Süddeutsche Zeitung

Alibaba vor dem Börsengang:Chinas Klone bedrohen das Silicon Valley

Lesezeit: 5 min

Das Krokodil aus dem Jangtse greift an: Der chinesische Internetkonzern Alibaba geht an die Börse. Chinas Start-ups wollen die Welt erobern und den US-Konzernen gefährlich werden.

Von Marcel Grzanna, Shanghai, und Varinia Bernau

Seinen Job als Englischlehrer hatte Jack Ma gerade an den Nagel gehängt. Nun wollte der Chinese sein Glück im Internet versuchen. Dabei hatte er, wie er später einmal erzählte, bis dahin noch nie eine Tastatur berührt. Ausgerechnet sein Start-up Alibaba wollte also die Hightech-Konzerne aus dem Silicon Valley herausfordern? "Ebay ist der Hai im Ozean. Wir sind das Krokodil im Jangtse", sagte Ma. "Wenn wir im Ozean kämpfen, verlieren wir. Aber wenn wir im Fluss kämpfen, gewinnen wir."

Die Frage, wie gefährlich das Krokodil aus dem Jangtse wirklich ist, stellt sich dringender denn je: Alibaba bereitet seinen Börsengang in New York vor. Der Konzern ist mehr als Ebay. Alibaba ist auch Amazon, ein wenig Facebook - und dabei, sich ein Geschäft zu erschließen, das im Silicon Valley noch niemand besetzt hat. Das macht Alibaba sehr wertvoll. Selbst in vorsichtigen Schätzungen liegt der Börsenwert bereits über 140 Milliarden Dollar. Und damit über dem von Ebay, fast auf der Höhe von Amazon und Facebook.

Natürlich ist solch eine Schätzung eine Wette auf die Zukunft. Und für Internetunternehmen ist diese Zukunft in China rosiger als in den USA: Derzeit nutzen erst knapp 600 Millionen Chinesen das Internet, nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung. Nicht nur die Zahl derer, die Zugang zum Netz haben, steigt. Auch das Vermögen, das sie dort ausgeben können, steigt. Zum Beispiel bei Alibaba.

Auf der gleichnamigen Plattform bringt der Konzern Händler und Hersteller zusammen. Zudem hat er mit Taobao einen Marktplatz geschaffen, auf dem auch Privatleute ihre Einkäufe erledigen können. Anders als Ebay kassiert Alibaba dabei keine Provisionen, sondern schaltet Werbung. Und anders als Ebay es lange tat, verlangt Alibaba auch keine Vorkasse. Über den Bezahldienst Alipay wird das Geld auf einem Konto geparkt, bis die Ware geliefert ist. Das ist wichtig in einem Land wie China, wo die Menschen sparsam sind und Fremden misstrauen. So hat das Krokodil den Jangtse verteidigt. Vorerst. Doch die Wachstumsaussichten in China locken auch andere. Und weil der Hai nichts unversucht lässt, um in den Fluss vorzudringen, wagt sich das Krokodil nun doch in den Ozean. Fragt sich nur: Wer wird am Ende der Stärkere sein?

Benjamin Jakob, der als Gastdozent an der German Graduate School of Management and Law in Heilbronn lehrt, beobachtet Alibaba schon eine ganze Weile. Er ist sich sicher, dass der Konzern das an der Börse eingesammelte Geld in die Expansion gen Westen stecken wird. "Alibaba hat von Anfang an auf Internationalisierung gesetzt. Während es zunächst darum ging, den chinesischen Anbietern Zugang zu ausländischen Märkten zu schaffen, bietet Alibaba seine Dienste seit einigen Jahren auch Händlern in Indien, Japan, den USA und sogar in Europa an." So dient etwa die Plattform Tmall ausländischen Herstellern als Trittbrett in Richtung chinesischer Markt. Wer seine Produkte in der Volksrepublik verkaufen will, ohne eine Repräsentanz zu eröffnen, findet bei Tmall dafür die nötige Infrastruktur samt Zahlungssystem.

