Beschimpfung öffentlicher Personen im Internet Selbst Britney Spears antwortet manchmal den Fans

Die Demokratisierung des schriftlichen Diskurses hat einen qualitativen Preis, denn formale Kontrolle gibt es nur noch rudimentär. Jeder kann jederzeit alles schreiben und jeden jederzeit ansprechen. Gleichzeitig wächst durch die digitale Kommunikation die Anspannung: Was wird von mir erwartet, was erwarte ich von anderen?

Die Wahrscheinlichkeit einer Antwort steigt mit der Vereinfachung und Beschleunigung der Kommunikation. Kurz auf Twitter eine Antwort schreiben, ist nicht unwahrscheinlich; selbst Britney Spears antwortet manchmal den Fans. Doch aus der Erwartung entsteht der Druck - zur Antwort in einer vom Schreiber gewünschten Form.

Was bedeutet diese neue digitale Kommunikation für das Verhältnis zwischen den Netzbürgern, die Austausch über alles und mit jedem erwarten - und denen, die aufgrund ihrer Funktion, zum Beispiel in der Politik, Verantwortung tragen und Entscheidungen vor einem großen Publikum zu rechtfertigen haben?

Menschen, die sich in solche Positionen begeben, setzen sich dem ständigen Dröhnen grenzenloser und unumschränkter Kommunikation aus. Wer heute in die Öffentlichkeit geht, setzt sich somit der totalen und ständigen Resonanz aus. Schweigen wird entweder als ignorant oder unwissend, eventuell auch als arrogant ausgelegt. Ein dickes Fell für eine öffentliche Rolle war nie so wichtig wie heute. Doch das ist eine gefährliche Entwicklung, die der Gesellschaft auf Dauer schaden wird.

Denn wer will öffentliche Verantwortung übernehmen, wenn sie (oder er) dann unter Dauerbeschuss steht und die Menschen ihr Innerstes über ihr (oder ihm) auskippen? Wer kann sich dem stellen, außer jenen Menschen mit ausgeprägt narzisstischer Natur, die sich an jeglicher Form der Resonanz selbst bestätigen? Aber oft sind es diese Menschen, die in öffentlichen Ämtern Schaden anrichten: weil zu ihnen der Ruf nach Gerechtigkeit nicht mehr durchdringt, weil sie ihre Karriere zur Überwindung verletzter Eitelkeiten nutzen.

Die empathischen, reflektierten und idealistischen Menschen dagegen entziehen sich irgendwann dem Stampfen der beschleunigten Öffentlichkeit - zum Schaden der Gemeinschaft, die auf diese Menschen angewiesen ist.