Whatsapp im Wahlkampf Brasilien, Land der bestellten Lügen

"Er lügt auf Whatsapp" steht auf dem Schild dieser Frau, die in São Paulo gegen Jair Bolsonaro demonstriert.

(Foto: REUTERS)
  • Vor Brasiliens Präsidentschaftswahl liegt der rechte Kandidat Jair Bolsonaro in Umfragen vorn. Seine Kampagne fußt auch auf einem professionell gemanagten Geschäft mit Verleumdungen.
  • Die Falschinformationen verbreiten sich vor allem über Whatsapp. Der Dienst ist in Brasilien ein enorm wichtiges Kommunikationsmedium.
  • Für die Verbreitung der Lügen soll Geld von Unternehmern geflossen sein. Deshalb ermittelt nun die Bundespolizei.
Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Dr. Claudio Machado, der "Konsul des Europäischen Konsulats in Brasilien", empfiehlt die Wahl von Jair Bolsonaro. Er teilt in sozialen Netzwerken mit: "Europa würde zehn Mal mehr in Brasilien investieren", er verspricht eine "große Welle" von Arbeitsplätzen. Die EU hat aber gar keinen Konsul in Brasilien, und hätte sie einen, würde er sich gewiss nicht auf diese Weise in den Wahlkampf einmischen. Machados Follower glauben es, den Kommentaren zufolge, trotzdem.

Gern geglaubt und massenhaft verbreitet wird auch die Story von den "mamadeiras eróticas", den erotischen Milchfläschchen. Demnach hat Fernando Haddad, der linksgerichtete Gegenkandidat Bolsonaros, in seiner Zeit als Bürgermeister von São Paulo Krippen und Kindergärten mit Flaschen ausgerüstet, deren Nuckel wie Penisse geformt waren - angeblich um die Homophobie zu bekämpfen. "Das ist es, was Haddad unseren Kindern predigt", hieß es in einem landesweit bekannten Video unbekannten Ursprungs. Natürlich ist diese Geschichte frei erfunden.

Haddad, der in São Paulo ein international gerühmtes Radwegenetz bauen ließ, besitzt auch keinen gelben Ferrari, wie viele seine Gegner inzwischen behaupten. Das angebliche "Beweisvideo" wurde bei einer Testfahrt auf der Formel-1-Strecke von Interlagos aufgenommen. Haddad hat auch nie gefordert, die Kirchen in Brasilien zu verbieten oder die brasilianische Flagge abzuschaffen. Und nein: Die Nazis waren nicht links, auch wenn in ihrem Parteinamen das Wort "sozialistisch" vorkommt.

Whatsapp-Gruppen sind das wichtigste Medium in Brasilien

Auf die Frage, wieso am kommenden Sonntag rund 60 Prozent der Brasilianer für den rechtsextremen Bolsonaro stimmen wollen, gibt es ein Bündel von Antworten. Aber es führt kein Weg an der Teilerklärung vorbei: Weil seine Kampagne auf einem professionell gemanagten Geschäft mit Lügen und Verleumdungen fußt.

In Brasilien läuft das vor allem über den Messenger-Dienst Whatsapp, der in diesem Land rund 120 Millionen aktive Nutzer hat (bei 208 Millionen Einwohnern). Whatsapp-Gruppen sind hier seit Jahren das wichtigste Medium, um mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben. Auch Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Lehrer, Ärzte und Pressesprecher aller Art kommunizieren sehr gern auf diese Weise.

Derzeit erlebt das einstige Fernsehland seinen ersten Whatsapp-Präsidentschaftswahlkampf. Fast die Hälfte der Brasilianer gibt an, sich vor allem über diesen Kanal zu "informieren". Die Faktencheck-Organisation Agência Lupa hat die fünfzig meistgeteilten Bilder mit politischem Inhalt in Whatsapp-Gruppen seit Beginn des Wahlkampfes analysiert. Nur vier davon wurden als "komplett wahr" eingestuft.

Richtig ist sicherlich: Die Lügen kennen keine politischen Grenzen. Auch über Bolsonaro kursieren Falschmeldungen. Da ist etwa die Behauptung, die auf ihn verübte Messerattacke von Anfang September sei inszeniert gewesen. Zum einen hat die Bolsonaro-Fraktion aber eine deutlich größere Reichweite, weil sie schlichtweg besser vernetzt ist. Zum anderen verdichten sich die Hinweise, dass auf dieser Seite mit illegalen Methoden nachgeholfen wird.

Laut einer Recherche von Brasiliens größter Zeitung Folha de S. Paulo haben mehrere Unternehmen eine massive Verbreitung von Whatsapp-Nachrichten finanziert, die sich gegen die Arbeiterpartei von Fernando Haddad richteten. Die Kontaktdaten der Empfänger wurden demnach von Bolsonaros Wahlkampfteam geliefert oder bei spezialisierten Agenturen gekauft. Dafür seien Verträge über umgerechnet knapp drei Millionen Euro geschlossen worden. Vor der Stichwahl am 28. Oktober sei eine neue Offensive geplant.

Es geht nur noch um Schadensbegrenzung

Nach der Enthüllung hat die Bundespolizei Ermittlungen aufgenommen, denn in Brasilien ist eine Wahlkampffinanzierung durch die Privatwirtschaft streng verboten. Bolsonaro bestreitet das alles gar nicht. "Ich weiß, dass das gegen das Gesetz verstößt", sagte er, allerdings könne er nicht kontrollieren, was ihm freundlich gestimmte Unternehmer täten. Im Übrigen sei die PT, also Haddads Arbeiterpartei, kein Opfer von Fake News, sondern der Wahrheit.

Die PT sprach in einem Statement von einer "Industrie der Lügen" und einem "Wahlkampf-Verbrechen", sie forderte die Annullierung der Kandidatur Bolsonaros. Auch das Oberste Wahlgericht beschäftigt sich mit dem Fall. Die Vorwürfe wiegen schwer, gleichwohl gilt es als extrem unwahrscheinlich, dass Bolsonaro zu diesem Zeitpunkt noch juristisch aus dem Rennen genommen wird.

Es geht jetzt vor allem um Schadensbegrenzung. Brasilen hat in den vergangenen Jahren ernsthafte Anstrengungen unternommen, um die Verbreitung von Fake News zu unterbinden. Facebook und Google werden dort mitunter strenger kontrolliert als in vielen anderen Ländern. Aber das hat offenbar lediglich zu einer Verdrängung der Lügenkampagnen in Richtung Whatsapp geführt. Die oft geschlossenen Chat-Gruppen sind dort auf 256 Mitglieder begrenzt und deutlich schwerer zu kontrollieren. Viele Brasilianer unterhalten sich in mehreren Hundert solcher Gruppen gleichzeitig. So verbreitet sich ihren Nachrichten rasend schnell und wirken oft besonders glaubwürdig, weil sie von persönlich bekannten Telefonkontakten stammen.

Whatsapp, ein Unternehmen, das zu Facebook gehört, teilte mit, dass es Hunderttausendende brasilianische Accounts für die Dauer der Wahlkampfperiode wegen verdächtiger Inhalte gesperrt habe, darunter auch den von Jair Bolsonaros Sohn Flávio. Aber niemand macht sich Illusionen, dass die Wahrheit damit wieder zu ihrem Recht käme. Rosa Weber, die Vorsitzende des Wahlgerichts, antwortete auf die Frage, womit man die Verbreitung von Falschinformationen stoppen könne: "Nur mit einem Wunder."

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