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Digitale Barrierefreiheit:"Es bringt nichts, wenn eine App 75 Prozent barrierefrei ist"

Erdin Ciplak

Erdin Ciplak aus Hamburg berichtet auf verschiedenen sozialen Medien über sein Leben als Sehbehinderter. Allein auf Tiktok folgen ihm mehr als 130 000 Menschen.

(Foto: privat)

Das Smartphone ist zum unverzichtbaren Begleiter vieler Menschen geworden, die blind oder sehbehindert sind. Doch viele App-Entwickler achten nicht auf ihre Bedürfnisse.

Von Clara Thier

Wenn Louis Braille heutzutage 15 Jahre alt wäre, hätte er seine Blindenschrift vielleicht nie erfunden. Er hätte sie gar nicht gebraucht. Der blinde Franzose entwickelte damals mit 15 Jahren ein Punktschriftsystem, mit dem er so schnell schreiben und lesen konnte, dass andere zunächst glaubten, er habe die Texte auswendig gelernt. Erst nach seinem Tod wurde die Braille-Schrift offiziell an Blindenschulen gelehrt. Seine Erfindung war eine Revolution - und wirkt doch sehr beschränkt im Vergleich zu den Möglichkeiten, die heute offenstehen.

Der 15-jährige Louis von heute hätte ein Smartphone in seiner Hosentasche, jederzeit griffbereit. Auf ihm könnte er sich Texte einfach vorlesen lassen, er könnte die Diktierfunktion verwenden und mithilfe von Navigationsapps an die Orte gelangen, die er im Alltag erreichen muss. Eine dieser Apps, die viele blinde und sehbehinderte Menschen heute nutzen, ist zum Beispiel "Seeing AI". Entwickelt wurde sie vom Technologie-Riesen Microsoft. Mithilfe der Handy-Kamera liest Seeing AI Texte und Dokumente vor, erkennt Personen, Produkte, Licht, Farben, Geld und beschreibt, wenn auch noch ausbaufähig, die Umgebung.

Apps helfen, Ampeln zu erkennen und Supermärkte zu finden

Die App sei ein "Schweizer Taschenmesser für Blinde", sagt Erdin Ciplak. Seine Community auf Youtube, Instagram oder Tiktok kennt Ciplak besser unter dem Namen "Mr. BlindLife". Der 35-jährige Hamburger gilt mit seinen zwei Prozent Sehvermögen dem Gesetz nach als blind und stellt kleine Filme über seinen Alltag ins Netz: Ums Einkaufen und Verreisen geht es da und um Aufklärung über Vorurteile. Auf Tiktok folgen ihm mehr als 130 000 Menschen.

In seinen Videos stellt der studierte Sozialarbeiter immer wieder Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen vor. Vor kurzem testete er eine Navigations-App für Blinde, die ein deutsches Start-Up-Team aus Ettlingen entwickelte. Routago, so nennt sich die App, gibt den Nutzern exakte Anweisungen, um sich zurechtzufinden: "Zwei Meter geradeaus. Jetzt auf Fußweg" oder "Jetzt rechts auf Treppe", tönt es aus dem Handy, als Ciplak den Weg zum Supermarkt sucht. Er empfiehlt die App weiter, trotz Verbesserungspotenzial. Eine andere App, von der er im Gespräch mit der SZ erzählt, heißt "Ampelpilot". Mit ihr können Nutzer erkennen, wann eine Ampel grün leuchtet - praktisch, da viele Ampeln nicht mit eingebauten Signalgebern für Blinde ausgestattet sind. Neben diesen Beispielen gibt es noch zahlreiche andere Apps, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind, um blinden und sehbehinderten Menschen das Leben zu erleichtern.

Alle diese Apps hätten jedoch ohne eingebaute Screenreader-Software keinen Nutzen für ihre Zielgruppe. Bereits 2009 führte die Firma Apple, Pionier auf dem Gebiet, ihre Bedienungshilfe "VoiceOver" ein. Schaltet man das "VoiceOver" ein, liest eine Sprachausgabe alle Icons, Beschriftungen und Texte vor - so lässt sich auf dem Touchscreen navigieren, auch wenn man den Bildschirm gar nicht sieht. Obwohl auch Android-Handys mittlerweile über die gleiche Funktion verfügen, hier heißt sie "TalkBack", haben Apple-Produkte aufgrund ihrer guten Bedienbarkeit seit jeher das Monopol unter blinden und sehbehinderten Menschen. Aber: "Android zieht mittlerweile ganz schön nach", sagt Ciplak.

"Nur telefonieren wird auf Dauer langweilig"

Dennoch sind viele Webseiten und die meisten Apps nicht barrierefrei. "Alle Apps, die nicht speziell für Blinde sind, müssen Entwickler so bauen, dass sie mit Voice Over bedienbar sind", erklärt Ciplak. Oft sind Icons nicht beschriftet, Text nicht als solcher abgespeichert, sondern als Bild. Ein Screenreader kann deswegen nichts erkennen. Für eine blinde Person ist das, als ob der Bildschirm einfach schwarz wäre. "Es bringt nichts, wenn eine App nur 75 Prozent barrierefrei ist. Sie muss immer 100 Prozent barrierefrei sein", sagt Erdin Ciplak - sonst ist sie nicht nutzbar. Die Corona-Warn-App schneidet bei ihm gut ab, hier hätte man sich Mühe gegeben mit der Barrierefreiheit.

