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CD-Kopierschutz:Die Stille nach dem Schutz

Vinylscheiben haben offenbar auch ihre Vorteile. Kopiersichere Musik-CDs jedenfalls bringen der Musikindustrie mehr Ärger als Nutzen.

(SZ vom 4.12.2001) - Eigentlich sollte Ehrlichkeit belohnt werden. Für Fans der Sängerin Natalie Imbruglia hingegen gilt das nur eingeschränkt. Wer ihr neues Album White Lilies Island gekauft hat und auf seinem CD-Spieler, auf dem DVD-Player oder im CD-Laufwerk seines PCs anhören möchte, hat möglicherweise schlechte Karten. Der Kopierschutz auf der Musik-CD ist nämlich nicht mit jeder Hardware kompatibel. Frustrierte Fans berichten auf der Web-Seite der Künstlerin, dass auf einigen älteren Playern der CD kein Ton zu entlocken wäre.

Nur wer Natalie Imbruglia im Konzert hört, hat garantiert keine Probleme, dass ein Kopierschutz in der Musik seine Hardware blockiert.

(Foto: Foto: AP)

Der Musikverlag Bertelsmann Music Group (BMG) kennt die Vorwürfe. Es komme nur bei einer von Tausend ausgelieferten Imbruglia-CDs zu Beschwerden, verteidigt sich der Plattenkonzern und entschuldigt dies damit, dass sich der Kopierschutz derzeit noch in einer Testphase befinde. Bereits im Frühjahr 2000 hatte man mit der Vorgängerversion des nun wieder verwendeten Systems "Cactus Data Shield" Schiffbruch erlitten. Aufgrund heftiger Verbraucherbeschwerden verschwanden die CDs vom Markt.

Verwirrte Laufwerke

Hintergrund der Kopierschutz-Aktion ist ein branchenweiter Umsatzrückgang beim Verkauf von Tonträgern um 12,6 Prozent im ersten Halbjahr 2001 im Vergleich zum Vorjahr. Firmen führen den Einbruch auf die ungehinderte Kopiermöglichkeit und Tauschbörsen im Internet zurück. Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung wurden im vergangenen Jahr urheberrechtlich geschützte Musikstücke auf über 130 Millionen CD-Rohlinge gebrannt, hingegen konnte die Branche nur rund 260 Millionen Musik-CDs im Handel absetzen.

Neben BMG versuchen sich daher auch die anderen großen Musikverlage Sony, Universal, Warner und EMI mit Kopierschutzsystemen an einzelnen CD-Titeln. Nur Zomba Records, bei denen Popgrößen wie Britney Spears und die Backstreet Boys unter Vertrag stehen, liefert bereits seit Juli 2001 jede CD mit dem von Sony entwickelten Kopierschutz "key2audio" aus. Probleme soll es hier höchstens mit CD-Playern geben, die älter als 10 Jahre sind. Unabhängige Tests konnten aber Probleme auf DVD-Spielern feststellen, die normalerweise auch Audio-CDs wiedergeben. Bis Mitte 2002 wollen alle Musikkonzerne ihr Angebot kopiergeschützt ausliefern.

Um das Überspielen der CD auf den PC zu verhindern, manipulieren die Kopierschutzverfahren das Inhaltsverzeichnis der CD und arbeiten mit mehreren Aufnahme-Sessions. Das behindert Audio-Player nicht, weil sie die CD stur sequenziell lesen. CD-Rom-Laufwerke hingegen sind "Multi-Session"-fähig. Sie erwarten diverse Aufnahmeblöcke, doch die fehlerhaften Daten im Inhaltsverzeichnis bringen sie durcheinander.

Der PC erkennt eine mit "key2audio" geschützte CDs nicht. BMG brennt bei seinen mit "Cactus Data Shield" geschützten CDs die Musik noch einmal in einem komprimierten Format auf die Scheibe, damit sie sich zwar auf einem Windows-PC abspielen, aber nicht kopieren lässt.

Kopiergeschützte Audio-CDs lassen sich jedoch über einen Hifi-CD-Player kopieren. "Uns ist klar, dass es keinen hundertprozentigen Kopierschutz gibt, aber den streben wir auch gar nicht an", erklärt Hartmut Spiesecke vom Phonoverband. "Der Kopierschutz hat den Sinn, möglichst vielen Leuten das kinderleichte Kopieren von Musik-CDs so zu erschweren, dass sie es sein lassen. "

Nach der Klage eines Münchner Jurastudenten findet sich inzwischen auf nahezu allen Hüllen kopiergeschützter Musik-CDs ein Hinweis, dass sie einen Kopierschutz besitzen, und ob sie dennoch PC-kompatibel sind. Damit wollen die Hersteller Reklamationen vorbeugen. "Funktioniert die CD nicht in herkömmlichen Audio-Playern, besitzt der Kunde natürlich Gewährleistungsansprüche gegenüber dem Händler", sagt Jürgen Schröder von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Gleiches gilt auch für ältere CDs, bei denen der Hinweis erst auf der CD, und nicht schon auf der Hülle zu sehen ist.

Schlechte Zeiten könnten auf den Kunden zukommen, wenn das geplante Urheberrecht der Europäischen Union auch in Deutschland gilt: Es untersagt das Umgehen eines Kopierschutzes durch Kopierprogramme. Fragt sich nur, wofür der Anwender dann noch Urheberrechtsabgaben auf CD-Rohlinge und PC-Brenner bezahlen soll.