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Blockchain:Kampf um die Seele von Bitcoin

WIR

Zwei Gruppen streiten, wie Bitcoins künftig funktionieren sollen: eher wie elektronisches Geld zum Bezahlen oder als Anlageform zum Investieren.

(Foto: Shutterstock)
  • Die Digitalwährung Bitcoin hat sich in zwei verschiedene Systeme geteilt. Es gibt nun Bitcoin und zusätzlich "Bitcoin Cash".
  • Hinter der Spaltung steht eine Gruppe von Entwicklern, die mit der bestehenden Architektur des Digitalgelds unzufrieden ist.
  • Für kleine Zahlungen lohnte sich der "alte" Bitcoin nicht mehr, deshalb gibt es nun "Bitcoin Cash".
  • Die Spekulation auf Wertzuwachs von Digitalwährungen nimmt insgesamt zu. Für einige ist das ein Verrat an der Grundidee.

Von Christoph Behrens

Für Bitcoin beginnt eine neue Zeitrechnung. Seit Dienstagnachmittag hat sich die Digitalwährung in zwei verschiedene Systeme geteilt. Es gibt die Währung nun doppelt - einmal wie gehabt als Bitcoin, und zusätzlich als "Bitcoin Cash".

Die Spaltung heißt im Jargon der Szene "Fork", eine "Gabelung". Sie ist der vorläufige Höhepunkt einer turbulenten Entwicklung der neuen Währung. Am Anfang stand die Idee eines bis heute anonymen Programmierers, der 2009 das Geld für Nerds erfand. Heute ist ein Bitcoin 2300 Euro wert. Damit ist die Währung insgesamt 40 Milliarden Euro schwer, mehr als der Börsenwert der Deutschen Bank. Selbst einige große Unternehmen und Organisationen wie Microsoft oder Wikipedia akzeptieren mittlerweile Bitcoins. Kaufen lassen sich Bitcoins über spezialisierte Anbieter im Internet, häufig reicht eine Kreditkarte. Viele spekulieren auf kurzfristige Kurssprünge, ohne zu wissen, wie Bitcoin genau funktioniert.

Die Spaltung macht die Zukunft der Währung deutlich unsicherer. Bitcoin unterscheidet sich fundamental von klassischen Währungen wie dem Euro oder dem Dollar. Die Währung existiert nur digital, es gibt keine physischen Münzen oder Scheine. Vielmehr kann man sich Bitcoin wie ein sehr langes Buch vorstellen, das alle vergangenen Transaktionen mit der Währung enthält. Dieses Buch, genannt "Blockchain", wird permanent mit allen neuen Transaktionen fortgeschrieben.

Die gemeinsame Geschichte endet

Damit niemand betrügen kann, sind die Computer der Bitcoin-Besitzer zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und kontrollieren die Überweisungen gemeinsam. Dadurch erzeugen sie eine gemeinsame Bitcoin-Geschichte und sorgen für das Fundament der Währung. Nun endet die gemeinsame Geschichte, aus dem Bitcoin werden zwei unterschiedliche Währungen, eine alte und eine neue. Es ist, als hätte man eine Kopie des Buchs gemacht, um es nach eigenen Regeln fortzuschreiben.

Hinter der Spaltung steht eine Gruppe von Entwicklern, die mit der bestehenden Architektur des Digitalgelds unzufrieden ist. "Wir, das Volk, werden Bitcoin neues Leben einhauchen", heißt es in einer Erklärung von Bitcoin Cash, der rebellierenden Partei. Der Auslöser des Konflikts scheint banal zu sein: Die Gruppen streiten, wie viele Transaktionen ein Abschnitt der Blockchain speichern kann. Für den konkreten Nutzen der Währung ist das entscheidend. Derzeit vergrößert sich der Speicherplatz etwa alle zehn Minuten um ein Megabyte. Damit kann das Bitcoin-Netzwerk maximal sieben Zahlungen in der Sekunde bewältigen, in der Praxis häufig weniger.

Seit Anfang des Jahres verdreifachte sich der Wert eines Bitcoin

Zum Vergleich: Visa oder Mastercard stemmen einige Zehntausend Zahlungsvorgänge pro Sekunde. Die bestehende Bitcoin-Architektur wirkt damit wie ein Flaschenhals, der die Verbreitung für Anwendungen wie Onlineshopping massiv erschwert. Hinzu kommt, dass Nutzer einen Teil der Überweisungssummen als Transaktionsgebühren an das Bitcoin-Netzwerk abführen müssen. Diese Gebühren fallen horrend aus, vor allem weil der Bitcoin-Preis zuletzt stark gestiegen ist. Für kleine Zahlungen lohnt sich Bitcoin schlichtweg nicht mehr.

Die Entwickler um Bitcoin Cash erhöhen deshalb die Kapazität für Überweisungen in ihrer Version auf das Achtfache, damit das Netzwerk schneller wachsen kann. Bitcoin Cash "bringt solides Geld in die Welt", schreibt die Gruppe. Händler und Nutzer würden von niedrigen Gebühren und schnellen Überweisungen profitieren.

