Datensammler Fitness-Apps und intelligente Kühlschränke verraten viel

Wer in der vergangenen Woche über die Technikmesse CES in Las Vegas flanierte und sich mit Erfindern und Unternehmern unterhielt, dem wurde überdeutlich, dass Daten das Edelmetall des 21. Jahrhunderts sind. Wer heutzutage eine App auf seinem Telefon nutzt, um mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben oder seinen Hobbys zu frönen, der wird von den Anbietern virtuell vermessen, seziert und mit entsprechender Werbung bedacht. Wer seine DNA bei der Firma 23andMe untersuchen lässt, der sollte wissen, dass er sein komplettes Erbgut übergibt - ein für alle Mal. Wer seinem Kind ein digitales Sportgerät kauft, kann die Leistungen auf der Statistikseite Stat-Sports zwar mit denen von Gleichaltrigen vergleichen, sollte sich aber bewusst sein, dass er zugleich selbst Daten liefert.

Es sammeln indes auch Firmen, die man nicht auf den ersten Blick für Goldgräber halten würde. Die harmlose Fitness-App etwa weiß, wie oft der Nutzer sich bewegt und wie viel er gegessen hat. Der Kühlschrank von Drinkshift soll mithilfe von künstlicher Intelligenz die Trinkgewohnheiten der Kunden erlernen und so automatisch Bier nachbestellen. Er weiß damit aber auch, ob sich einer womöglich viel zu viel Alkohol gönnt. Und wer sich im letzten Jahr billige Kinokarten bei Movie-Pass sicherte, dem seien die Worte von Firmenchef Mitch Lowe ans Herz gelegt: "Wir beobachten dich dabei, wie du von daheim ins Kino fährst. Wir wissen, welche Filme du guckst. Wir beobachten, wohin du danach fährst. Wir wissen alles über dich." Klingt gruselig? Es wird noch schlimmer.

IT-Sicherheit Stoppt die Datenekstase!
Hackerangriff

Stoppt die Datenekstase!

Das Problem sind weder fehlende Gesetze oder Kompetenzen: Das eigentliche Problem ist das fehlende Bewusstsein für Datenschutz in der deutschen Politik - und in der deutschen Gesellschaft.   Kommentar von Heribert Prantl

Viele Unternehmen kooperieren mittlerweile miteinander und tauschen Daten gegenseitig aus, und da hilft es überhaupt nicht, sich zum Beispiel von Facebook fernzuhalten - Mark Zuckerbergs Konzern bekommt die Daten dennoch. Eine Studie der britischen Non-Profit-Organisation Privacy International ergab kürzlich, dass rund 61 Prozent der untersuchten Handy-Apps automatisch Daten an das größte soziale Netzwerk weitergeben, selbst wenn die Nutzer dort gar nicht oder nicht mehr Mitglied sind. Die beliebte Reisevermittlungs-App Kayak zum Beispiel übermittelte detaillierte Informationen über die Suchanfragen einzelner Kunden, ihre angetretenen Reisen und sogar die jeweils gewählte Buchungsklasse an Facebook.

Die Datensammler haben zudem die Möglichkeit, gewonnene Informationen an sogenannte Daten-Broker zu verkaufen. Diese klauben vor allem in den USA Tausende Einzelerkenntnisse zusammen, erstellen komplette Persönlichkeitsprofile und veräußern sie an Unternehmen sowie Werbefachleute. Die Firmen wissen nach einiger Zeit fast alles über den Handy-, Tablet- oder Smart-TV-Nutzer: Vorlieben, politische Ansichten, oft auch Hautfarbe, Geschlecht, Finanzlage und Erkrankungen. Auf der CES präsentierte sich zum Beispiel ein Unternehmen namens Video-Amp, der eifrige Mitarbeiter schwärmte davon, wie effizient die Werbung sei, die man anbiete: Video-Amp bezieht demnach von unterschiedlichen Firmen Daten über die Kauf- und die Sehgewohnheiten von Konsumenten, kombiniert diese und schneidet den Werbeangriff dann so zu, dass der einzelne Kunde gar nicht mehr merkt, dass er genau das kauft, was ihm da eingeredet wird.

Irgendwann könnten auch andere Datensätze verknüpft werden

Wer sich nicht allzu sehr um die Wahrung seiner Privatsphäre schert, dem kann das alles egal sein - noch. Die Vorschriften, welche Informationen die Unternehmen nutzen und was sie mit ihnen anstellen dürfen, können sich aber ändern: Wer zum Beispiel der Fitness-App wahrheitsgemäß anvertraut, dass er täglich eine Flasche Wein trinkt, könnte möglicherweise eines Tages von seiner Krankenversicherung mitgeteilt bekommen, dass der Beitrag erhöht werden müsse. Und kann man wirklich sicher sein, dass die eigene Idee beim virtuellen Team-Meeting auf der Plattform Klaxoon auch tatsächlich niemand sonst sehen kann und dass sie vor Hackerangriffen sicher ist? Und was ist mit dem chinesischen Unternehmen Guangdong Kang-Yun Technologies, das mit seinen hochauflösenden 3D-Scannern gewissermaßen die ganze Welt elektronisch erfassen will?

Natürlich kann man kulturoptimistisch erklären, dass dies nun eben die Welt von heute sei - und dass man selbst Schuld habe, wenn man keinen Tor-Browser auf einem verschlüsselten Linux-Tablet benutzt. Man kann umgekehrt auch kulturpessimistisch das analoge Einsiedlertum zur Lösung verklären und behaupten, dass jeder selbst schuld sei, wenn er ein Nacktfoto von sich auf dem Privathandy speichert. Viel weiter aber kommt man mit solchen Extrempositionen nicht - so wie es zum Schutz der eigenen Daten nicht reicht, sich lediglich bei den sozialen Netzwerken abzumelden. Der Mensch des 21. Jahrhunderts sollte wissen: Alle sammeln Daten. Alle.

Digitale Privatsphäre "Kaum wird die App geöffnet, landen Daten bei Facebook"

Facebook

"Kaum wird die App geöffnet, landen Daten bei Facebook"

Viele Apps schicken ohne Zustimmung Daten an das soziale Netzwerk. Frederike Kaltheuner von der Organisation Privacy International erklärt, wie Nutzer sich wehren können.   Interview von Hakan Tanriverdi