Zeit für einen Abenteuerurlaub mit den Kindern zu haben. Die Älteren wirken wohlerzogen sowie sportlich und schulisch herausragend, das Jüngste schläft jeden Abend sofort ein und dann zehn Stunden lang durch. Ja, es gibt auch Für-mehr-Realität-auf-Instagram-Accounts der Gestressten, aber mal ehrlich: Die nerven unfassbar!

Die Industrie spielt mit der ständigen Angst dieser Generation, irgendwas zu verpassen. "Fear of Missing Out" heißt das, oder kurz: FOMO! Die Technikbranche hat junge Eltern und Familien als lukrative Zielgruppe entdeckt, auf der jährlichen Leistungsschau CES in Las Vegas ist die Zahl der Aussteller mit Fokus auf Familie so groß wie nie. Es gibt eine ganztägige Konferenz mit Vorträgen, "Wie Technik die kleinen Superhelden beschützen kann" oder auch "Feuer frei mit allen Sensoren" heißen. Das ist aber auch ein Geschäft mit der Angst, etwas falsch zu machen beim Nachwuchs, es muss ja niemand einen Führerschein fürs Kinderkriegen machen, was beim Blick auf die anderen zu ängstlichen Vergleichen führt: Machen wir Fehler, verpassen wir was?

Es geht nicht mehr darum, wie noch vor ein paar Jahren, die Ahnungslosigkeit der Eltern auszunutzen, die rätseln, warum Kinder "Fortnite" zocken, bei "TikTok" angemeldet sein wollen, und was bitteschön Kinzoo sein soll. Es muss kaum noch Aufklärungsarbeit geleistet werden, junge Eltern sind so genannte "Digital Natives", mit Internet und Handys seit frühester Kindheit vertraut; alleine in den USA verfügen sie über eine Gesamt-Kaufkraft von 143 Milliarden Dollar pro Jahr.

"Meine acht Jahre alte Tochter ist mit Technik aufgewachsen", sagt Sean Herman, Autor des Buches "Screen Captured" über Familien im Digitalzeitalter und Gründer von Kinzoo, ein Kurznachrichtendienst für Familienmitglieder: "Kinder beobachten genau, was wir tun, und wenn wir ohne Berührungsängste mit Technik umgehen, dann tun sie das auch." Die Branche muss die Eltern nicht mehr von sich selbst überzeugen, das führt zu neuen Ideen, neuen Produkten, neuen Visionen. Es beginnt schon vor der Geburt: Eine Firma bietet die Sperma-Analyse für daheim an, eine andere verspricht längere Freude beim Kinderzeugen über ein Elektrodenpflaster, das dorthin geklebt wird, wo keine Sonne scheint; ein Armband soll Beschwerden während der Schwangerschaft lindern.

Die Firmen versuchen, Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden

Symbolisch für FOMO, aber auch für das Vermischen von virtueller und wirklicher Welt ist das Angebot des Unternehmens tori, das mit gleich vier Awards ausgezeichnet worden ist. Kinder gestalten in einem Malbuch einen Baum, sie bauen Katapulte, Zauberstäbe und Raumschiffe über Bastelbögen. Ein Brett mit Magnetsensoren vor dem Bildschirm ermöglicht es, die Basteleien in Spiele-Apps zu integrieren und dreidimensional zu bewegen - im Hintergrund sind die individuell gestalteten Bäume zu sehen. Wie das funktioniert, sollen Kinder über Produkte am Nachbarstand lernen: Programmieren für Kinder im Vorschulalter. Nur ja nichts verpassen.

Die Technikbranche kommt in puncto Familie daher wie ein Verführer, der potenziellen Kunden ein schlechtes Gewissen einzureden versucht: Wer nachts nicht schlafen kann, weil die Kinder es nicht tun, der möge sich bitteschön eines der Kinderbetten besorgen, die Bewegungen beim Wiegen imitieren, über Sensoren in der Matte den Schlaf des Säuglings überwachen und über integrierte Lautsprecher Geräusche wiedergeben, die Eltern gestalten können. Es gibt Stillhilfen und Elektroden zum Straffen des Babybauches, ein Brettspiel unter Zuhilfenahme eines Sprach-Assistenten - und einen Roboter, der Kindern beim Roboterbauen hilft.

"Einerseits begrüßen wir den Umgang mit technischen Angeboten, wenn sie Bücher auf Tablets lesen oder mit Freunden kommunizieren", sagt Herman: "Auf der anderen Seite hat unsere Tochter bereits unangebrachte Inhalte gesehen, Schimpfwörter gelernt oder mehrere Stunden vor dem Bildschirm verbracht. Kinder beobachten genau, was wir tun. Wenn wir andauernd aufs Handy starren, dann tun sie das auch."

Wie passend, dass die Technikbranche auch dafür Lösungen anbietet. Es gibt Smartphones, bei denen Eltern nicht nur Nutzungsdauer überwachen können, sondern auch Inhalte - und das Bewegungsprofil. Es gibt Armbänder, bei denen Kinder dazu animiert werden sollen, sich mehr zu bewegen, um mehr Bildschirmzeit zu bekommen. Es können nicht nur schulische Leistungen überprüft werden, sondern auch die Fortschritte beim Erlernen einer Fremdsprache. Der Nachwuchs soll nur ja nichts verpassen, es soll mindestens so sportlich und klug und begabt sein wie alle anderen, die auf sozialen Netzwerken zu sehen sind. Die Kinder wissen: Nicht "Big Brother" beobachtet sie, sondern die eigenen Eltern.

© SZ vom 09.01.2020/hij

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