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Internet der Dinge:Wenn der Staat die Sicherheitslücken nicht schließt

Neben der Ausweitung staatlicher Überwachung ist an dem Einsatz von Staatstrojanern insbesondere auch der folgende Umstand heikel: Um diese in das System schleusen zu können, bedarf es einer Lücke im sicherheitstechnischen System. Der Staat hat damit ein Interesse daran, bekannte Sicherheitslücken nicht zu schließen.

Der frühere Innenminister Thomas de Maizière kündigte bereits an, man wolle künftig die Hersteller in die Pflicht nehmen, Schlupflöcher in das System zu integrieren und die digitale Verbrecherjagd auf diese Weise erleichtern. Dies sei erforderlich, da deren sicherheitstechnischen Systeme die staatliche Überwachung oft verhinderten. Dabei bezog er sich auf die akustische Überwachung in Fahrzeugen und forderte, der Staat solle Zugriff auf die Software der Fahrzeuge bekommen. Die in diesem Zusammenhang geplante Gesetzesänderung solle allerdings "technikoffen" formuliert werden, "um eventuelle künftige Entwicklungen mit erfassen zu können". Der neue Bundesinnenminister wird diese Marschroute wohl nicht verlassen.

Rechtlich soll also möglich gemacht werden, was technisch bereits möglich ist oder einmal sein wird. Weder zukunftsorientiert noch praktikabel wäre es, nun alle telekommunikationsfähigen Geräte aus dem Haushalt entfernen zu wollen. Doch der Preis für die neue Bequemlichkeit ist hoch: Digitale Informationen aus sämtlichen Lebensbereichen ergeben zusammengesetzt unser digitales Ebenbild. Unser digitales Ich kennt nur sehr wenige Geheimnisse. Verschwiegenheit gehört nicht zu seinen wesentlichen Eigenschaften. Smarte Geräte fordern daher ein ebenso smartes Nutzerverhalten.

Tuniberg Sommer

Lisa Blechschmitt, 32, ist Rechtsanwältin in Freiburg. Zuvor war sie Mitarbeiterin der Forschungsstelle RobotRecht an der Universität Würzburg.

(Foto: oh)

Potenziell gefährdete Funktionen

Im Umgang mit Alexa könnte dieses in etwa so aussehen: Mittels Knopfdruck werden die Mikrofone deaktiviert und lediglich für die Kommunikation mit Alexa aktiviert; sensible Daten wie Bankverbindungen werden nach Möglichkeit nicht im System hinterlegt; potenziell gefährdete Funktionen wie das Einkaufen auf Zuruf werden ausgeschaltet oder mit einem Zahlencode abgesichert. Die Gefahr missbräuchlicher Datenverwendung könnte so erheblich reduziert werden.

Über diese praktischen Tipps hinaus, sollten wir Nutzer unser Bewusstsein im Umgang mit unseren digitalen Fußspuren schärfen. Dazu gehört, dass wir uns mit den gesellschaftlichen Folgeerscheinungen der zunehmenden Digitalisierung auseinandersetzen und selbstbestimmt Entscheidungen treffen. Die Frage, wie viel Privatsphäre wir für unsere Sicherheit zu opfern bereit sind, ist eine unter vielen, die beantwortet werden müssen. Nur wenn wir Nutzer uns für das Schicksal unserer Daten interessieren, kann verhindert werden, dass still und heimlich staatliche Überwachungsmaßnahmen gesetzlich verankert werden, die zumindest in ihrer sicherheitstechnischen Dimension gesellschaftlich nicht gewollt sein können.

© SZ vom 19.04.2018/mri
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