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iOS 14:Warum Facebook große Angst vor einem kleinen Pop-up hat

Facebook, Instagram, YouTube und WhatsApp, das sind Anwendungen, auf die viele Smartphone-Nutzer nicht verzichten wollen.

(Foto: MANAN VATSYAYANA/AFP)

Hunderte Millionen iPhone-Besitzer müssen bald zustimmen, bevor Apps bestimmte Daten sammeln dürfen. Das versetzt Facebook in Panik - das mit Apple ohnehin eine innige Abneigung verbindet.

Von Simon Hurtz

Zwei der größten Konzerne der Welt streiten um ein kleines Pop-up. Glaubt man Facebook, geht es um das Schicksal von Millionen kleinen Unternehmen. Und weil das noch nicht reicht, steht angeblich auch noch die Zukunft des Netzes auf dem Spiel. All das bedrohe Apple, weil es Nutzerinnen und Nutzern bald einen unscheinbaren Dialog präsentieren und nachfragen will, ob Apps ihre Daten sammeln dürfen.

Diese Botschaft scheint Facebook sehr wichtig zu sein. In mehreren Blogeinträgen und ganzseitigen Anzeigen in großen US-Medien wie der New York Times und der Washington Post inszeniert sich Facebook als Retter des "freien Internets" und Fürsprecher kleiner und mittelständischer Unternehmen (KMUs). Auf einer eigens eingerichteten Kampagnenseite sollen Hoteliers, Friseure, Restaurantbesitzerinnen und andere angeblich Betroffene ihre Stimme gegen Apple erheben und auf die dramatischen Folgen aufmerksam machen.

Um zu verstehen, warum eine vermeintlich harmlose Rückfrage so große Panik bei Facebook auslöst, muss man zurück in den Juni blicken. Damals kündigte Apple das "App Tracking Transparency"-Framework (ATT) an. Vereinfacht gesagt sollen Entwicklerinnen und Entwickler um Erlaubnis fragen, bevor sie User quer über andere Apps und Webseiten hinweg verfolgen. Wer das nicht will, muss bislang aktiv widersprechen.

Apples Änderung könnte drastische Konsequenzen haben

Apple verhindert also standardmäßiges Tracking und macht daraus eine Opt-in-Option. Es braucht die ausdrückliche Zustimmung der Nutzenden, bevor ihnen eine individuelle Werbe-Identifikationsnummer zugewiesen werden darf. Das könnte drastische Konsequenzen haben. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und Unternehmen nutzen das gnadenlos aus: Nur ein Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer beschäftigt sich mit den Voreinstellungen der Dienste und Apps, die sie installieren. Die Standardkonfiguration bleibt unangetastet, und die lautet meist: alle Datenschleusen auf.

Wenn Webseiten Bestätigungsdialoge einblenden, sind die meist schwer verständlich bis manipulativ: Wollen Sie alle Cookies akzeptieren? Dann klicken Sie bitte auf diesen riesigen blauen Knopf. Sie haben etwas dagegen? Na gut, hier sind 27 Haken, die Sie einzeln abwählen können.

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Solche sogenannten Dark Patterns sollen Menschen dazu bringen, Dingen zuzustimmen, die sie gar nicht wollen. Der Dialog, den bald Hunderte Millionen iPhone-Besitzer sehen werden, ist nicht irreführend, sondern eindeutig. Darunter gibt es nur zwei gleich große Optionen: "Ask App not to Track" oder "Allow". Die genauen deutschen Übersetzungen sind noch nicht bekannt, sie dürften aber ähnlich unmissverständlich ausfallen.

Die geplanten Änderungen versetzen nicht nur Facebook in Aufregung, sie bedrohen eine ganze Branche, die jedes Jahr Milliarden Dollar umsetzt. Werbenetzwerke, Targeting-Firmen und Anbieter von Tracking-Technologie sehen ihr Geschäftsmodell in Gefahr. Auch viele Entwicklerinnen und Entwickler integrieren Facebooks Software-Bausteine in ihre Apps, sammeln darüber wertvolle Nutzungsdaten und blenden personalisierte Anzeigen ein. Gemeinsam mit Facebook, großen Verlagen und der Werbebranche protestierten sie gegen Apples Pläne.

Cook und Zuckerberg können sich nicht leiden

Der Widerstand zeigte Wirkung. Apple verschob den Start, woraufhin acht Organisationen wie Amnesty International und die Electronic Frontier Foundation (EFF) einen offenen Brief schrieben, um ihrer Enttäuschung Ausdruck zu verleihen. Jane Horvath, die bei Apple für alle Entscheidungen zuständig ist, die Datenschutz betreffen, antwortete umgehend: "Wir stehen weiter voll und ganz hinter ATT und unserem umfassenden Ansatz, Privatsphäre zu schützen." Apple habe den Entwicklern nur mehr Zeit geben wollen, um ihre Apps anzupassen.

