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Cambridge Analytica:Neues Jahr, neuer Skandal?

Facebook CEO Mark Zuckerberg Testifies At House Hearing

Wegen der Tricks von Cambridge Analytica musste Facebook-Chef Mark Zuckerberg 2018 vor dem US-Kongress aussagen. (Archivbild)

(Foto: AFP)
  • Neue Dokumente sollen belegen, dass das Unternehmen Cambridge Analytica weltweit mit Regierungen und Geheimdiensten zusammengearbeitet hat.
  • Die Datenfirma hatte 2018 Insolvenz angemeldet, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich missbräuchlich Daten von vielen Millionen Facebook-Nutzern beschafft hatte.
  • Das bislang veröffentliche Material enthält eine interessante Spur in das Umfeld von Österreichs Kanzler Sebastian Kurz.

Cambridge Analytica: Die zwei Worte stehen für die größte Krise in Facebooks Unternehmensgeschichte. Angeblich stehen sie auch für einen gewaltigen politischen Skandal. Das dubiose Datenunternehmen soll geholfen haben, Wähler zu manipulieren. Donald Trump habe seinen Wahlsieg 2016 nicht zuletzt den psychologischen Tricks von Cambridge Analytica zu verdanken, hieß es - eine Behauptung, die sich hartnäckig hält, für die es aber keine Belege gibt.

Die Diskussion über Unternehmen wie Cambridge Analytica dürfte nun von neuem losgehen: Seit Jahresbeginn veröffentlicht der Twitter-Account @HindsightFiles Dokumente. Sie stammen von der Whistleblowerin Brittany Kaiser, die vier Jahre lang für Cambridge Analytica arbeitete. Schließlich meldete das Unternehmen 2018 Insolvenz an, nachdem bekannt geworden war, dass es illegal beschaffte Daten von Facebook-Nutzern verwendet hatte. Das neue Material soll Kaiser zufolge das "industrielle Ausmaß" belegen, mit der die US-Wahl 2016, das Brexit-Referendum und weitere Abstimmungen auf der ganzen Welt manipuliert worden seien.

"In den vergangenen zwei Jahren habe ich Ermittlern, Journalisten und Forschern Beweise ausgehändigt, um zu zeigen, wie unsere Daten genutzt werden, um Demokratien zu beeinflussen", sagt Kaiser. Nach dem Wahlsieg der Konservativen in Großbritannien im Dezember habe sie sich entschieden, die neuen Dokumente und E-Mails zu veröffentlichen.

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"Ich habe große Angst vor dem, was bei der kommenden US-Wahl geschehen wird", sagte Kaiser dem Guardian. "Es ist so offensichtlich, dass unsere Wahlsysteme weit offen für Missbrauch sind." Der Facebook-Skandal sei nur Teil weit größerer, weltweiter Vorgänge. Cambridge Analytica habe für Regierungen, Geheimdienste, Unternehmen und politische Kampagnen gearbeitet, um Menschen zu manipulieren.

Das klingt dramatisch. Um die aktuellen Geschehnisse einzuordnen, muss man die früheren Vorwürfe kennen. 2018 wurde bekannt, dass sich Cambridge Analytica illegal Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern beschafft hatte. Diese Informationen soll das Unternehmen genutzt haben, um personalisierte Wahlwerbung zu schalten. Solche Anzeigen sind allerdings nicht verboten - ein "Skandal" wurde daraus, weil Cambridge Analytica eine Lücke in einer Schnittstelle von Facebook ausnutzte, um auf Nutzerprofile zuzugreifen.

Viel Hype, wenig Brisanz

In der aufgeregten Debatte flogen viele Dinge durcheinander, zum Beispiel die Begriffe Big Data, Microtargeting und Psychometrie, es wurde geraunt und gewarnt, aus Konjunktiven wurden Indikative. Bis heute ist nicht klar, was die Methoden von Cambridge Analytica bewirkt haben.

