Auswirkungen der App-Ökonomie Auch Apple wird Fehler machen

Illustrationen: Lisa Bucher, Fotos: Imago

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Für die meisten klingt das nach normalem Fortschritt, aber es bedeutet mehr. Viel mehr. Die menschliche Wahrnehmung ist eben nicht besonders gut darin, exponentielle Steigerungen zu begreifen - sie vollziehen sich einfach zu schnell, widersprechen der Erfahrung mit vielen anderen Dingen des Lebens. Dabei gibt es solches Wachstum auch in der Biologie: Wenn zum Beispiel ein Virus den menschlichen Körper befällt, nistet es sich ein in einer Blutzelle und zwingt diese, 100 Kopien von sich herzustellen. Die 100 kopierten Viren befallen 100 weitere Blutzellen - schon nach der fünften Generation wimmeln zehn Milliarden Viren im Blut. Und der Mensch hat einen Schnupfen.

Eine vergleichbare Entwicklung haben die kleinen Chips hinter sich. Die ersten Chips verfügten nur über einige wenige Transistoren. Auf einigen der jüngsten Siliziumplättchen jedoch stecken Milliarden dieser winzigen Schalter auf der Fläche einer Briefmarke, die Strukturen darauf sind bloß noch 14 Millionstel Millimeter breit. Man baut sie in besonders leistungsfähige Computer ein. Und müssen diese hochkomplexe Berechnungen ausführen, dann werden viele von diesen Chips zusammengeschaltet zu einem Supercomputer. Wahre Ungetüme sind das: Schränke voller Rechnerplatinen, dazwischen sündteure Kabel, sie zu verbinden. Der Energiebedarf einer Kleinstadt entsteht, wenn ein solches Monster auf Hochtouren läuft.

Viel wichtiger aber ist das andere Extrem. Mehr und mehr winzige Chips, die nur Centbeträge kosten, rechnen inzwischen losgelöst von Computern, wie wir sie kennen. Sie sind nicht sehr leistungsfähig, aber sie stecken überall. Und sie verwandeln alles. Kameras kamen plötzlich ohne Film aus, Musik ließ sich digital kopieren, platzsparend speichern und übers Netz verteilen, ganze Sammlungen passen auf einen iPod. Chips finden sich in Kleidungsstücken, in Uhren, in Autos, Straßen, Verkehrsampeln. Bald wird man Etiketten für Lebensmittel und andere billige Alltagsgegenstände mit Chips drucken.

Das Veränderungspotenzial steckt aber nicht im einzelnen Chip, sondern in deren Verbindung untereinander und mit der Cloud. Längst machen sich Netzwerkfirmen Gedanken darüber, wie sie die Daten bewältigen sollen, die entstehen, wenn schon in wenigen Jahren 30 Milliarden vernetzte Geräte die Netze mit Informationen fluten. Informatiker arbeiten an Algorithmen, die sich durch die Daten-Heuhaufen fressen und Wichtiges von Unwichtigem trennen, um nachgelagerte Systeme nicht zuzuschütten mit Daten. Denn: obwohl die Leistung der Chips dramatisch steigt, die Menge an Daten wächst noch schneller.

Viele der Apps, wie wir sie von Smartphones und Tablets kennen, öffnen ein Fenster in diese Welt. Manche sind auch nur fürs kleine Format angepasste Versionen herkömmlicher Internetangebote. Ob man die Pizza am PC bestellt oder am Smartphone, macht keinen großen Unterschied, außer dass vielleicht standortbezogene Informationen automatisch berücksichtigt werden können. Wo soll die Pizza hin und welcher Dienst liegt am nächsten?

Lokale Marktplätze sind das neue Schlachtfeld im Internethandel

Die wahre Sprengkraft der App-Ökonomie kommt dann zum Tragen, wenn das Smartphone genutzt wird wie eine Art erweiterte Fernbedienung. Wenn zum Beispiel in einer Firma alle relevanten Daten in der Cloud gespeichert sind, sie dort verarbeitet werden und den Mitarbeitern, die das brauchen, zur Verfügung stehen, schafft das neue Möglichkeiten. Wenn die Logistik-Kette eine Firma abgebildet wird, inklusive Risiken etwa durch schlechtes Wetter, bringt es in der heute üblichen just-in-time-Produktion große Vorteile. Wer vorher Bescheid weiß, kann reagieren und etwa Rohstoffe woanders ordern.

