bedeckt München 13°

User Generated Content:Internetnutzer als kostenlose Arbeitskraft

Nicht nur Home-Office: Nutzer werden regelmäßig für Aufgaben eingespannt, um die sich eigentlich der Staat und Unternehmen kümmern müssten.

(Foto: AP)

Unternehmen lagern Aufgaben an ihre Kunden aus, der Staat versagt, die Bürger müssen es richten: Wie Internetnutzer eingespannt werden.

Von Michael Moorstedt

Beginnen wir mit zwei Meldungen der vergangenen Woche, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Seit Kurzem gibt es ein neues Mittel im Kampf gegen Falschinformationen im Netz. Um gegen Fake News vorzugehen haben Twitter-Nutzer nun in einem Test-Programm des Unternehmens die Möglichkeit, selbst auffällige Inhalte zu prüfen und Informationen zum Kontext zu liefern. Wer einen fragwürdigen Tweet meldet, wird zunächst gefragt, weshalb der Inhalt irreführend erscheint und wie groß der möglicherweise verursachte Schaden sein könnte. Andere User können diese Reaktion bewerten und abstimmen, ob sie hilfreich und wahrheitsgetreu ist.

Birdwatch heißt das Pilotprojekt. Nachdem die hausinternen Anstrengungen so gut wie nicht gefruchtet haben, setzt man jetzt also auf die Community, um Fake News zu bekämpfen. Keine KI, die in kürzester Zeit Millionen Einträge automatisch durchforstet, und auch kein professionelles Fact-Checking-Team: Es liegt am einzelnen Nutzer, für eine angenehme Umgebung auf dem Portal zu sorgen.

Die zweite Meldung erreichte uns vergangene Woche aus New York. Dort war der Softwareentwickler Huge Ma, als er einen Impftermin für seine Mutter ausmachen wollte, dermaßen frustriert über die technischen Hürden, dass er flugs eine eigene Lösung programmierte. Gerade Senioren, die als Erstes an der Reihe wären, geimpft zu werden, kommen mit den unnötig komplizierten Formularen und der undurchsichtigen Technik kaum zurecht.

Mas Website turbovax.info wertet mehr als 40 Impfportale aus, und wer sich einträgt, wird sofort benachrichtigt, falls ein neuer Impftermin frei werden sollte. Der Programmierer arbeitete in seiner Freizeit und an Feierabenden an dem Projekt. Ein jeder habe in der Pandemie seine Rolle zu spielen, so Ma der New York Times, er tue nur so viel er könne, um es ein bisschen leichter zu machen.

Was vom Nutzer einst als Befreiung empfunden wurde, wird aber immer mehr zur Notwendigkeit

Solche Geschichten zeigen, dass es heutzutage immer öfter am Einzelnen liegt, für eine angenehme Informationsumwelt oder für funktionierende Systeme zu sorgen. Versagende Institutionen, egal ob es sich um inkompetente Behörden oder desinteressierte Unternehmen handelt, lagern ihre Verantwortung an das Individuum aus.

In früheren und wohl auch einfacheren Zeiten hieß das Crowdsourcing. User-generated content war Mitte der Nullerjahre das große Versprechen. Nachdem man den Rest der Geschichte im Schatten von gesellschaftlichen Gatekeepern verbracht hat, gab es für den einzelnen Nutzer jetzt endlich die Möglichkeit zur ungefilterten Selbstrepräsentation. Was vom Nutzer einst als Befreiung empfunden wurde, wird aber immer mehr zur Notwendigkeit. Im neoliberalen System wird Eigeninitiative als höchste Bürgerpflicht und edelstes Wesensmerkmal gepredigt, im Gegenzug wurden Wohlstand und gesellschaftliche Teilhabe versprochen. Das Netz ist nur der neueste Austragungsort dieses Gebots. Doch weder Konzerne, deren Aufgabe es ist, für ihre Kunden ein funktionierendes Produkt anzubieten, noch ein Staat, dessen inhärenter Daseinszweck es ja irgendwann mal war, sich um seine Bürger zu kümmern, scheinen noch großartig daran interessiert zu sein, eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen.

© SZ/freu
Zur SZ-Startseite

IT-Sicherheit
:Wenn die Trinkwasserversorgung gehackt wird

Hacker dringen ins System eines Wasserversorgers in Florida ein und erhöhen den Anteil von gefährlichem Ätznatron im Wasser. Dass dabei Menschen zu Schaden kommen konnten, stört die Angreifer offenbar nicht.

Von Max Muth

Lesen Sie mehr zum Thema