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Beschimpfung öffentlicher Personen im Internet:Wer sichtbar ist, wird niedergemacht

Früher wurden die Bürger von den Medien mit Meinungen und Polemik übergossen - Feedbackchancen gab es kaum. Heute ist das anders: Das Internet ermöglicht die Kommunikation von Gleich zu Gleich. Dabei ist es normal geworden, in der Öffentlichkeit stehende Menschen zu bekämpfen, zu beschimpfen und zu beleidigen. Eine gefährliche Entwicklung.

Julia Schramm

Die Politologin und Autorin Julia Schramm, 26, kandidiert für den Bundesvorstand der Piratenpartei. Als sie im Netz ihre Verlobung bekannt gab, sah sie sich wütenden Beschimpfungen ausgesetzt.

Politikwissenschaftlerin Schramm

Die Politologin und Autorin Julia Schramm, 26, kandidiert für den Bundesvorstand der Piratenpartei.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es leuchtet auf meinem Bildschirm: "Ich finde es eine Unverschämtheit, dass Sie mir nicht antworten!", steht da. Wieder einmal werde ich angegriffen, weil ich souverän für mich beschlossen habe, welche Kritik ich an mich heran lasse, und welche nicht. Ausgangspunkt: eine Beschwerde über eine meiner digitalen Äußerungen, ohne Rücksicht, ohne Anstand; da versucht einer, mich zu demütigen. Doch statt der respektlosen Entgleisung Aufmerksamkeit zu schenken, ignoriere ich den unbekannten Hetzer. Denn er wird weiter hetzen. Gerne auch sexistisch.

Es ist üblich geworden, Menschen, die in irgendeiner Form aus dem Brei der (Netz-)Menschen herausstechen, anzugreifen. Jede sichtbare Person wird bekämpft, beschimpft und beleidigt. Die Motive sind altbekannt, mannigfaltig - und in Zeiten der direkten Kommunikation übers Netz brennen sie sich ihren Weg zum Adressaten. Aber ich verweigere diesmal die Resonanz.

Damals, zu Zeiten der traditionellen Medien, des Radios, des Fernsehens und der Zeitung also, wurden die Bürger mit Feststellungen, Meinungen und Polemik übergossen und sich selbst überlassen. Die Barriere zwischen Sprecher und Angesprochenen, Regierenden und Regierten war eindeutig und das Machtgefälle deutlich. Die Stimme der einfachen Bürger wurde auf Demonstrationen, bei Höreranrufen oder in Leserbriefen vernommen. Sie war jedoch angewiesen auf die Gunst derer, die entschieden, was publiziert wurde und was nicht.

Die technologischen Veränderungen, die letztlich riesige evolutionäre Sprünge bedeuten, verwischen Grenzen; wechselseitige Kanäle entstehen, wie sie einmalig sind. Die sozialen und politischen Hierarchien und Gesellschaftsstrukturen der alten Welt sind im Netz erst einmal nachrangig. Der Regierungssprecher (@regsprecher) und die stellvertretende Schatzmeisterin der Partei Bibeltreuer Christen im Kreisverband Castrop-Rauxel Nord begegnen sich grundsätzlich auf Augenhöhe im Social-Media-Raum. Es gibt nur die Zugangsprovider als Wachen am Eingang, keine Audienzen, keine definierten Zeiträume.

Das Netz revolutioniert Kommunikation, indem es sie physisch entgrenzt. Die grundlegende Funktionsweise des Internets ist ein Werkzeug wie der Faustkeil: standardisiert und grundsätzlich egalitär.

Doch das Netz bleibt abhängig von der Gesellschaft, die es nutzt. Grenzenlose, freie Kommunikation mag eine schöne Vorstellung sein, wirklich wirken kann aber auch dort nur das, was andere weiterleiten und empfehlen. Alles andere verklingt, versendet sich im Äther. So ist die Zahl der digitalen Anhänger relevant für die Agitation. Diese Zahl spiegelt aber nicht notwendig die gesellschaftliche Macht aufgrund bestimmter Positionen wider.