Während junge Menschen mit dem Smartphone groß geworden sind und sich schnell an die neue Technik gewöhnen, brauchen Ältere dafür oft Unterstützung. Dabei geht es oft um ganz konkrete Wünsche: "Eine Teilnehmerin von mir wollte unbedingt "Dahoam is Dahoam" in der BR-Mediathek ansehen", berichtet Friedhelm Turinsky, der am Bildungszentrum in Nürnberg iPhone-Lernkurse für blinde und sehbehinderte Menschen anbietet. "Also haben wir zusammen eingestellt, dass sie immer eine Mitteilung bekommt, wenn eine neue Folge erscheint."

Turinsky schrieb Weihnachten 2017 einen Wunschzettel per Mail an Tim Cook, in der er bat, im App Store die Rubrik "Barrierefrei" einzuführen. Noch hat er keine Antwort bekommen. Im vergangenen Jahr bemerkte er, dass auch für blinde Menschen digitale Kommunikation seit Beginn der Pandemie immer wichtiger wurde. "Wenn ich wieder normalen Unterricht machen kann, soll ich noch mehr Kurse anbieten. Immer mehr Leute wollen sich damit beschäftigen, nur zu telefonieren wird auf Dauer langweilig", sagt der Kursleiter. Die Anschaffung eines teuren PCs könne man sich durch das Smartphone sparen.

Der private Sektor hängt bei der Barrierefreiheit hinterher

Nicht nur blinde Menschen, auch Gehörlose, Menschen mit geistiger Behinderung und viele mehr profitieren von barrierefreien Angeboten. "Digitale Barrierefreiheit ist für alle Menschen mit Einschränkungen wichtig", sagt Simone Miesner, stellvertretende Leiterin der Bundesfachstelle Barrierefreiheit. Sie verweist auf den demografischen Wandel: "Auch ältere Menschen mit Seheinschränkungen können mit barrierefreien Websites und Apps digital unterwegs sein." Dass Websites und Apps öffentlicher Stellen aufgrund der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung seit dem vergangenen Jahr barrierefrei sein müssen, sieht sie als Erfolg an. Auch, wenn der private Sektor leider noch hinterherhinke, so Miesner.

Der Grund für dieses Problem: Wenn Apps oder Webseiten an Nutzern getestet werden, sind unter den Versuchspersonen so gut wie nie Menschen mit Behinderung. "Es landen nur wenige Menschen mit Behinderung als Probanden in den Datenbanken der Agenturen für Testpersonen-Rekrutierung. Viele wollen sich in Usability-Tests auf 'normale Nutzer' fokussieren", sagt Detlev Fischer, der seit Jahren Prüfverfahren für Barrierefreiheit entwickelt. Kein Wunder also, dass die meisten Entwickler gar nicht wissen, dass viele Menschen ihre App nicht nutzen können.

Fischer ist einer von denen, die das ändern wollen. Er leitet das Projekt Team Usability, bei dem Menschen mit Behinderung digitale Angebote testen. Dabei überprüfen sie einerseits die Einhaltung internationaler Standards für Barrierefreiheit, andererseits, ob Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen ganz praktische Aufgaben erfüllen können. Können sie zum Beispiel die Suchfunktion in einer App nutzen oder sich bei einer Webseite registrieren? Auch Erdin Ciplak ist Teil des Teams.

Fischers Urteil ist bis jetzt eher ernüchternd: "Wir finden in den Apps, die wir testen, häufig gravierende Probleme." Trotzdem glaubt er, dass Standards, die bisher nur freiwillig waren, in ein paar Jahren verpflichtend sein könnten. Bei Apple-Produkten gibt es für die Beschriftung von Elementen einer App schon eigene Programmierschnittstellen. Entwickler müssten die Beschreibung allerdings auch einfügen, genauso wie man es von Alternativtexten zu Bildern kennt.

Dass sehbehinderte Menschen extrem unterschiedliche Nutzungsverhalten haben, macht das Testen komplizierter. Dabei hätten sie meist sehr hohe Anforderungen an Barrierefreiheit und eignen sich deswegen gut als Testpersonen, so Fischer. Dennoch: "Einen Querschnitt zu ziehen ist schwierig, denn alle lernen und begreifen unterschiedlich." Am wichtigsten sei es deswegen, dass man eine App individuell auf die eigenen Bedürfnisse einstellen kann, so Friedhelm Turinsky.

Während Erdin Ciplak mit seinem Restsehvermögen viel über extreme Vergrößerung arbeitet, nutzen andere mit dem gleichen Sehvermögen nur die Sprachausgabe. Und auch für den Computer gibt es Braille-Tastaturen, mit denen man lesen kann - nur in die Hosentasche passen die Tastaturen nicht so gut, da ist ein Smartphone schon praktischer. Der Louis Braille von heute wäre deswegen vielleicht Programmierer geworden, mit dem Ziel, barrierefreie Apps zu entwickeln.

© SZ
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