Amazon, Google, Facebook, Apple, Microsoft Ein Leben ohne die furchtbaren Fünf ist möglich, aber sinnlos

Amazon ist nicht nur ein Versandhaus, mit seiner Tochterfirma AWS liefert der Konzern auch das Rückgrat vieler Web-Anwendungen. Aus dem Weg gehen kann man dem kaum noch.

(Foto: REUTERS)
  • Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft haben das westliche Internet unter sich aufgeteilt.
  • Wer versucht, komplett auf die Dienste dieser fünf Konzerne zu verzichten, der hat eine schwierige Aufgabe vor sich. Vor allem Amazon ist durch seine Tochter "aws" kaum zu vermeiden.
Von Michael Moorstedt

Man kennt sie als die furchtbaren Fünf. Was klingt wie eine Bande von Western-Ganoven ist in Wahrheit eine Gruppe von mehr oder weniger gesetzestreuen, mehr oder weniger steuerzahlenden Unternehmen. Sie heißen Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft. So gut wie jeder Mensch nutzt eines ihrer Produkte, und zusammen haben sie eine Marktmacht von ein paar Billionen Dollar. Da kann einem schon mal Angst und Bange werden.

Aus Gründen wie diesen hat sich die Tech-Journalistin Kashmir Hill in den vergangenen Wochen dazu entschlossen, einen Monat lang ohne deren Dienste auszukommen. Möglich machen sollte das ein individualisiertes Virtual Private Network, das sämtliche IP-Adressen blockiert, die sich im Besitz der Konzerne befinden. Mehr als 23 Millionen waren es am Ende allein bei Amazon. Im Verlaufe einer Woche versuchen Hills Geräte und Programme mehr als 300 000 Mal, auf die Server des Unternehmens zuzugreifen.

Digitale Abstinenz war früher leichter

Neu sind solche Abstinenz-Experimente freilich nicht. Vor einigen Jahren gab es eine ganze Reihe von Büchern, deren Autoren wochen- oder monatelang ohne Internet gelebt hatten und darüber schrieben (und dann in Talkshows eingeladen wurden). Damals war das Netz aber nicht wie heute eine alles überlagernde vierte Dimension, sondern eher noch eine parallel zum echten Leben verlaufende Sphäre, und dementsprechend unspektakulär verlief die Askese dann auch. Ein bisschen verpasstes Netzwerken, ein wenig Komfortverlust, dafür aber weniger Sozialdruck und selbstgemachter Stress.

Worin besteht also der Sinn von Hills Experiment? Geht es lediglich um das Sichtbarmachen von bislang bei den meisten Nutzern nur gefühlten Machtstrukturen und Abhängigkeiten? Gründe für einen Boykott gäbe es zur Genüge: den Datenhunger der Konzerne, ihre windigen Geschäfte, die von ihnen zumindest mitverursachte Korrosion der politischen Öffentlichkeit. Hills Frage ist eine andere. Nämlich nicht, ob ein Leben ohne Netz überhaupt möglich ist, sondern ob man es ohne die großen Fünf überhaupt sinnvoll nutzen kann.

Eigentlich dürfte es nicht zu schwer sein, trotz Blockade so weiterzuleben wie bisher. Alternative Suchmaschinen, Shopping-Portale, E-Mail-Dienstleister, ja selbst Navigationsoftware und soziale Netzwerke gibt es zur Genüge. Schwieriger wird es da schon, ein Smartphone zu finden, das nicht mit Software von Apple oder Google läuft. Mal sind die Alternativen genauso kommerziell und datenhungrig wie die Angebote der Monopolisten, mal von Idealisten betrieben, die sich ein anderes, besseres Netz erträumen. Gemein haben diese Angebote vor allem, dass sie von kaum jemandem benutzt werden.

Scheitern aus Bequemlichkeit

Dabei sind es nicht einfach nur die Hauptportale, die es zu vermeiden gilt. Sondern eher die unsichtbaren Stränge, mit denen sich die Tech-Firmen schon längst unentwirrbar mit der Substanz des Internet verwoben haben. Auch wer diesen Text online liest, wird mittels Social Buttons von Facebook getrackt, selbst wenn er nicht gerade eingeloggt ist.

Gleiches gilt für Google. Bei Amazon ist es dagegen nicht der 24-Stunden-Lieferservice, der am meisten fehlt, es fehlen die Server und die Rechenleistung der Tochterfirma AWS, die quasi dafür sorgen, dass eine Vielzahl von Websites und Dienstleistungen überhaupt online ist. Die Liste der Kunden liest sich wie ein Who's who der Leitindizes und Marktführer. Wer auf Amazon verzichtet, so die Lektion, verzichtet nicht nur auf das Internet, sondern auf die Welt. Für berufstätige Erste-Welt-Bewohner nimmt ein solcher Boykott ein Ausmaß an, gegen das jede Form von analoger Askese wie halbgares Heilfasten wirkt.

Am Ende der Testphase gesteht Hill dann auch vorläufig ihr Scheitern ein. Nicht nur, weil ihr Versuch aus technischer Sicht so gut wie unmöglich ist. Sondern auch und vor allem, weil sie zu bequem ist, um auf all die Vorteile zu verzichten, die ihr das Leben unter der Fuchtel der furchtbaren Fünf gewährt.

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