Süddeutsche Zeitung

Ashton Kutcher und Twitter:Hollywood Reporter

Der Schauspieler Ashton Kutcher versucht, mit Hilfe von Twitter die Berichterstattung über sich und seine Frau zu kontrollieren und somit ein innovatives Prinzip von Exklusivität zu etablieren.

Ruth Barnett wird sich freuen. Die 24-jährige Journalistin ist seit Mitte März als Twitter-Korrespondentin in der Online-Redaktion des britischen TV-Senders Skynews tätig. Das heißt: Sie soll die sogenannte Microblogging-Plattform, auf der Nutzer in maximal 140 Zeichen Kurztexte veröffentlichen, nach für Skynews verwertbaren Meldungen durchsuchen. Ruth Barnett wird sich über Ashton Kutcher und die Aufmerksamkeit, die er in dieser Woche auf Twitter gelenkt hat, freuen.

Man muss kein Medienexperte sein, um anzunehmen, dass Barnett mit dieser Arbeitsplatzbeschreibung nicht gerade Bewunderung unter ihren Kollegen vom klassischen Fach ausgelöst hat. Diese wurden jedenfalls - so eine interne Mail, die mit Barnetts Berufung öffentlich wurde - im März zur hausinternen Twitter-Schulung bei Skynews geladen. Dabei wird man ihnen das Prinzip des Followen (öffentliches Mitlesen der Beiträge eines Twitter-Nutzers) und Gefollowt- werden (jemand liest die eigenen Beiträge mit) erläutert und die Fakten über den 2006 gegründeten Kurzmitteilungs-Dienst vorgestellt haben (derzeit beinahe neun Millionen Nutzer und ein Wachstum von über 1000 Prozent seit Februar).

Die Print-Journalisten werden vermutlich skeptisch geblieben sein, vielleicht hat einer gefragt, ob Twitter so ein Trend sei wie vor zwei Jahren Second Life und ob er auch genauso schnell verschwinde - und damit die Twitter-Korrespondentin. Doch dank Ashton Kutcher hat Ruth Barnett jetzt die Nachrichtenlage auf ihrer Seite, und zumindest die Kollegen, die für die sogenannten People-Meldungen - also für Nachrichten aus der Welt der als prominent eingestuften Menschen - zuständig sind, werden die Twitter-Korrespondentin als vollwertiges Redaktionsmitglied schätzen gelernt haben. Kutcher hat angekündigt, schneller eine Million Leser (bei Twitter Follower genannt) zu erreichen als der Fernsehkanal CNN mit seinen Breaking News.

Kutcher, 31, ist bisher vor allem deshalb bekannt, weil er 2005 die 15 Jahre ältere Kollegin Demi Moore heiratete. Dass er jetzt die Aufmerksamkeit auf sich zieht, hat mit seiner Ehe zu tun: Moore und Kutcher leben sich seit einer Weile sehr öffentlich auf Twitter aus. Die User (Nutzer) aplusk (Kutcher) und mrskutcher (Demi Moore) schreiben so offen über Privates, dass ein Blogger neulich verbreitete: Es sei, als höre man private Handygespräche mit. Doch Kutcher und Moore belassen es nicht beim geschriebenen Wort, sie veröffentlichen auch Bilder, interessante Bilder. Ende März bekamen Kutchers Follower die (angebliche) Po-Ansicht von Demi Moore gezeigt, die lediglich mit einem Bikini bekleidet war und - so die zugehörige Twitter-Meldung - Kutchers Anzug bügelte. Ein Bild, das kein Paparazzo hätte machen können. Ein Bild, das jeden, der es zu sehen bekommt, fragen lässt: Warum zeigen die das?

Innovatives Prinzip von Exklusivität

Seit Ostermontag gibt es bei YouTube einen anderthalbminütigen Film, der so etwas wie Hinweise auf eine Antwort liefert. Darin sieht man Ashton Kutcher in der Rolle seines Lebens: in der Inszenierung seiner selbst. Kutcher trägt einen weißen Sommerhut und ein blaues, weit aufgeknöpftes Hemd. Er erzählt, dass er gerade die Statistiken seines Twitter-Accounts anschaue und festgestellt habe, dass er mit 842.550 Followern (Stand 13. April) nur etwa 50.000 Leser hinter den Nachrichten von CNN (twitter.com/cnnbrk) liege.

Rückeroberung des Bildes

Dabei grinst er wie ein kleiner Junge und sagt, dass er das ziemlich verrückt finde. Dann schlägt er der Internet-Gemeinde ein Geschäft vor: Wenn er es schaffe, vor CNN eine Million Follower auf Twitter zu erreichen, gehe er persönlich bei CNN-Gründer Ted Turner in Atlanta vorbei, um diesem einen Klingelstreich zu spielen (die passende Vokabel, die vermutlich nicht im Wortschatz des Schulenglischen vorkommt, lautet "to ding-dong ditch Ted Turner"). Dass der Promi, gewöhnlich Gegenstand einer fremdbestimmten Berichterstattung durch Paparazzi, eine Nachrichtenagentur in Sachen Verbreitung (Follower) überholen will, ist eine neue, eine smarte, sicher auch gewagte Strategie. Es geht Kutcher und Moore um die Rückeroberung des Bildes, das in der Öffentlichkeit über sie verbreitet wird.

