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Bestseller "Digitale Demenz" von Manfred Spitzer Krude Theorien, populistisch montiert

In seinem Bestseller "Digitale Demenz" behauptet Manfred Spitzer, Computer und Smartphones machten Kinder dumm. Mit seiner Polemik bedient der Psychiater die Ängste verunsicherter Eltern - mithilfe bizarrer und oberflächlicher Argumente.
Werner Bartens

Eine erfolgreiche Strategie, als vermeintlicher Experte mächtig Eindruck zu schinden, geht so: Man hält beispielsweise einen Vortrag zu den Vorzügen des Dinner Canceling und behauptet, dass es gesund sei und zu einem längeren Leben führe, wenn man sich von einem anständigen Abendessen fernhält. Wissenschaftlich ist das zwar Unfug, aber da es so schön die Verzichtsbedürfnisse einer übersatten Gesellschaft bedient, findet sich immer wieder ein Publikum für derartige Thesen, wie sie beispielsweise der umstrittene Wiener Arzt und Anti-Aging-Aktivist Johannes Huber gerne verbreitet.

Hirnforscher Manfred Spitzer, Autor des Buchs "Digitale Demenz".

(Foto: dpa)
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Da er wohl ahnt, dass seine Thesen einer seriösen wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten, streut Huber gerne allerlei Abbildungen von Gensequenzen, histologischen Färbungen und molekularbiologischen Analysen in seine Vorträge. Dieses pseudowissenschaftliche Allerlei ist inhaltlich nur zusammenhangsloser Zierrat, beeindruckt aber viele Zuhörer wie auch die meisten Leser seiner Bücher. Sie verstehen zwar nicht so genau, was da gezeigt wird, denken sich aber: Der Mann kennt sich aus!

Manfred Spitzer ist kein Anti-Aging-Aktivist, sondern Missionar. Spitzer hat ein Anliegen. Er will die Menschheit vor der Verblödung bewahren, die ihr unweigerlich durch Computer, Handy, Fernsehen sowie das Navi im Auto droht und von digitalen Dealern überall auf der Welt befeuert wird. Über sein neuestes Werk "Digitale Demenz - Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" (Droemer), das es an die Spitze der Bestsellerlisten geschafft hat, urteilt Spitzer selbst: Dieses Buch "wird in den Augen vieler Menschen ein unbequemes Buch sein, ein sehr unbequemes", schreibt der Autor über sein Werk. In erster Linie ist es ein ärgerliches und schludriges Buch.

Es drohen Internetsucht und ADHS

Spitzer warnt in seiner Kampfschrift vor Verflachung, Vergesslichkeit und Vereinsamung. Neben dem Wort "Ich" kommt wohl kein Begriff so oft vor wie der flehentliche Ausruf: "Es geht um unsere Kinder." Schließlich drohen Internetsucht und ADHS, mindestens. "Als Psychiater und Gehirnforscher kann ich aber nicht anders", beschreibt Spitzer den Zwang, der ihn in die Tasten greifen ließ. "Ich habe Kinder und möchte nicht, dass sie mir in zwanzig Jahren vorhalten: Papa, du wusstest das alles - und warum hast du dann nichts getan?"

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Nun weiß Spitzer zweifellos eine ganze Menge, nur kann er diesen Informationswust nicht kohärent ordnen und strukturieren. Damit zeigt er in seinem Buch aufs anschaulichste jene dissoziativen Symptome, die seiner Theorie zufolge durch übermäßigen Medienkonsum drohen: Oberflächlichkeit und fehlende Orientierung.

So zeigt und erläutert Spitzer ausführlich die Gefahren, die bei einer radiologischen Durchleuchtung der Füße drohen, wie sie noch bis in die 1970er-Jahre in Schuhgeschäften üblich war, allein um zu demonstrieren, dass technischer Fortschritt nicht immer segensreich, sondern manchmal auch gefährlich ist. Spätestens seit den Warnungen des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums" 1972 ist diese Erkenntnis ein Allgemeinplatz, der zudem weder für noch gegen neue Medien spricht und für Spitzers Argumentation schlicht nichts aussagt.

Ähnlich verhält es sich mit der kruden Beweisführung, für die Taxifahrer in London herhalten müssen. Wer sich auf sein Navi verlässt und sich nicht selbst im Raum orientiert, so Spitzers Behauptung, verlerne die grundlegende Fertigkeit, sich zurechtzufinden. Zum Beweis zeigt er eine selbst zusammengeschusterte Grafik, in der dargestellt sein soll, dass die Intensität der Grauen Substanz im Hippocampus bei jenen Taxifahrern höher ist, die ihre Prüfung bestanden und drei bis vier Jahre Berufserfahrung haben.

