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"Big Data":"Ende der Theorie"

Der Buzz um Big Data ist also erst einmal schiere Verzweiflung an der großen Zahl, verkauft als Freude. Es ist das ungläubige Staunen auch darüber, dass sich die Serverfarmen mit ihren riesigen Daten-Reservoirs wie von selbst füllen. Angeblich verdoppelt sich das Gesamt-Datenvolumen alle zwei Jahre. Das Heu ist also da, aber man will die Stecknadeln darin.

Allein: was sind das für Nadeln? Verdächtige? Konsumenten? Kranke? Und wie will man sie finden? Denn klassische Datenbank-Anwendungen durchdringen den unstrukturierten Wust nicht mehr, auch Rechner, die schnell genug wären, damit zu operieren, sind noch rar. Insofern spricht Sabine Bendiek, eine Analystin von EMC, einer US-Firma, die sich auf das Datendurchforsten spezialisiert hat, auch von "toten Daten". 80 Prozent der Digitalbestände seien für herkömmliche Datenbankabfragen unbrauchbar. "Big-Data"-Anwendungen sollen sie erst "zum Leben erwecken".

Gemeint ist damit, dass man ja nicht nur das Web-Geschwätz, die Suchanfragen, Bilder und Videos erfasst hat, sondern auch Daten aus Mikrosensoren, die in Industrie-Apparaturen und Autos, in Satelliten und Kommunikationsgeräten verbaut sind. Diese messen und registrieren Standorte, Bewegungen, Vibrationen, Temperaturen, Feuchtigkeit und sogar die chemischen Veränderungen in der Luft. Wenn man das nun alles zusammenbringen und auswerten könnte, wenn man Verhalten, Umwelt und Kommunikation auf irgendeinen gemeinsamen Nenner bringen könnte, wenn man, um im Bild zu bleiben, die Raffinierung des Rohstoffes im Griff hätte - dann wären in Zukunft die Verarbeitung natürlich gesprochener Sprache, Muster-Erkennung und Profilierung von Daten, ja die Selbstoptimierung von Maschinen durch eigenständiges Lernen denkbar. Sagt man. Glaubt man.

Gary King, der Direktor des Harvard-Instituts für Quantitative Soziologie, schwärmt jedenfalls schon: "Wir sind noch am Anfang, aber schon gut unterwegs. Doch dieser Marsch der Quantifikation, den uns die Big Data ermöglichen, wird durch Regierungen, Wissenschaft und Business hindurchfegen. Nichts wird davon unberührt bleiben." Soll man sich also freuen?

Chris Anderson, der Chefredakteur des Wired-Magazine, hat in Anbetracht der Daten schon vor vier Jahren "das Ende der Theorie" ausgerufen: "Dies ist die Welt, in der Big Data und angewandte Mathematik jedes andere Erkenntnis-Werkzeug ersetzen. Weg mit jeder Theorie zum menschlichen Verhalten - von der Linguistik bis zur Soziologie! Vergesst Taxonomie, Ontologie und Psychologie! Wer weiß schon, warum Menschen sich so und nicht anders verhalten? Der Punkt ist, sie tun es, und wir können es mit beispielloser Genauigkeit messen und erfassen. Wenn wir nur genug Daten haben, sprechen sie für sich selber."

Bevor man nun anfängt, solche Visionen von der Datenauswertung in Echtzeit zu wägen, muss man sich klar machen, wer gerade von Big Data schwadroniert. Es sind eben Unternehmen, Analysten, die diesen Unternehmen zuarbeiten, wissenschaftliche Einrichtungen und Regierungsstellen. Sie alle stehen unter hohem Rechtfertigungsdruck, sie müssen Aktionäre bei der Stange halten und Kunden akquirieren, sie müssen Drittmittel einfordern und ihr Behördentum sinnvoll und effektiv erscheinen lassen. Dafür ist nichts besser geeignet als der Gesang von Fortschritt und neuen Marktchancen. Wenn man nun den Wust aus 80 Prozent bislang unbrauchbarer, unstrukturierter Daten zu Gold erklären kann, umso besser. Ein bisschen hippe Zukunft muss man ja überall im Köcher haben, sonst gilt man als rückständig.