Damit ist die behauptete Demokratisierung der Publikationsmittel durch das Internet nun bei denen angekommen, die schon immer in der Öffentlichkeit standen: Ashton Kutcher und alle anderen VIPs, die twittern, nutzen die Kurzmitteilungsplattform, um die Macht darüber zurückzugewinnen, was und wie über sie berichtet wird. Wenn Kutcher Bilder vom angeblichen Hinterteil seiner Ehefrau ins Netz stellt, verlieren alle Paparazzi-Schnappschüsse mit ähnlichen Motiven ihren Wert.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Kutchers Botschaft lautet: Näher und authentischer kann niemand über mein Leben berichten als ich selbst. Und solange er sicherstellt, dass die Leser ihm abnehmen, dass es auch wirklich er selber ist, der da schreibt, und dass es auch wirklich der Rücken seiner Frau ist, den er da fotografiert, wird er wohl dieses Spiel gewinnen. Und je offener die Kommunikation zwischen ihm und Moore ist, desto glaubwürdiger wirkt dieses innovative Prinzip von Exklusivität.

Marketinginstrument Twitter

Mittlerweile nutzen so viele Prominente den Kurzmitteilungsdienst, dass die New York Times unlängst das Jobprofil des Twitter-Ghostwriters vorstellte. Dabei spielt es offenbar gar keine Rolle, ob Britney Spears, Lance Armstrong oder der Basketballer Shaquille O'Neal tatsächlich selber schreiben oder lediglich schreiben lassen. Sie erreichen auf diesem Weg schnell und unkompliziert ihre Zielgruppen, und das mit äußerst geringem Aufwand. Schließlich sind nur 140 Zeichen erlaubt. Britney Spears ist übrigens ähnlich erfolgreich wie Kutcher, sie ist ebenfalls sehr nahe an der Millionengrenze.

Neues Prinzip von Exklusivität

Aber um diese Zahl geht es am Ende gar nicht. Sie ist - wie alle Beiträge und Bilder - lediglich ein Marketinginstrument, allerdings ein sehr erfolgreiches. CNN-Moderator Larry King ging auf Kutchers Wette ein, erklärte ihm in einem kurzen YouTube-Film, der an diesem Dienstag veröffentlicht wurde, augenzwinkernd, er solle sich nicht mit einem Sender anlegen und lud ihn in seine Show ein.

Damit ist Ashton Kutcher - egal, wer zuerst eine Million Follower bindet - schon jetzt der Gewinner dieses Spiels, in dem es vor allem um Aufmerksamkeit geht. Das Ziel sei es, wie die Medienberaterin Laura Roeder in der LA Times erklärte, die eigene Identität zurückzugewinnen. Roeder, die unter anderem die Serienschauspielerin Brea Grant (Heroes) überzeugte zu twittern, hält diesen direkten Weg zu Fans und Medien für zukunftsträchtig: "Je ausbeuterischer die Klatschpresse wird, umso mehr wird man in Hollywood merken, wie notwendig dieser Weg ist."

Einen Schritt weiter

Ashton Kutcher ist auf diesem Weg schon ziemlich weit gekommen. Wenn man es genau nimmt, ist er sogar schon einen Schritt weiter. Mittels Twitter vermiest er nicht nur den Paparazzi ihr Geschäft, sondern versucht, aus seinen eigenen Klatsch-Nachrichten ein Geschäft zu machen. Schon 2008 gründete er das StartUp Blahgirls. Dabei handelt es sich um eine Website für Mädchen unter Zwanzig. Hauptthema der Seite: Das Leben der Promis. Kutcher, keine Frage, ist da vom Fach.

Twitter: Die Website Twitter wurde 2006 von Evan Williams, Jack Dorsey und Biz Stone in San Francisco gegründet. Seither gewinnt die Idee, sich in maximal 140 Zeichen im Web zu verbreiten (internetfähiges Handy, Email), beständig Anhänger. Derzeit schreiben beinahe neun Millionen Menschen auf Twitter. Das Besondere dabei: Als registrierte Nutzer kann man die Beiträge anderer Nutzer verfolgen. Man wird ein so genannter Follower. Zu den Twitter-Nutzern mit den meisten Followern zählen neben den automatisierten Nachrichten des Senders CNN die Musikerin Britney Spears und der Schauspieler Ashton Kutcher. Kutcher wettete am Anfang dieser Woche, schneller eine Million Follower zu erreichen als CNN. Bei Redaktionsschluss lag Kutcher (twitter.com/aplusk) bei 943514, CNN (twitter.com/cnnbrk) bei 960372 Followern.

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Quelle:
SZ vom 17.04.2009/jw
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