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Gaming:Warum Grafikkarten knapp und teuer sind

Gaming: Spieler auf der Computerspielmesse Gamescom 2018 in Köln

Computerspieler auf der Fachmesse Gamescom 2018 - ohne Grafikkarten kein Spielspaß.

(Foto: Christoph Hardt/imago/Future Image)

Sie gehören in jeden Spielecomputer, nur zu bekommen sind sie momentan kaum - und wenn, dann nur zu Mondpreisen. Zwei Ursachen kommen dabei zusammen.

Von Wolfgang Luef

Wann ist der beste Zeitpunkt, um einen Spielecomputer aufzurüsten? So beginnt ein Witz, den sich PC-Spieler gerne erzählen, um sich über die Sprunghaftigkeit des Marktes lustig zu machen. Die Antwort: Der beste Zeitpunkt ist immer eine Woche nachdem man ihn zuletzt aufgerüstet hat. Denn Einzelteile - darauf spielt der Witz an - werden oft binnen weniger Tage billiger oder in einer neuen Generation veröffentlicht und dadurch schneller und leistungsfähiger.

Zumindest galt das viele Jahre lang. Doch seit März 2020 funktioniert dieser alte Witz nicht mehr. Denn für Computerspieler wurde seit einem Jahr überhaupt nichts billiger - im Gegenteil. Die neueste Spiele-Hardware ist seit Monaten Mangelware, und wer dringend aufrüsten will, zahlt Mondpreise. Nirgendwo ist der Mangel so groß wie bei Grafikkarten - das sind jene leistungsstarken Prozessoren auf Steckkarten, die in keinem Spiele-PC fehlen dürfen. Schuld daran ist nicht nur die enorm gestiegene Nachfrage, sondern auch Ethereum, die zweitwichtigste Kryptowährung hinter dem Bitcoin.

In der Pandemie wird so viel gespielt wie noch nie

Aber der Reihe nach: Im Jahr eins der Pandemie wurde so viel am Computer gespielt wie noch nie. Die wichtigste Spiele-Plattform Steam verzeichnete 50 Prozent mehr Spielstunden als 2019. Dazu erschienen auch noch lange erwartete Titel wie "Cyberpunk 2077" oder "Assassin's Creed Valhalla". Um diese grafisch opulenten Spiele in bester Auflösung zu genießen, braucht es die Rechenleistung starker Grafikprozessoren. Und eben die sind seit Monaten kaum zu bekommen.

Dabei hätte es eigentlich eine ganze Reihe neuer technologisch überlegener Grafikkarten am Markt geben sollen. Zum Beispiel die RTX 3090 von Nvidia, dem mit Abstand größten Hersteller von Grafikchips: Die High-End-Karte (Preisempfehlung 1500 Euro) wurde im September vorgestellt und war sofort vergriffen, auf Youtube konnte man Hunderte Spieler sehen, die vor Fachgeschäften übernachteten, um eine zu bekommen. Doch der Einzelhandel bekam viel weniger Karten ausgeliefert als erwartet - und das überall auf der Welt.

Bis heute zeigen die meisten Online-Händler die 3090 als ausverkauft an - die erhältlichen Exemplare kosten mitunter das Doppelte der Preisempfehlung. Ähnlich die RX 6800 von AMD, dem einzigen und deutlich kleineren Nvidia-Konkurrenten: Die Karte war dermaßen schwer zu bekommen, dass Spieler dem Hersteller vorwarfen, er habe sie lediglich auf dem Papier herausgegeben.

Der Engpass bleibt

Marktführer Nvidia legte seither vier weitere, theoretisch viel günstigere Karten vor. Doch kein Modell hat etwas am Engpass geändert. Die RTX 3060 etwa, sie soll laut Nvidia unter 400 Euro kosten, kann man heute mit Glück für 800 Euro bekommen. Meist wird sie teurer angeboten. Noch öfter aber ist sie ausverkauft.

Woran liegt das? Nvidia gibt sich auf Nachfrage einsilbig: Es gebe "nach wie vor eine sehr hohe Nachfrage nach Grafikkarten", man arbeite "täglich daran, die Situation zu verbessern", sagt ein Sprecher. Weitere Fragen zur Karten-Knappheit möchte man nicht beantworten. Bekannt ist jedenfalls, dass es seit Monaten Probleme bei der Produktion von Halbleitern gibt, dem Ausgangsstoff für Computerchips. In der Pandemie wurde die Welt digitaler - und damit stieg überall die Nachfrage nach Chips.

Dazu kamen wochenlange coronabedingte Ausfälle in mehr als hundert chinesischen Halbleiterwerken, Streiks in Frankreich und Italien sowie zwei brennende Werke in Taiwan und Japan. Apple musste wegen Chipmangels die Vorstellung des iPhone 12 verschieben, die Autoindustrie drosselte aus demselben Grund die Produktion.