Empörung der unzufriedenen Bürgerseele

Deswegen wird das Web 2.0 zur Nagelprobe für Verantwortliche in Politik, Öffentlichkeitsarbeit und Wirtschaft, die mit (angestautem) Unmut konfrontiert werden, mit Kritik und Wut. Die Kommunikation mit den Machthabern der Gesellschaft wird auf ganz neue Weise direkt, und Resonanz die eigentliche Währung. Sie zu verwehren, bedarf der Rechtfertigung. Gleichzeitig verändern sich die quantitativen Rahmenbedingungen der Kommunikation durch das Netz, nicht die qualitativen.

Die Diskurse werden vielmehr redundant, beziehungsweise sie laufen noch stärker aneinander vorbei; die physische Entgrenzung befördert Missverständnisse. Das Gegenüber wird verstärkt als Projektionsfläche für die eigenen Unzulänglichkeiten genutzt. Kommunikation ist grundsätzlich verzerrt, sagte der Philosoph Hans-Georg Gadamer schon 1960, das Netz erzeugt eine zusätzliche Ebene der Verzerrung, die den Diskurs erschwert.

Vor allem in begrenzten digitalen Räumen ist die Entgrenzung der Kommunikation hochproblematisch. Kommentare in Foren, unter Artikeln, auf Twitter oder anderen sozialen Medien verraten oft mehr über die Schreiber als über die Adressaten; frei von jeglicher Kontrolle durch Mimik und Gestik begegnen diese Schreiber dem Gegenüber mit der ganzen Empörung einer unzufriedenen Bürgerseele.

Selbst Britney Spears antwortet manchmal den Fans

Die Demokratisierung des schriftlichen Diskurses hat einen qualitativen Preis, denn formale Kontrolle gibt es nur noch rudimentär. Jeder kann jederzeit alles schreiben und jeden jederzeit ansprechen. Gleichzeitig wächst durch die digitale Kommunikation die Anspannung: Was wird von mir erwartet, was erwarte ich von anderen?

Die Wahrscheinlichkeit einer Antwort steigt mit der Vereinfachung und Beschleunigung der Kommunikation. Kurz auf Twitter eine Antwort schreiben, ist nicht unwahrscheinlich; selbst Britney Spears antwortet manchmal den Fans. Doch aus der Erwartung entsteht der Druck - zur Antwort in einer vom Schreiber gewünschten Form.

Was bedeutet diese neue digitale Kommunikation für das Verhältnis zwischen den Netzbürgern, die Austausch über alles und mit jedem erwarten - und denen, die aufgrund ihrer Funktion, zum Beispiel in der Politik, Verantwortung tragen und Entscheidungen vor einem großen Publikum zu rechtfertigen haben?

Menschen, die sich in solche Positionen begeben, setzen sich dem ständigen Dröhnen grenzenloser und unumschränkter Kommunikation aus. Wer heute in die Öffentlichkeit geht, setzt sich somit der totalen und ständigen Resonanz aus. Schweigen wird entweder als ignorant oder unwissend, eventuell auch als arrogant ausgelegt. Ein dickes Fell für eine öffentliche Rolle war nie so wichtig wie heute. Doch das ist eine gefährliche Entwicklung, die der Gesellschaft auf Dauer schaden wird.

Denn wer will öffentliche Verantwortung übernehmen, wenn sie (oder er) dann unter Dauerbeschuss steht und die Menschen ihr Innerstes über ihr (oder ihm) auskippen? Wer kann sich dem stellen, außer jenen Menschen mit ausgeprägt narzisstischer Natur, die sich an jeglicher Form der Resonanz selbst bestätigen? Aber oft sind es diese Menschen, die in öffentlichen Ämtern Schaden anrichten: weil zu ihnen der Ruf nach Gerechtigkeit nicht mehr durchdringt, weil sie ihre Karriere zur Überwindung verletzter Eitelkeiten nutzen.

Die empathischen, reflektierten und idealistischen Menschen dagegen entziehen sich irgendwann dem Stampfen der beschleunigten Öffentlichkeit - zum Schaden der Gemeinschaft, die auf diese Menschen angewiesen ist.

© SZ vom 29.02.2012/feko
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