Entweder Wertanlage oder nützlich für Kleinstzahlungen

Der Vorschlag von Bitcoin Cash ist im Prinzip vernünftig. Dennoch ist unklar, wie viele Anwender sich für die neue Digitalwährung entscheiden werden. Das liegt vor allem an der Wertentwicklung von Bitcoin selbst. Allein seit Anfang des Jahres verdreifachte sich der Wert eines Bitcoin, von 900 US-Dollar auf nun mehr als 2700; vor fünf Jahren war ein Bitcoin noch zehn Dollar wert. Der Kurs von Bitcoin Cash dürfte deutlich unter dem der alten Bitcoins liegen.

"Es gibt in der Bitcoin-Gemeinde zwei Gruppen mit sehr unterschiedlichen Visionen", sagt Emin Gün Sirer, Informatiker und Experte für Cryptowährungen von der amerikanischen Cornell Universität. "Die einen sehen Bitcoin als neuen Vermögensgegenstand, als Wertanlage, die man kauft, aber mit der man niemals bezahlt. Die anderen sehen Bitcoin als nützlich für Zahlungen, sogar sehr kleine Zahlungen." Die Wertvorstellungen dieser Gruppen unterscheiden sich fundamental, sagt Sirer. Was für die einen eine Schwäche ist - langsame Überweisungen und ein hoher Kurswert - ist für die anderen eine Stärke. Für sie ähnelt Bitcoin eher Gold als liquiden Zahlungsmitteln.

Zu den aggressivsten Anhängern der Investment-Idee zählen die Brüder Tyler und Cameron Winklevoss. Die US-amerikanischen Geschäftsleute investieren seit 2013 in großem Stil in Bitcoin. Kürzlich scheiterten sie bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC mit einem Antrag, einen passiv gehandelten Fonds (ETF) auf Bitcoin aufzulegen, was die Währung noch mehr Spekulationen ausgesetzt hätte. Doch auch so riskieren technisch wenig versierte Bürger ihr Erspartes, um auf Wertzuwachs zu wetten. In den USA bietet die Firma Bitcoin IRA seit 2016 eine Altersvorsorge auf Bitcoin-Basis an. Im ersten Jahr sei rund eine Million US-Dollar im Monat von Anlegern zusammengekommen, sagte der Chef der Firma, Chris Kline, dem US-Sender CNBC. Mittlerweile sei es eine Million Dollar am Tag.

Die Spekulation nimmt zu

Diese Art Investment ist hochriskant, die meisten Anleger dürften kaum ahnen, welchen internen Machtkämpfen und politischen Unsicherheiten die Cyberwährung ausgesetzt ist. Für manche Anhänger der ersten Stunde ist die zunehmende Spekulation ohnehin ein Verrat an der ursprünglichen Idee eines neuen Gelds für alle, losgelöst von Zentralbanken und Staaten. Sirer vermutet, dass Bitcoin Cash nicht der letzte Versuch sein wird, die Digitalwährung zu reformieren. Für den Fall, dass die Neulinge scheitern, rechnet er mit weiteren Anläufen, den Bitcoin neu zu erfinden. "Kurzfristig steht eine sehr chaotische Zeit bevor", sagt Sirer.

Dabei glaubte die Bitcoin-Community eigentlich, die Teilung ihres Projekts in letzter Minute abgewendet zu haben. Mitte Juli signalisierte eine Mehrheit der Nutzer Unterstützung für eine Änderung des Bitcoin-Protokolls, genannt "Bitcoin Improvement Proposal 91" (BIP91). Es soll den Weg für weitere Updates ebnen, um das alte Bitcoin-Netzwerk ebenfalls schneller zu machen. Ob das gelingt, ist derzeit aber noch offen. Ähnliche Versuche, die Bitcoin-Software maßgeblich weiterzuentwickeln, sind in den letzten Jahren häufig gescheitert. Beobachter wie die Internet-Forscherin Primavera de Filippi von der Harvard Universität schreiben dies auch einer diffusen "Machtstruktur" innerhalb des Netzwerks zu: Im Prinzip entscheiden die Nutzer anhand ihrer bereitgestellten Rechenleistung über Änderungsvorschläge. Allerdings halten wenige professionelle Anbieter, die vor allem in China sitzen, mittlerweile die Mehrheit im Bitcoin-Netzwerk. Praktisch verfügt eine kleine Gruppe Kernentwickler zudem über relativ viel Macht bei der Weiterentwicklung. Die Gruppe um Bitcoin Cash sah innerhalb dieses Modells keinen Raum für tiefgreifende Veränderungen - und verabschiedet sich nun ganz aus dem System.

Auf dem sozialen Netzwerk Reddit, wo die Szene diskutiert, scheinen die Sympathien klar verteilt. In grafischen Darstellungen wird Bitcoin Cash verglichen mit: beim Start explodierenden Raketen; mit Passagieren, die aus Zügen springen; oder damit, einen Bauchplanscher vom Zehnmeterbrett hinzulegen. Für Bitcoin Cash könnte dies zutreffen. Für Bitcoin selbst auf lange Sicht aber auch.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde um einen Absatz zum "Bitcoin Improvement Proposal 91" ergänzt. In einem Absatz hieß es außerdem, es sei für Besitzer von Bitcoins finanziell riskant, zum neuen Netzwerk zu wechseln. Dies gilt jedoch nur unter bestimmten Bedingungen. Im Normalfall haben Bitcoin-Besitzer nach der Abspaltung zusätzlich die gleiche Summe Bitcoin Cash zur Verfügung.

© SZ vom 02.08.2017/mri/sih
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