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Boom und Streit in San Francisco:Profit durch die IT-Industrie? Nicht beim Pizzabäcker

In der Lower Haight, einem kleinen Stadtteil, nett gelegen zwischen Downtown und dem Hippie-Viertel Haight-Ashbury, lässt sich noch erahnen, wie die Stadt einmal gewesen sein muss. Noch gibt es vereinzelt Bars, in denen den ganzen Tag über Punkrock läuft. Oder Kneipen, die Molotov's heißen. Noch kostet das Bier drei Dollar, in der Happy Hour. Doch auch hier verändert sich die Nachbarschaft. Sambath Heng betreibt hier seit 26 Jahren einen Pizzaladen. Er heißt Bus Stop Pizza, das Geschäft liegt genau an einer Bushaltestelle. Es ist eine jener Stationen, an der nun zwei Mal täglich die Karawanen der Internetunternehmen einfallen. Wenn irgendjemand abseits der Technikindustrie und der Transportunternehmen von den Bussen profitieren müsste, dann vermutlich Heng.

Doch wenn man ihn darauf anspricht, holt der 53-Jährige erst einmal tief Luft. Dann tritt er hinter seiner Ablage hervor und setzt wild gestikulierend zu einer Erklärung an. "Die ganzen Technikfirmen versorgen ihre Mitarbeiter doch mit kostenlosem Essen", sagt Heng. Er profitiere davon überhaupt nicht. "Die steigen hier abends aus und gehen in ihre Wohnungen. Wenn sie überhaupt mal Essen gehen, dann gehen sie irgendwo hin, wo es teuer ist." Er merke nur, dass er immer weniger Umsatz mache, weil seine Stammkunden aus dem Viertel verdrängt würden. Zudem müsse er ständig mehr Miete zahlen. "Als ich hier angefangen habe, hat mich der Laden 500 Dollar im Monat gekostet. Jetzt sind es 3200 Dollar. Wissen Sie, wie viele Pizzen ich dafür backen muss?"

Als 16-Jähriger sei er mit seinen Eltern aus Kambodscha geflohen, erzählt Heng. Mit 18 Jahren habe er zum ersten Mal als Pizzabäcker gearbeitet - und dann nie wieder aufgehört. So schwer wie heute habe er es noch nie gehabt. "Vor 15 Jahren habe ich noch Geld verdient. Heute verdiene ich nichts mehr", sagt er. Wer mit den Ladenbesitzern, den Taxifahrern und auch den Gewerkschaftern in dieser Stadt spricht, der trifft auf viele solche Menschen, die genug haben. Die nicht mehr mithalten können mit dem Wachstum, das die Technologiefirmen vorgeben. Ein Programmierer in San Francisco verdient heute im Schnitt 48,29 Dollar pro Stunde. Das Einkommen einer durchschnittlichen Servicekraft liegt in der gleichen Zeit bei 12,74 Dollar.

Es geht um mehr als Geld

Doch es ist nicht nur das Geld, das die Metropole zu zerreißen droht. Als sich vor wenigen Wochen der Jungunternehmer Greg Gopman über die zahlreichen Obdachlosen in der Stadt ausließ, sorgte das nicht deswegen für Aufsehen, weil Gopman besonders reich wäre. Es war seine Wortwahl. Sie verdeutlichte, dass die Technikindustrie Menschen in die Stadt bringt, die dort bislang nichts zu sagen hatten. "In der Innenstadt von San Francisco rotten sich die Degenerierten wie Hyänen zusammen, sie spucken, urinieren, spotten, verkaufen Drogen, sind rauflustig und benehmen sich, als würde ihnen das Stadtzentrum gehören", schrieb Gopman und brachte damit nicht nur die Anwälte der Armen gegen sich auf, sondern auch manche in der Technikszene.

"Gopman und seine Firma sind für unseren Planeten von keinem ersichtlichen Nutzen oder Wert", konterte das Klatschmagazin Valleywag. Warum nimmt sich jemand, der Zusammenkünfte für Start-ups organisiert, das Recht heraus, so abfällig über andere Menschen zu urteilen? Die Antwort darauf hat viel mit der Mentalität zu tun, welche den Erfolg der Technikindustrie ermöglicht hat.

Ebenso smart wie die Software und Geräte, die sie verkaufen, ist das Selbstverständnis der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter. "Don't be evil", heißt das bei Google - "Sei nicht böse". Die Unternehmen können in diesem neuen, smarten Kapitalismus gar nicht die Bösen sein. Sie sind die Guten, die den Menschen das Leben erleichtern und die Welt verändern. Und viele in der Branche glauben das auch. "Der Kommerz wird als Kunst und Revolution beschrieben und die riesigen Unternehmen werden als Agenten der Gegenkultur porträtiert", schreibt Solnit. Dass es in Wahrheit vor allem um Dollars gehe und dass die Branche nach wie vor enge Beziehungen zum Militär unterhalte, davon werde nicht so gerne gesprochen.

Und so scheint das Verhältnis zwischen dem neuen und dem alten San Francisco inzwischen ein großes Missverständnis zu sein. Die Neuankömmlinge halten sich für die Guten. Die Alteingesessenen sind der Meinung, dass bislang alles gut war und es bitte auch so bleiben möge. Aufeinanderzugehen wollen sie kaum. "Neulich hat mir jemand vorgeschlagen, ich könnte ja einen roten Teppich auslegen, dann würden die Technik-Jungs vielleicht reinkommen", sagt Pizzabäcker Heng. Er versucht, ironisch zu lachen, um zu zeigen, dass ihm so etwas niemals in den Sinn kommen würde. Es gelingt ihm nicht.

© SZ vom 18.02.2014/jab
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