Alphabet Das Bußgeld zügelt Google anno 2010, nicht Alphabet anno 2017

Es ist richtig, dass die Kombination aus Suche und Werbung Alphabet ein effektives Mittel an die Hand gegeben hat, so viele Daten wie möglich zu extrahieren, aber dies war nur ein frühes Stadium in der Entwicklung der Firma. Die nächste Stufe wird vielleicht einige dieser Elemente beibehalten, aber wahrscheinlich wird sie stark auf die Kombination von künstlicher Intelligenz und Gebühren setzen - irgendjemand, der Steuerzahler wohl eher als der Nutzer, wird für den Service bezahlen.

Wer wird wohl für die Kosten von intelligenten Gesundheitssystemen aufkommen, die durch Alphabets künstliche Intelligenz ermöglicht werden? Das Bußgeld durch die Europäische Kommission bezieht diese Evolution kaum mit ein, denn es hat zum Ziel, das Google von 2010 zu zügeln, nicht das Alphabet von 2017 oder gar 2020.

Paradoxerweise könnte die EU-Strafe sogar den Anstoß für Alphabet geben, den Übergang von der ersten zur zweiten Entwicklungsstufe zu beschleunigen. Denn warum sollte man sich lange damit aufhalten, verwirrende Ergebnisse zu liefern, wenn die meisten von uns doch nach spezifischen Antworten suchen? Mehr Daten über jeden Einzelnen von uns, kombiniert mit fortschrittlicher künstlicher Intelligenz - das bedeutet, das Alphabet eines Tages diese Antworten liefern wird, und die Suche damit obsolet macht, so wie Googles persönlicher Assistent fürs Smart Home es bereits heute tut.

Die EU-Kommission handelt kurzsichtig

Europa will die hohe Strafe für Google freilich nutzen, um seine erhabenen Werte anzupreisen; in Anbetracht dessen, dass eine solche Debatte in Amerika kaum existiert, ist das wahrscheinlich auch nicht ganz falsch. Aber man könnte auch die gesamte Europäische Kommission, nicht nur ihre Wettbewerbskommissarin, der Kurzsichtigkeit beschuldigen. Denn sie zieht die eigentliche Quelle von Alphabets langfristiger Macht nicht in Betracht: Daten.

Daten sind nicht wie andere Güter, und Datenmärkte sind anders als andere Märkte. Es stimmt, dass ein Markt, in dem ein einzelner Widget-Hersteller 80 Prozent aller Widgets kontrolliert, zu einem Missbrauch von Marktmacht führen kann. Es ist auch richtig, dass ein Markt, auf dem fünf Firmen 20 Prozent der Widgets kontrollieren würden, besser wäre. Aber Daten sind nicht wie Widgets, denn je mehr Daten man hat, desto besser der Service, den man anbieten kann: Eine Firma, die 100 Prozent der Daten auf der Welt kontrolliert, kann Dinge tun, die eine Firma mit 20 Prozent der Daten nicht tun kann (jedenfalls nicht im Bereich der künstlichen Intelligenz, die sich von Daten ernährt).

Kein Unternehmen sollte ein Datenmonopol entwickeln können

Natürlich ist das kein Grund, das Wettbewerbsrecht abzuschaffen oder all unsere Daten freiwillig an Alphabet abzutreten. Aber wir sollten das Kartellrecht auf einem höheren Niveau der Analyse anwenden. Wenn wir wirklich alle Einsichten nutzen wollen, die aus der Kombination verschiedener Datensammlungen entstehen, ist es offensichtlich, dass die Daten einer einzigen Instanz gehören sollten - aber diese muss kein großer Technikkonzern wie Alphabet sein.

Die Daten der gesamten Nation könnten zum Beispiel in einem gemeinschaftlichen nationalen Datenfundus gesammelt werden, der allen Staatsbürgern gehört (oder im Fall einer europäischen Lösung allen Europäern). Wer auch immer auf Grundlage dieser Daten einen neuen Service anbieten wollte, müsste das in einem sehr wettbewerbsorientierten, streng regulierten Umfeld tun und einen entsprechenden Anteil seiner Profite als Nutzungsgebühr abgeben. Eine solche Aussicht würde große Technikkonzerne viel stärker abschrecken als die Aussicht auf ein Bußgeld.

Der aktuelle Ansatz - große Technikunternehmen so viele Daten aufnehmen zu lassen, wie sie können, und dann das Kartellrecht darauf anzuwenden, wie sie ihre Websites gestalten - ist zahnlos. Das Beheben von Problemen beim Onlineshopping ist sicher wichtig. Es darf aber nicht den Übergang zu einer perversen Form des Datenfeudalismus beschleunigen, bei der nur ein oder zwei Unternehmen die zentrale Ressource allein kontrollieren.

Aus dem Englischen übersetzt von Timo Lehmann.

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