Angela Merkel auf der Gamescom "Der Finger muss hierhin und der dahin"

Angela Merkel vor einem Bildschirm mit der Nachbildung ihrer selbst und des Reichtages im Spiel Minecraft.

(Foto: AP)

Angela Merkel lässt sich auf der Computerspielmesse Gamescom Spiele wie "Minecraft" zeigen. Eigentlich geht es aber um Wahlkampf - und darum, ob die Branche Staatsgeld bekommt.

Von Caspar von Au, Köln

Angela Merkel fährt Traktor. Es ist das einzige Mal, dass die Bundeskanzlerin an diesem Dienstag einen Controller in die Hand nimmt. Konzentriert blickt sie auf den Monitor vor sich. "Der Finger muss hierhin und der dahin. Hiermit bewegen Sie den Traktor", erklärt ihr der PR-Manager die Steuerung des "Landwirtschaft-Simulator". Nach 30 Sekunden legt sie den Controller wieder weg, formt mit ihren Händen lieber die Raute. Controller, Simulatoren: Es ist nicht wirklich Merkels Welt. Sie möchte lieber zuschauen und Fragen stellen.

Zum ersten Mal hat die Bundeskanzlerin die Gamescom in Köln eröffnet. Rund 350 000 Fach- und Privatbesucher werden erwartet, die Messe ist die größte Video- und Computerspielmesse der Welt. Gerald Böse, Chef der Koelnmesse sprach im Vorfeld von Merkels Premiere als "Ritterschlag für die Gamescom".

Die Kanzlerin ist keine Gamerin

Am Dienstagmorgen um 9 Uhr öffnen sich die Türen der Messe für Fachbesucher aus aller Welt. Schnell bilden sich Schlangen vor den Ständen begehrter Spiele. Jeder möchte einen Blick auf seinen Lieblingstitel erhaschen. Sie stehen 20 Minuten oder länger an, um ein Video des neuesten Titels der Ego-Shooter-Reihe "Call of Duty" - Leitthema Zweiter Weltkrieg - zu sehen; um wenige Minuten in dem Science-Ficton-Rollenspiel "Destiny 2" zu verbringen; oder um die neue Xbox One X auszuprobieren. Für Merkels Auftritt interessieren sich die Gamer weniger.

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Dass die Bundeskanzlerin keine von ihnen ist, war im Vorfeld klar. Trotzdem betonen alle offiziell Beteiligten immer wieder, das hier sei nicht nur ein Wahlkampftermin. Merkel habe erkannt, wie wichtig die Gaming-Branche ist, so soll ihre Botschaft wohl lauten. In ihrer Eröffnungsrede bezeichnet sie Computerspiele als "Wirtschaftsmotor von allergrößter Bedeutung" und "Innovationstreiber". Mehr als eine Milliarde Euro hat die Gaming-Industrie im ersten Halbjahr 2017 in Deutschland bereits umgesetzt, bis zum Ende des Jahres sollen es knapp drei Milliarden werden.

Virtuelle Realität und E-Sport sollen die Zukunft sein

Die diesjährige Gamescom steht unter dem Motto "Einfach zusammen spielen". Dazu passen zwei Trends, die die Branche dieses Jahr besonders beschäftigen: Virtual Reality (VR) ist zwar noch nicht im Massenmarkt angekommen und der ganz große Hype etwas abgeflacht, aber die Technologie wird in den kommenden Jahren insbesondere das soziale Erlebnis in Videospielen maßgeblich verändern. Auch die Industrie könne von Technologien wie VR profitieren, betont Merkel in ihrer Rede.

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E-Sport, der andere große Trend, ist bereits ein "Massenphänomen" - das sind zumindest die Ergebnisse zahlreicher entsprechender Studien. 2017 sollen knapp 700 Millionen US-Dollar mit Wettkämpfen zwischen professionellen Computerspielern, sogenannten Pro-Gamern, weltweit umgesetzt werden. Auf der inoffiziellen Dota-2-WM "The International" gewann das Siegerteam 10,8 Millionen Dollar. Einer Erhebung des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) zufolge wissen mittlerweile immerhin drei von zehn Deutschen etwas mit dem Begriff E-Sport anzufangen.

Der BIU, einer der Träger der Gamescom, hat aber auch Forderungen an die Politik: In Ländern wie Frankreich, England, Italien und Kanada wird die Entwicklung von Spielen staatlich gut gefördert, in Deutschland dagegen nicht ausreichend, kritisiert Felix Falk, der Geschäftsführer des Branchenverbands. "Von 100 Euro, die für Spiele ausgegeben werden, landen nur sieben Euro bei Spieleentwicklern in Deutschland". Man wünsche sich, dass Spieleentwickler und Menschen, die Entwickler-Studios gründen, gezielt gefördert werden. Merkels Antwort fällt klar aus: Man verstehe den Wunsch der Branche und werde sich in der nächsten Legislaturperiode "zusammensetzen".

Nach der Rede besucht die Kanzlerin auf ihrem Rundgang über die Messe die deutschen Entwickler von BlueByte. Merkel interessiert sich weniger für deren neueste Ankündigung des Aufbauspiels "Anno 1800", sondern den Wunsch der Macher nach Förderung und Fachkräftemangel. Auch bei den Sony-Entwicklern von Yager ("Dreadnought") und Fizbin ("The Inner World - The Last Wind Monk") fragt sie nach den beruflichen Rahmenbedingungen der Branche. Wer gehofft hat, Merkel mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf zu erleben, wird enttäuscht. Sie schaut nur zu, während eine Helferin das Autorennspiel "Gran Turismo" mit der PSVR von Sony vorführt. "Sind Sie mit Ihren Leistungen zufrieden?", fragt sie die Rennfahrerin und scherzt: "In den Kurven war's schon etwas langsam."

"Wenn man sieht, wie viele junge Leute hier rumspringen, da müssen wir reagieren"

Sichtlich spannend findet Merkel vor allem ihre letzte Station bei Microsoft: Am Stand von Microsoft demonstriert Chemielehrer Mirek Hancl, wie seine Schüler mit Hilfe des Spiels "Minecraft" das Periodensystem lernen. Eine Spielfigur, die offenbar Merkel darstellen soll, baut in dem Spiel ein Helium-Atom zusammen. Microsoft bietet eine spezielle Education-Version des Spiels an, mit der Lehrer Unterrichtsprogramme für Mathematik, Kunst, Wirtschaft und zum Sprachen lernen entwickeln können. Da ist die Naturwissenschaftlerin schon eher in ihrem Element. "Wir müssen versuchen, das systematisch in die Schulen zu bringen", sagt Merkel. Der Bund könne da keine Vorgaben machen, weil Bildung Ländersache bleiben solle, aber er könne Infrastruktur und Software zur Verfügung stellen. "Wenn man sieht, wie viele junge Leute hier rumspringen, da müssen wir reagieren", sagt Merkel.

Von morgen an werden noch viel mehr junge Leute auf der weltgrößte Gaming-Messe herumspringen: Von Mittwoch bis Samstag ist die Gamescom für alle geöffnet, die Tickets sind ausverkauft.

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