Goldrausch

Bei den Grafikkarten gibt es aber noch einen anderen Grund, der den Mangel verschärft: der Boom der Kryptowährungen, allen voran Ethereum. Die Einheiten dieser digitalen Währung werden durch komplizierte Berechnungen gewonnen, man nennt das "Mining", auf Deutsch "Schürfen", eine Analogie zur Gewinnung von Gold. An diesem Prozess kann sich im Grunde jeder mit seiner Computer-Rechenleistung beteiligen. Und nichts eignet sich für das Ethereum-Schürfen besser als die leistungsstarken Chips der neuesten Grafikkarten-Generation, die viele Rechenprozesse parallel ausführen können. Ungefähr zur selben Zeit, zu der Nvidia die neuen Karten vorstellte, schoss der Ethereum-Kurs in die Höhe - und löste einen wahren Goldrausch aus.

"Es ist eine Situation wie aus dem Lehrbuch", sagt Philipp Sandner, Leiter des Blockchain-Centers an der Frankfurt School of Finance & Management: "Es gibt eine Ressource, die Grafikchips, für die man historisch nur eine Verwendung kannte: Computerspiele. Und plötzlich gibt es da eine zweite Anwendung. Natürlich gehen die Produkte dann an den, der den höchsten Preis zahlen kann." Und das seien eben die Schürfer, nicht die Spieler.

Groß denken

Im Netz kursieren zwar viele Anleitungen, wie jeder im eigenen Büro oder Jugendzimmer mit seiner Grafikkarte Ethereum schürfen und dabei Geld verdienen kann. Doch um wirtschaftlich zu schürfen, müsse man das größer anlegen, erklärt der Ökonomie-Professor. Spezialisierte Rechenzentren würden Grafikkarten in riesigen Mengen anschaffen, um bessere Stückpreise und Stromtarife zu bekommen. "Mit dem deutschen Strompreis rechnet sich das nicht. Diese Mining-Farmen stehen in Ländern mit günstiger Energie, zum Beispiel in Island, Norwegen, Kanada, oder auch in Tadschikistan und der inneren Mongolei."

Verlässliche Daten über die Schürfer-Nachfrage nach Grafikkarten gibt es nicht. Die Hersteller selbst reden deren Anteil eher klein. Rekordumsätze durch Spekulation auf eine umweltschädliche Technologie mit gigantischem Stromverbrauch: Das ist nicht gerade förderlich fürs Image - bei Gamern und bei Investoren.

Nvidia hat das erfolgreichste Quartal seiner Geschichte hinter sich: Mit Gaming-Chips setzte das Unternehmen im letzten Quartal 2,5 Milliarden Dollar um - eine Milliarde mehr als im Vorjahr. Wie viel davon von Schürfern kommt, wisse man nicht, sagte Nvidia-Chef Jensen Huang im Februar, es seien aber vermutlich nicht mehr als 300 Millionen. Branchenkenner bezweifeln diese Aussage.

Gegenmaßnahmen ohne Wirkung

Immerhin sieht auch der Hersteller Handlungsbedarf: So liefert Nvidia das neueste Modell, die RTX 3060, nun mit einem Treiber aus, der erkennt, ob die Karte fürs Ethereum-Mining benutzt wird, und die Rechenleistung in diesem Fall künstlich halbiert. Außerdem stellte das Unternehmen jüngst eine neue Produktlinie vor, spezielle Kryptomining-Prozessoren, genannt CMP. Das sind - vereinfacht gesagt - Grafikkarten ohne Monitor-Anschluss, die nicht fürs Spielen, sondern nur fürs Mining benutzt werden können.

Ist damit nun ein Ende der großen Grafikkarten-Knappheit in Sicht? Eher nicht. Im Netz werden diese Gegenmaßnahmen bereits auseinandergenommen: Die neue CMP-Linie sei zu schwach, zu teuer und damit nicht konkurrenzfähig zu den Grafikkarten, heißt es auf einschlägigen Blogs. Und die künstliche Bremse in der RTX 3060 könne man durch ein Update leicht umgehen.

Bleibt noch das Warten auf eine geplante Umstellung des derzeitigen Systems zur Herstellung von Ethereum. Blockchain-Experte Philipp Sandner erklärt: "Die Programmänderung ETH2 wird dazu führen, dass sich Ethereum vom Mining löst, dann gibt es das Grafikkarten-Problem nicht mehr." Bis der Prozess abgeschlossen ist, dürfte es aber noch einige Jahre dauern. Zu lange für Gamer, die es nicht erwarten können, das neueste "Call of Duty" in höchster Auflösung zu spielen. Sandner jedoch macht Hoffnung, dass die Geduldigen am Ende sogar vom momentanen Ausverkauf profitieren könnten: "Nach jeder Goldgräberstimmung gibt es einen Preiseinbruch. Das werden wir auch diesmal sehen."

Und so warten Tausende Spieler auf den Tag, an dem der alte Witz vom PC-Aufrüsten endlich wieder stimmt.

© SZ
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