Es gibt Dutzende vergleichbare Unternehmen, bereits Barack Obama setzte in den Wahlkämpfen 2008 und 2012 auf einen datengestützten Wahlkampf und personalisierte Botschaften. Die Art und Weise, wie Trump und das Pro-Brexit-Lager mit maßgeschneiderten Anzeigen Angst und Vorurteile schürten, mag unangenehm sein - illegal ist sie nicht.

Daran ändern auch die neuen Dokumente nichts, die in den vergangenen Tagen aufgetaucht sind. Bislang wurden fünf Dossiers veröffentlicht: über Brasilien, Iran, Kenia und Malaysia sowie zu John Bolton, dem ehemaligen Sicherheitsberater des US-Präsidenten Donald Trump. Das vorliegende Material zeigt, dass Cambridge Analytica in diesen Ländern aktiv war und Bolton mit dem Unternehmen zusammengearbeitet hat - ein Teil davon war allerdings bereits bekannt.

Anfragen aus Deutschland und Österreich

Auch Deutschland und Österreich tauchen in Dokumenten auf. In einer Liste angeblicher potenzieller Geschäftspartner finden sich zwei E-Mails an Cambridge Analytica: 2016 fragte ein Mitarbeiter der Berliner Datenanalysefirma Ubermetrics, ob Interesse an einer Zusammenarbeit bestehe. Man berate viele Politiker und Parteien, darunter CDU, SPD und sogar Angela Merkel. Ubermetrics sagt, dass sich daraus keine Geschäftsbeziehung ergeben habe. Der Angestellte, der die E-Mail verschickte, arbeitet nicht mehr für das Unternehmen. Auf eine SZ-Anfrage antwortete er bislang nicht.

Zur selben Zeit nahm auch Philipp Maderthaner Kontakt mit Cambridge Analytica auf. Der Kampagnenleiter des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz gratulierte zur "großartigen PR" im Zusammenhang mit der Arbeit für die Trump-Kampagne. Das Unternehmen war damals weltweit in den Schlagzeilen, vor allem dank eines vielbeachteten Artikels im Magazin des Schweizer Tages-Anzeigers. Der Text legte nahe, dass Cambridge Analytica maßgeblich zu Trumps Wahlerfolg beigetragen hatte.

"Ich betreibe eine Beratungs- und Software-Firma", schrieb Maderthaner. "Wir arbeiten für ein breites Spektrum von Kunden aus Politik, Wirtschaft und gemeinnützigen Organisationen." Er sei interessiert, darüber zu sprechen, wie sich Wissen, Werkzeuge und Expertise von Cambridge Analytica auf Österreich, Deutschland und die Schweiz übertragen lassen.

100 000 Dokumente aus 68 Ländern sollen folgen

Einem Twitter-Nutzer, der auf die E-Mail von Maderthaner aufmerksam gemacht hatte, schrieb der Unternehmer: "Es kam nach dieser unverbindlichen Anfrage zu KEINEN konkreten Gesprächen mit Cambridge Analytica, noch zu irgendeiner Form der Zusammenarbeit." Sein Unternehmen sei sehr sensibel, wenn es darum gehe, in die Nähe unlauterer Praktiken gestellt zu werden.

Wie sensibel Maderthaner ist, zeigt seine Reaktion auf eine Anfrage des Portals Netzpolitik. "Der E-Mail-Verkehr verlief im Sand", teilte er mit, ohne Gründe dafür zu benennen. Sollten die Netzpolitik-Journalisten einen Zusammenhang zwischen ihm und Cambridge Analytica herstellen, werde er seinen Rechtsanwalt einschalten. Seine Anfrage sei "neugierig und unverbindlich" gewesen.

Eins haben die neuen Dokumente also bereits gezeigt: Die Worte Cambridge Analytica reichen, um einen PR-Profi nervös zu machen. Ob sie auch Belege für massenhafte Wahlmanipulation enthalten und beweisen, dass Trump Spendengelder verschleiert hat, wie Kaiser dem Guardian sagte, werden die kommenden Monate zeigen. @HindsightsFiles will mehr als 100 000 Dokumente aus 68 Ländern veröffentlichen.

© SZ.de/jab
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