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Panne bei Amazon-Cloud AWS:Wenn das Rückgrat des Internets nachgibt

Die Amazon-Cloud liefert Webspace für viele Beliebte Dienste, zum Beispiel Snapchat und Buzzfeed.

Die Cloud kann man nicht anfassen, also bewarb Amazon den eigenen Cloud-Dienst 2016 auf der Cebit mit diesem Kunstgebilde.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Im Osten der USA schwächelt Amazons Cloud-Dienst AWS, im ganzen Land verweigern daraufhin selbst Staubsauger die Arbeit. Die Panne verweist auf ein grundsätzliches Problem des Netzes.

Von Max Muth

Am Mittwochabend kurz nach 21 Uhr deutscher Zeit twitterte Geoff Belknap einen Hilferuf: "Ich kann nicht staubsaugen, weil US-East-1 down ist", schrieb er. Ob Belknap, der beim Karrierenetzwerk Linkedin für Cybersicherheit zuständig ist, tatsächlich einen Roomba-Staubsauger besitzt oder nur einen gegenwartskritischen Kommentar absetzen wollte, ist offen. Klar ist: Belknaps Tweet traf einen Nerv. Innerhalb weniger Stunden bekam die Nachricht Tausende Likes.

Die Staubsaugerroboterfirma Roomba nutzt den Cloud-Anbieter AWS, der zu Amazon gehört. Der Echtzeitdaten-Dienst von AWS hatte am Mittwoch aus bisher ungeklärten Gründen Probleme. Tatsächlich konnten also zu diesem Zeitpunkt viele US-Amerikaner nicht staubsaugen.

Ein Sprecher von AWS bestätigte zunächst lediglich "im Bereich US-East-1 erhöhte Fehlerraten, die zu Problemen bei einigen anderen AWS-Diensten führten". Mittlerweile ist das Problem der AWS-Webseite zufolge wieder behoben.

Der Technikvorstand von AWS, Werner Vogels, dürfte sich einmal mehr bestätigt fühlen. Sein Mantra, das seine Mitarbeiter gern zitieren, lautet "Everything fails all the time", also: Alles fällt immer aus. AWS versucht, dieses Problem mit Redundanzen zu lösen. Deshalb sind die Amazon-Dienste auf 24 Regionen aufgeteilt. In einer von diesen, eben US-East-1, ist ein Dienst ausgefallen.

Müssen Staubsauger auf das Internet angewiesen sein?

Das Internetportal The Verge zählte Dutzende betroffene Services auf, darunter Zeitungen wie die Tampa Bay Times, die Streaming-App Roku, einen Passwortmanager und die Lesezeichen-App Pocket. Haben alle diese Dienste auf einmal Probleme, fällt das auf, auch weil dann alle mit dem Finger auf AWS zeigen. Der Dienst ist so mächtig, dass er zu einer Art Rückgrat des Internets geworden ist.

Der Ausfall diese Woche belebt einen Streit über die Cloud und AWS: Könnten Anbieter zuverlässiger funktionieren, wenn die Unternehmen eigene Clouds betrieben, also eigene onlinebasierte Rechnerkapazitäten? Mit eigenen Spezialisten, die sich um die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit kümmerten? Und wie viel teurer wäre das?

Dass Roomba-Staubsauger oder Pocket weniger Ausfälle hätten, wenn sie auf eigene Strukturen setzen würden, darf bezweifelt werden, sagt René Büst, Cloud-Analyst des Marktforschungsunternehmens Gartner. Wissenschaftliche Studien zum Vergleich der Ausfallzeiten zwischen großen Clouds und firmeninternen Systemen gibt es laut Büst nicht. Von Unternehmen wären kaum ehrliche Zahlen zu Ausfällen zu erwarten, sagt er.

Natürlich ist die Abhängigkeit von großen US-Cloud-Anbietern auffällig - und gerade aus europäischer Sicht ein mögliches Problem. Nicht zuletzt deshalb haben Deutschland und die EU das Cloud-Projekt Gaia-X beschlossen, das in mittelferner Zukunft eine datensichere Alternative zu Microsofts Cloud-Dienst Azure, AWS und der Google-Cloud zur Verfügung stellen soll. Aber auch Teile von Gaia-X werden gelegentlich ausfallen. Denn auch in einer europäischen Cloud dürfte gelten: Everything fails all the time.

© SZ/bbr
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