Aber das ist doch nur was für Konzerne, für große Mittelständler vielleicht. Was juckt das den kleinen Handwerker? Eine ganze Menge. In den USA hat der Internetkonzern Amazon vor kurzem Marktplätze für lokale Dienstleistungen gestartet, das "neue Schlachtfeld des E-Commerce", wie das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes das nennt. Solche Angebote gab es auch schon früher, doch wenn erst einmal die Dickschiffe der Branche loslegen, kann es für die kleineren Anbieter schnell eng werden.

Nicht bloß für die kleinen Betreiber von Marktplätzen, sondern auch für die Anbieter der Dienstleistungen selbst. Wer nicht mitmacht, braucht schon einen guten Kundenstamm, vor allem, wenn man in einer Region zugange ist, in der es nicht unbedingt boomt. Aber was hindert beispielsweise einen Bäcker, eine gute Internetseite aufzubauen, mit der Möglichkeit, Vorbestellungen zu platzieren, für Angebote zu werben, die schönsten Hochzeitstorten zu zeigen?

Während kleinere Anbieter eher in Gefahr sind, weil sie weder Chancen noch Risiken der vernetzten Welt sehen, tun sich die Großen oft schwer, ihre althergebrachte Arbeitsweise anzupassen an die neuen Gegebenheiten. Das alte Geschäft läuft ja meistens noch gut, umzusteigen auf neue Software und Prozesse, ist keine leichte Übung und teuer dazu.

Doch Trägheit kann sich in der vernetzten Welt schnell rächen. Etablierte Geschäftsmodelle können binnen kürzester Zeit in Gefahr obsolet sein. Nun sind Unternehmen nichts, das ewig bestehen muss und in der Tat findet man auch nur wenige, die älter sind als 100 Jahre. Schon immer gingen Unternehmen unter, weil Konkurrenten mit einer besseren Idee ihren Markt eroberten, durch "schöpferische Zerstörung", wie der Ökonom Joseph Schumpeter das nannte.

Nokia war einst ein Weltkonzern, dominierte mit seinen Handys den Markt. Dann kam Apple mit dem iPhone. Nokia konnte nicht rechtzeitig umsteuern. Nun ist das Handy-Geschäft verkauft, und demnächst soll auch das mit digitalen Kartendiensten abgegeben werden. Von Nokia bleibt nur die Netzwerksparte übrig.

Auch Apple wird die Welt nicht auf ewig beherrschen

Noch stärker als Nokia dominierte zu seiner Blütezeit IBM den Markt. 1985 war der Börsenwert von IBM mehr als doppelt so hoch wie der des nächsten Unternehmens, des Ölkonzerns Exxon. Doch 1985 hatte IBM seine größten Fehler schon gemacht. Hatte dem jungen Bill Gates und seiner Firma Microsoft die Hoheit über das PC-Betriebssystem DOS überlassen. Dass die vorherrschenden Großrechner bis auf Spezialanwendungen nahezu bedeutungslos werden würden - die IBM-Führungsmannschaft hatte es nicht vorhergesehen.

Einst hatte auch Apple-Gründer Steve Jobs seinen Macintosh-Computer als Gegenentwurf zu IBMs Großrechnern präsentiert, "traue keinem Computer, den du nicht aufheben kannst", lautete 1984 ein Werbespruch. Heute versucht IBM, seine Anlagen zur Analyse und Auswertung großer Datenmengen mit Apps zu verknüpfen - braucht dazu aber Apple und dessen Apps. Aus dem einstigen Beherrscher der Computerwelt ist ein Konzern geworden, der nach neuen Wegen sucht.

Aber auch Apple, Wegbereiter der App-Ökonomie, und derzeit mit weitem Abstand wertvollste Firma der Welt, wird solche Fehler machen, hat es vielleicht schon. Und in der schnellen vernetzten Welt von morgen kann es schon zu spät sein, wenn man auf neue Entwicklungen nur reagiert.