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Apps:So ein Zufall

Coronavirus - New York

Der Mensch denkt, die App lenkt.

(Foto: dpa)

Sie nennen sich "Randonauten" und lassen sich von einer App an zufällig ermittelte GPS-Koordinaten schicken. Vor allem junge Leute wollen mit solchen Ausflügen einer Welt entkommen, in der immer mehr von Algorithmen bestimmt wird.

Sich in Zeiten einer globalen Pandemie und zivilen Aufstandes über mangelnde Abwechslung und ausgetretene Pfade zu beklagen ist mindestens mal Jammern auf hohem Niveau. Und doch ist die Sehnsucht nach etwas Neuem nach den Wochen der Isolierung und Entbehrung immens.

Das ist insofern ein wenig inkonsequent, weil ja auch das Leben vor der permanenten Krise nicht gerade sonderlich abwechslungsreich war. Man betrachte nur mal all die Programme, die mehr oder weniger unser Leben regeln. Sie formen, wie wir reden, was wir sehen, woran wir uns erinnern und in wen wir uns verlieben. Man mag seinen Bekannten davon berichten, auf der Musik-Streaming-App durch "Zufall" auf ein neues Lied gestoßen zu sein. Doch selbstverständlich basiert die Auswahl auf den in der Vergangenheit gespeicherten Vorlieben und Mittelwerten.

Dass dadurch der Zufall in einer immer deterministischeren Welt abhandenkommt, ist ein älterer Vorwurf an all die Sortier- und Empfehlungsalgorithmen der Tech-Branche. Und auch ohne die Steigbügelhalter aus dem Silicon Valley neigt der Mensch zur Routine. Zumindest was die Gewohnheiten und die Geografie anbelangt. Man geht dieselben Straßen entlang in dieselben Cafés, liest dort dieselbe Zeitung, und nur hin und wieder regt sich ein Aufbegehren gegen das festgefahrene Leben, das sich - zumindest in normalen Zeiten - durch die eine oder andere Fernreise aber schnell wieder besänftigen lässt.

Ist das nur die Spielerei einer entfremdeten Generation? Oder zeitgemäße Software-Sinnsuche?

Hinein in diese Tristesse platzt nun eine Bewegung, die dem Alltag und der Bevormundung durch die Technik entkommen will. Und stattdessen den Zufall propagiert. Wie das gehen soll? Selbstverständlich durch noch mehr Technik. In einer eigens entwickelten App wählen die Zufallsjünger aus, was sie erleben oder sehen wollen, und das Programm schickt sie dann an, nun ja, zufällig ermittelte GPS-Koordinaten. Dort sollen sie sich auf die Suche nach Abweichungen von der Norm machen. Mittlerweile ist aus der Spielerei ein veritabler Trend geworden. Die App, die den selbsternannten "Randonauten" die Wegmarken liefert, wurde inzwischen mehr als eine Million Mal heruntergeladen, und auf den entsprechenden Foren tummeln sich Zehntausende, die von ihren Ausflügen in den Zufall berichten. Die meisten der Reiseerlebnisse lesen sich banal, das hält die meist eher jungen Anhänger nicht davon ab, auch in dramatischen Youtube-Videos den Hype zu schüren.

Man mag das für die Spielerei einer entfremdeten Generation halten, für die bereits die geringste Abweichung vom Status quo ein Abenteuer darstellt. Oder ist es doch eine clevere Mischung aus digitaler Aktionskunst und Mächtigenkritik, ja sogar eine zwangsläufige Reaktion auf die bestehenden Verhältnisse. Auf den Trend übergestülpt findet sich jedenfalls eine komplexe Weltanschauung mitsamt eigener Terminologie. Die besagt mehr oder weniger, dass man durch wahllose Handlungen den Verlauf der Realität beeinflussen kann, es ist die Rede von "Wahrscheinlichkeitstunneln" und "Quantengeneratoren" und der Frage, ob es wahren, menschengemachten Zufall überhaupt geben kann. So ergeben Sinnsuche vermischt mit Problemen, die auch Mathematiker und Philosophen beschäftigen, eine seltsame Art von Software-Esoterik, die in der digitalen Gegenwart erstaunlich zeitgemäß ist.

Bliebe nur noch der lästige Widerspruch aufzulösen, dass man sich ausgerechnet von einer App leiten lässt, um unabhängiger von anderen digitalen Helfern zu werden. Hier wie dort kommt die Handlungsanweisung schließlich aus dem Computer. Der Unterschied ist aber, dass das Programm seine Nutzer dazu bewegt, sich auf etwas Neues einzulassen und bestehende Sichtweisen herausfordern, anstatt sich nur immer wieder auf die Erfahrungswerte der Vergangenheit zu beziehen. Und zur Abwechslung mal vom Bildschirm aufzuschauen.

© SZ vom 29.06.2020

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