Süddeutsche Zeitung

Android:Ein Betriebssystem verändert die Welt

Vor zehn Jahren ging es los - heute nutzen fast 90 Prozent der Handybesitzer Android von Google. Ex-Telekom-Vorstandsmitglied Christopher Schläffer hat den Aufstieg aus nächster Nähe miterlebt.

Christopher Schläffer sieht die Szene vom 23. September 2008 immer noch vor sich. Genau zehn Jahre ist das nun her, Schläffer war damals Vorstandsmitglied für Innovation bei der Deutschen Telekom, er stand in einer Station der New Yorker U- Bahn, neben sich Android-Entwickler Andy Rubin und Peter Chou, Chef des Handyherstellers HTC, vor sich 100 Journalisten und 500 Blogger. Und dann kommen die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin auf Rollschuhen herangesaust, in den Händen ein Plakat, das für etwas wirbt, das damals noch kaum einer kennt, das aber die Welt verändern würde: das Smartphone-Betriebssystem Android.

Der Österreicher Schläffer, heute 49 Jahre alt und Chief Digital Officer beim Kommunikationskonzern Veon, hatte zuvor schon mit Apples Tim Cook den exklusiven Deal zur Einführung des iPhones in Deutschland ausgehandelt. Nun also ging es um Android und das erste dafür gebaute Handy, das G1. "Ich war sehr überrascht, wie groß der Andrang war", erinnert er sich. Und auch, dass er ziemlich nervös war. Denn bei einem Statusmeeting drei Wochen vor dem U-Bahn-Termin hatten die Entwickler noch zugeben müssen, dass im Android-Code noch Hunderte Fehler steckten.

"Android öffnete das System"

Dennoch: Das System wurde sehr enthusiastisch aufgenommen. "Es gab damals einige wichtige Entwicklungen", sagt Schläffer heute, "zum Beispiel den Formfaktor. Die damaligen Smartphones waren umständlich zu bedienen, erst Apple hat die Benutzerschnittstelle revolutioniert." Android dagegen habe einen anderen Ansatz verfolgt. "Android öffnete das System", sagt Schläffer, die anderen wollten alle geschlossene Systeme aufbauen. Apps in der Form, wie man sie heute kennt, seien bis dahin ja unbekannt gewesen.

Dass aber das System ein solcher Erfolg werden würde, habe niemand ahnen könne: "Man konnte zu diesem Zeitpunkt ja nicht absehen, wie massiv sich das Internet entwickeln würde." Vor allem in Richtung des mobilen Zugangs, des Smartphones also. Damals habe immer noch der stationäre Zugang per PC dominiert.

Die Zeit vor Android und dem iPhone hatten andere beherrscht, Nokia und Microsoft. Doch Nokia erkannte die Zeichen der Zeit nicht und gilt heute als Symbol einer verschlafenen Entwicklung. Auch Microsoft kam erst spät darauf, wie wichtig die mobile Welt und das Surfen auf dem Handy sein würde, und "stand immer im Spagat zwischen seinen verschiedenen Systemen", wie Schläffer sagt.

Schon früh sei auch die Diskussion darüber entbrannt, wie offen Android eigentlich sei. Schläffer kannte den Erfinder Andy Rubin schon länger. Der hatte in seiner Firma Danger damals einen Smartphone-Vorläufer namens "Sidekick" entwickelt, ein Projekt, das schließlich erfolgreich an Microsoft verkauft wurde. Auch Android war zunächst selbständig, wurde dann aber 2005 von Google übernommen. "Die Schlüsselfrage war damals: Würde man einen Google-Zugang brauchen, um das System nutzen zu können?", erinnert sich Schläffer. Google habe zugesagt, das werde nicht der Fall sein. "Aber sie haben sich nie richtig daran gehalten."

"Wir brauchen ein neues Internet"

Im Grundsatz sei Android aber immer noch ein offenes System, und: "Ich habe hohen Respekt vor der Leistung Googles." Dass die EU vor Kurzem eingegriffen und Google mit einer Rekordstrafe von 4,3 Milliarden Dollar belegt hat, findet Schläffer trotzdem richtig. Es seien viele Dinge ins System integriert, "da sind die Regulierer einfach gefordert, die müssen da eingreifen". Das gilt seiner Meinung nach auch generell. Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt stammten aus der Technologiebranche und fünf davon aus dem Silicon Valley. Man müsse schon schauen, wohin die Entwicklungen gehen.

Als Kern der kommenden Innovationen sieht Schläffer die künstliche Intelligenz: "Wir stehen an einer neuen Schwelle in der Entwicklung des Internets." Die Logik der App Stores mit ihren inzwischen Milliarden an einzelnen Apps gerate an ihre Grenzen. "80 Prozent ihrer Zeit verbringen die Nutzer mit nur drei Apps", sagt Schläffer. Er glaubt: "Wir brauchen ein neues Internet." Wie solle man in der Fülle der Apps noch die entdecken, die einem selber gefallen und nutzen würden? "Dieses System ist weitgehend gescheitert."

Android leidet auch darunter, dass es wesentlich komplexer ist, Software für eine Vielzahl von Endgeräten zu schreiben, anstatt wie bei Apple nur für wenige Modelle, deren Hardware man selber auch noch unter Kontrolle hat. Auch das, sagt Schläffer, könne irgendwann zum Problem für Android werden und Platz für konkurrierende Entwicklungen schaffen.

Aber wie kommt man heraus aus dem Dilemma? "Das Internet muss den Kontext nutzen", sagt Schläffer, "eine neue Logik muss entwickelt werden." Vor allem, weil er die App-Technologie als Sackgasse ansieht, ist er davon überzeugt, dass es durchaus gelingen könnte, das herrschende Duopol aus Android und Apples iOS mit einem innovativen Ansatz aufzubrechen, "auch wenn es so aussehen könnte, als sei das unmöglich". Eine wichtige Rolle spielt für ihn dabei die Mensch-Maschine-Interaktion, die beispielsweise Sprache als Eingabemöglichkeit noch stärker als bisher nutzen könnte.

Wo Android unbestreitbare Verdienste habe, sei aber im Zugang zum Internet. Während Apples Strategie darauf abziele, hohe Margen zu gewährleisten, ermögliche das Android-System den Handyherstellern, auch billigere Geräte auf den Markt zu bringen. "Es geht ja immer auch um Zugang zum Internet", sagt Schläffer. "Jeder zweite Mensch auf der Welt nutzt das Internet noch nicht." Während ein Haushalt in westlichen Ländern etwa ein Prozent des Jahreseinkommens für Smartphones mit Internetzugang ausgebe, seien es in Tansania im Durchschnitt zehn Prozent. "Da spielt Android eine wichtige Rolle", ist er sich sicher.

Kritisch sieht aber auch er, dass Google das System nutzt, um sehr viele Daten von seinen Nutzern zu sammeln, weil das für das werbefinanzierte Geschäftsmodell des Suchmaschinen-Konzerns nötig sei. Apple könne sich demgegenüber als datenschutzfreundlich präsentieren, weil es für das Geschäftsmodell des Konzerns nicht erforderlich sei, so viele Daten zu sammeln.

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Quelle:
SZ vom 21.09.2018
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