Diese Schonfrist geht bald zu Ende. In Foren tauchen erste Screenshots auf, die den Bestätigungsdialog zeigen. Offenbar wird es Apple Entwicklern Anfang 2021 verbieten, ohne Einwilligung mithilfe einer Werbe-ID zu tracken. Für Apple-Chef Tim Cook ist die Sache eindeutig: "Wir glauben, dass User selbst entscheiden sollten, welche Daten über sie gesammelt werden", schreibt er auf Twitter. Facebook könne Nutzerinnen und Nutzer nach wie vor quer über Apps und Webseiten hinweg verfolgen. "ATT in iOS 14 verlangt bloß, dass sie davor um Erlaubnis fragen."

Cook dürfte diesen Tweet mit einer gewissen Genugtuung abgeschickt haben. Ihn und Facebook-Chef Mark Zuckerberg verbindet eine innige Abneigung. Cook reibt Zuckerberg bei jeder Gelegenheit unter die Nase, wie wenig er von Facebooks Geschäftsmodell hält - Daten sammeln, Nutzerprofile bilden und deren Aufmerksamkeit an Werbetreibende verkaufen, die personalisierte Anzeigen schalten können.

Zuckerberg betont seinerseits, dass Facebook Milliarden Menschen auf der ganzen Welt vernetze, die keinen Cent dafür zahlen müssten. Apple verkaufe hochpreisige Geräte an eine wohlhabende Elite. Cook solle sich nicht als Held aufspielen, der Menschen ihre Privatsphäre zurückgebe.

Tatsächlich ist es für Apple leicht, Facebook zu kritisieren. Der Konzern verdient den Großteil seines Geldes mit Hardware. Dagegen macht das Anzeigengeschäft fast 99 Prozent von Facebooks Umsatz aus. Der aktuelle Konflikt ist für Zuckerberg deshalb doppelt unangenehm. Zum einen trifft Apple Facebook an seiner wundesten Stelle. Zum anderen nutzt Cook genau die gleichen Wörter, mit denen Facebook sonst oft argumentiert: Kontrolle und Wahlfreiheit. Wir geben Nutzerinnen und Nutzern doch nur eine Wahl, sagt Cook. Wer will, kann sich gern überwachen lassen. Wir geben Nutzerinnen und Nutzern doch nur eine Wahl, sagt Zuckerberg. Wer will, kann gern widersprechen.

Auch Facebooks Angestellte zweifeln

Wohl auch deshalb nutzt Facebook zwei Strohleute: das "freie Internet" und KMUs. Es stimmt, dass viele Webseiten und Dienste nur deshalb gratis sind, weil sie sich durch Werbung finanzieren. Doch Apple will nicht Anzeigen per se verbieten, sondern nur bestimmte Formen des Trackings.

Es stimmt auch, dass Werbung, die KMUs auf Facebook schalten, weniger effektiv wäre, wenn viele Menschen dem Tracking widersprechen. Doch dass ausgerechnet Facebook, das jahrelang mit Programmen wie Free Basics, aktiv daran gearbeitet hat, das freie Netz durch ein Facebook-Internet zu setzen, sich nun als Bastion des freien Netzes aufspielt, verwundert viele.

Dazu zählen nicht nur die Bürgerrechtler der EFF, sondern auch Facebooks eigene Angestellte. Wie Buzzfeed und The Intercept berichten, geben sich einige in internen Chats skeptisch. "Es fühlt sich an, als rechtfertigten wir es, dass wir schlechte Dinge tun, indem wir uns hinter Leuten verstecken, die mehr Mitgefühl auslösen", habe ein Entwickler geschrieben. "Machen wir uns keine Sorgen, dass uns das auf die Füße fällt, weil es so aussieht, als wolle Facebook nur sein eigenes Geschäft verteidigen?", soll ein anderer gefragt haben.

Für Facebook steht viel auf dem Spiel. In den USA und Europa drohen Kartellklagen und scharfe Regulierung, die den Umsatz empfindlich schmälern könnten. Der neue US-Präsident Joe Biden gilt nicht als großer Facebook-Fan. Donald Trump wütete zwar gegen das Silicon Valley, handelte aber nur selten. Das könnt sich unter Biden ändern. Dass nun auch noch Apple Facebooks Werbegeschäft bedroht, muss Zuckerberg Sorgen machen.

Für Nutzerinnen und Nutzer sind die Änderungen dagegen auf jeden Fall eine gute Nachricht. Sie können sich mit einem Klick ein Stück ihrer Privatsphäre zurückholen. Und wer lieber personalisierte Werbung sieht, kann dem Tracking ja immer noch zustimmen.

© SZ
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