Apps für Blinde Wie Smartphone-Videos Blinden im Alltag helfen

Illustration: Stefan Dimitrov

  • Bei der App "Be my eyes" können Blinde per Video freiwillige Helfer kontaktieren, die ihnen zum Beispiel Klingelschilder vorlesen.
  • Die App hat in Deutschland etwa 13 000 Nutzer. Weltweit sind es 250 000.
  • Der deutsche Unternehmer Joachim Frank hatte bereits Anfang der 2000er Jahre das Windows-Programm "KlickBlick" auf den Markt gebracht, das ein ähnliches Konzept hatte wie die App "Be my eyes".
Von Pia Ratzesberger

Leih mir dein Augenlicht! Die Einlösung der Bitte scheint unmöglich zu sein, doch im Zeitalter von Smartphones und mobilem Internet gilt das nicht mehr. Wenn Christian Schöpplein nicht genau weiß, welche Packung die richtigen Tabletten enthält oder auf welches Klingelschild des Mietshauses er nun drücken muss, schaltet er sein Handy ein.

Sein Augenlicht.

Die App "Be my Eyes" vermittelt den 39-Jährigen dann an einen Sehenden, der sich bei der App registriert hat, egal ob in der gleichen Stadt oder auf einem anderen Kontinent. Die Videofunktion des Handys gibt für einen Moment Einblick in die Welt Schöppleins, der freiwillige Helfer kann ihm sagen, wo er klingeln muss oder welche Box im Apothekenschrank die richtige ist. Digitale Hilfe innerhalb von Sekunden.

Zwar gibt es bereits Apps und Handyeinstellungen, die Blinden und Sehbehinderten den Alltag erleichtern sollen. "Voiceover" zum Beispiel, der Vorlesemodus des iPhones, der die Nutzung des Telefons überhaupt erst ermöglicht. Die Anwendung "TapTapSee", die Gegenstände auf Handyfotos erkennt und benennt. Oder die App "Blindsquare", die auf die Daten der Standort-App "Foursquare" zurückgreift und so all die Orte offenlegt, die der Handybesitzer beim Laufen durch die Straßen passiert: Cafés, Geschäfte, Sehenswürdigkeiten. Doch "Be my eyes" ist anders, da hier ausnahmsweise keine Software hilft. Sondern Menschen.

Die App hilft, wenn gerade kein Bekannter in der Nähe ist

Apps wie diese könnten in Zukunft immer bedeutender werden, schließlich wird die Zahl der Menschen mit eingeschränkter Sehkraft zunehmen. Zwar erfasst das Statistische Bundesamt in Deutschland nicht, wer blind oder sehbehindert ist. Schätzungen des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) zufolge sind es in etwa 1,2 Millionen Menschen - doch in anderen europäischen Ländern wie Dänemark oder Italien, die solche Statistiken führen, ist die Zahl der Betroffenen allein in den Jahren zwischen 1990 und 2002 um 80 Prozent nach oben gegangen. Eine Entwicklung, die der DBSV auch für die Bundesrepublik annimmt. Denn das Durchschnittsalter der Deutschen steigt ständig. Immer mehr werden auf die Hilfe Sehender angewiesen sein.

Meist dauert es nur ein paar Minuten, bis das Problem dank des Helfers bei "Be my eyes" gelöst ist. Wenn sowieso jemand Bekanntes in der Nähe ist oder zumindest Zeit für einen Videoanruf hat, ist die App überflüssig, das ist klar. Aber wenn dem nicht so ist, "dann ist die App schneller und praktischer als zum Beispiel erst ein Bild via Whatsapp zu versenden", sagt Schöpplein. "Wirklich schneller als Whatsapp?", fragen viele. Meist sind das Sehende, die diese Frage aus ihrer Perspektive heraus stellen.

Denn die anderen wissen nur zu gut, wie schwer es sein kann, ein scharfes Bild aufzunehmen, auf dem der Schriftzug einer Verpackung auch zu lesen ist. "Das macht das Ganze oft nervig und langwierig", sagt Schöpplein. Mehrmals die Woche nutzt er momentan die App, in Deutschland ist er damit einer von mehr als 13 000.

"Weltweit sind es fast zwanzigmal so viele, etwa 250 000", erzählt der Gründer Hans Jørgen Viberg im Videogespräch. Auch wenn das erst einmal nicht viel für eine App ist, für Viberg ist es das schon. Mit runder Brille und gestreiftem Pullover sitzt der Däne an seinem Rechner in Kopenhagen, die App ist sein Hobby, eigentlich ist der 50-Jährige von Beruf Schreiner - er hatte nie geplant, dass das Projekt so viel Aufmerksamkeit erfahren würde.