bedeckt München 22°
vgwortpixel

Blogeintrag zu Terroropfern:Stellt euch auf Islamophobie ein

Als meine Leute gestorben sind, hat das die Welt nicht in Trauer gestürzt. Ihr Tod war nicht mehr als ein irrelevanter Tupfen im internationalen Nachrichtenzyklus, etwas, das eben in diesen Teilen der Welt passiert.

Und wisst ihr was, das ist okay für mich. Im vergangenen Jahr habe ich mich damit abgefunden, eines von den Leben zu führen, die egal sind. Ich habe gelernt, es zu akzeptieren und damit zu leben.

Stellt euch darauf ein, dass in den kommenden Tagen die Islamophobie in der Welt wieder ansteigt. Stellt euch auf Artikel darüber ein, dass Extremismus keine Religion hat und darüber, dass die Mitgleider des Islamischen Staates keine echten Muslime sind, und das sind sie sicher nicht, denn kein Mensch mit auch nur einem Funken Moral in sich würde solche Dinge tun. Der IS hat islamophobe Reaktionen eingeplant, die er dann benutzen kann, um seinen höllischen Finger auszustrecken und jedem empfänglichen Geist, der ihm zuhört, zu sagen: Schau, sie hassen uns.

Nur wenige sind fähig, darüber zu stehen.

Stellt euch darauf ein, dass Europa in den kommenden Tagen versuchen wird, mit wachsender Ablehnung gegen die Flüchtlinge klarzukommen, die in seine Länder strömen, mit den Fingern auf sie zeigen wird und sie beschuldigen wird, schuld an der Nacht des 13. November in Paris zu sein. Wenn Europa nur wüsste, dass für diese Flüchtlinge jede Nacht in den vergangenen zwei Jahren so war wie die Nacht des 13. November in Paris. Aber schlaflose Nächte sind nur wichtig, wenn dein Land es schafft, dass die ganze Welt in den Farben seiner Fahne erstrahlt.

Wenn das die Normalität ist, soll sie zur Hölle fahren

Noch schrecklicher an der Reaktion auf die Pariser Terrorangriffe war aber, dass manche Araber und Libanesen trauriger darüber waren, was dort passierte, als über das, was am Tag zuvor in ihrem eigenen Hinterhof passiert ist. Sogar unter meinen Leuten gibt es das Gefühl, dass wir nicht so wichtig sind, dass unsere Leben nicht so wertvoll sind und dass wir es, nicht einmal ein bisschen, verdient haben, dass unsere Toten kollektiv betrauert werden und für sie gebetet wird.

Es ergibt vielleicht Sinn, dass Libanesen, die eher Paris besuchen als Dahyeh (Dahieh oder Dahyeh: die südlichen Vororte, zu denen auch der Anschlagsort Bourj el-Barajneh gehört; Anm. d. Red.), sich mehr um Ersteres scheren als um Letzteres, aber viele der Leute, die ich kenne, die am Boden zerstört sind wegen des Chaos in Paris, geben einen Scheißdreck darauf, was 15 Minuten von ihrem Wohnort entfernt mit Menschen passiert, denen sie vielleicht schon einmal begegnet sind, als sie durch vertraute Straßen liefen.

Wir können darum bitten, dass die Welt doch Beirut für genauso wichtig halten soll wie Paris, oder dass Facebook für uns einen "Safety Check"-Button einführt, den wir jeden Tag benutzen können, oder darum, dass Menschen sich überhaupt um uns sorgen. Aber die Wahrheit ist, wir sind ein Volk, das sich nicht einmal um sich selbst sorgt. Wir nennen es Gewöhnung, aber das ist es nicht wirklich. Wir nennen es "neue Normalität", aber wenn das die Normalität ist, soll sie zur Hölle fahren.

In einer Welt, die sich nicht um arabische Leben schert, stehen Araber in der vordersten Frontlinie.

Übersetzung: Jannis Brühl

© SZ.de/ewid
Zur SZ-Startseite