Wie die Intensität bemessen ist, wird weder aus der Abbildung noch dem Text ersichtlich. Schlimmer aber noch: Was will der Autor damit sagen, dass die Taxifahrer in London offenbar in einer Hirnregion mehr Nervenzellen angehäuft haben? Sind sie deswegen schlauer, nebenbei als Mathematik-Genies, Landvermesser tätig oder besser vor einer Demenz geschützt?

Einseitig und populistisch

Die Antwort bleibt offen, stattdessen zeigt Spitzer in einer briefmarkengroßen Schwarzweiß-Abbildung, dass sich die "Nervenzellen im Hippocampus eines Tieres" (!) bei Stress zurückbilden, und auf dem nächsten Briefmarkenbild, wie sich die Alzheimer-Krankheit vom Hippocampus aus über das restliche Gehirn ausbreitet. Das ist ähnlich willkürlich, aus dem Zusammenhang gerissen und wild, wie ein Google-Algorithmus Treffer zum Suchbegriff "Hippocampus" liefern würde.

Als Leser vermisst man hier zudem die Hinweise, dass Stress als "Eustress" durchaus positiv auf den Körper wirken kann, dass sich Tierversuche (welches Tier hier auch immer gemeint ist) in mehr als 90 Prozent der Fälle nicht auf den Menschen übertragen lassen und warum noch unklar ist, ob die neuen digitalen Techniken den Menschen nicht vielleicht auch einen Zugewinn an neuen Fertigkeiten einbringen.

Nichts von alledem diskutiert Spitzer. Er bleibt einseitig und schreibt nicht wissenschaftlich, sondern montiert populistisch zusammen, was nicht zusammenpasst. Dass er sich als Hirnforscher bezeichnet, ist angesichts seiner in der vergangenen Dekade fast nur populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen fast so gewagt, als würde sich Michael Schumacher als Maschinenbauingenieur bezeichnen.

Nach der Schmähung des Navis folgt ansatzlos ein Kapitel über Demenz. Welche Kapriolen seine Logik hier geschlagen hat, wird Spitzes Geheimnis bleiben, ebenso wie bei der atemraubenden Beweisführung, dass es sein Schlagwort von der "Digitalen Demenz" schon deshalb geben müsse, weil man bei Google mehr als 50.000 Einträge dazu findet. Bei dem Begriff "Grüne Giraffe" sind es fast zehnmal so viel.

Verdummung statt Aufklärung

In einem Kapitel über die Schule will Spitzer zeigen, dass "Verarbeitungstiefe" und "Behaltensleistung" (so seine ungelenken Begriffe) einander bedingen. Je tiefer ein Sujet durchdrungen wird, umso mehr bleibt im Gedächtnis haften, so die Botschaft. Um dies zu illustrieren, zeigt er eine Grafik, in der nicht mal eine Dimension für die Behaltensleistung angegeben wird, sondern nur drei dunkle Balken in ansteigender Größe dargestellt werden. Das ist keine Aufklärung oder gar Popularisierung von Wissenschaft, sondern Verdummung.

Wenn er nicht als Missionar in Sachen Medienkritik unterwegs ist, leitet Spitzer die Psychiatrie der Universitätsklinik Ulm, schreibt ein Buch nach dem anderen und moderiert eine Fernsehreihe zu Themen rund um Gehirn und Geist. Der doppelt promovierte Arzt hat nicht nur Medizin, Psychologie und Philosophie studiert, sondern auch Humor: "Hirschhausen ist spitze, ich bin Spitzer!", schrieb er in das Grußwort zu einem Buch des Komikers Eckart von Hirschhausen. Ein Tausendsassa, der nur keinen Spaß versteht, wenn die Zukunft der Kinder, die im Schein der Monitore dahinvegetieren, auf dem Spiel steht.

Weil viele Eltern anlässlich der Gier ihrer Kinder nach iPad, Wii oder Laptop hilflos sind, hat Spitzer immensen Erfolg. Aufrufe zum Verzicht und eine Pädagogik der Mäßigung waren immer populäre Themen der Sachbuchliteratur. Gepaart mit Medienkritik und der Sehnsucht, durch Ausschalten auch abzuschalten und zu inniger Kontemplation sowie Konzentration auf das Wesentliche zu finden, haben sich die Werke von Neil Postman ("Wir amüsieren uns zu Tode) bis Nicholas Carr ("Wer bin ich, wenn ich online bin. Und was macht mein Gehirn solange?") gut verkauft.

Diese Bedürfnisse bedient Spitzer zuverlässig und immer mit dem Impuls des Weltenretters. Nur argumentiert er dabei so bizarr, oberflächlich und mit verzerrten Bezügen, dass es selbst den glühendsten Anhängern seiner Ideen schwerfallen sollte, ihm in diesem Buch zu folgen.

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