Amerikanische Händler nutzten die Plattform bereits eifrig, um günstige Waren in China zu ordern, sagt Jakob. Und es gibt auch eine Internetseite, auf der amerikanische Privatleute auf Einkaufstour in Fernost gehen können. So etwas kann sich Jakob durchaus auch für Deutschland vorstellen. "Die Sachen kommen doch ohnehin meistens aus China. Warum soll sich der Verbraucher die dann nicht auch direkt dort besorgen? Und zwar billiger, weil er den Zwischenhändler umgeht."

"Ein Buch werden die Leute wohl auch weiterhin bei Amazon bestellen. Aber technische Produkte, auf die man sich eine Woche lang freuen will", dann womöglich nicht mehr. Ob Alibaba Amazon wirklich gefährlich werden wird, hängt nach Ansicht von Jakob davon ab, ob der Konzern die dafür notwendige Logistik stemmen kann. Das ist alles andere als trivial, gerade um die breite Masse zu bedienen. "Für einen Bürostuhl und drei Spielekonsolen, den ein deutscher Kunde in China bestellt, lohnt es sich schließlich nicht, einen Container in den Hamburger Hafen zu schicken."

Chinas Smartphone-Revolution verändert alles

Bisher waren die Rollen in der chinesischen Internetwirtschaft klar verteilt: Alibaba dominierte den Onlinehandel, Tencent die Welt der Spiele und der sozialen Netzwerke und Baidu die Suche im Internet. Doch seit dem Siegeszug der Smartphones ist unterwegs alles möglich - und diese Möglichkeiten werden in China stärker genutzt als anderswo auf der Welt. Keiner der großen Drei will den anderen das Spielfeld überlassen. Alle wittern weitere Milliardengewinne. Und so kommen sie sich immer stärker in die Quere. Alibaba hat sich bei dem Kurznachrichtendienst Weibo eingekauft - ein Angriff auf Tencent. Mit der Übernahme von Autonavi macht der Konzern zudem Baidu dessen Führung bei mobilen Kartendiensten streitig. "Die Kauflust der Großen wird eine neue Leidenschaft in Chinas Gründerszene entfachen. Die chinesische Wirtschaft wird sich dadurch insgesamt zügig verändern", sagt Fang Xingdong von der Pekinger Beratungsfirma Chinalabs.

Dabei kann das Reich der Mitte auf immer mehr exzellent ausgebildete Entwickler setzen. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in dem Land steigen; die Zahl der dort angemeldeten Patente ebenfalls. Selbst amerikanische Technologiemanager versetzt dies ins Staunen.

Wird Alibaba also bald schon Amazon in die Quere kommen? Jakob traut dem Konzern einiges zu. Im Gegensatz zu Baidu oder Tencent.

Vor allem das Tempo, mit dem Alibaba einen Trend erkennt, die passende Antwort dazu entwickelt und auf den Markt bringt, sei beeindruckend. Google etwa hatte die Idee zu seinem sozialen Netzwerk Google+ vor drei Jahren zum richtigen Zeitpunkt - als viele vom Andrang bei Facebook genervt waren. Doch dann wurde Google+ lange nur auf Einladung freigegeben, und irgendwann interessierte es keinen mehr. Ganz ähnlich verläuft nun die Testphase von Googles Datenbrille: erst neugierig machen, dann aber doch das fertige Produkt aus reiner Technikverliebtheit erst präsentieren, wenn der Hype schon wieder vorbei ist. "Da sind die Chinesen flinker. Die erkennen den Hype - und reagieren sofort." Das mache Alibaba so unberechenbar.

Vielleicht wird Alibaba also Amazon nicht ersetzen, sondern ergänzen. Vielleicht werden die Chinesen bald schon ein Segment besetzen, das noch spannender wird als Amazon, Google und Facebook.

So baut Alibaba neben seinem Marktplatz gerade einen landesweiten Finanzdienstleister auf. Gründer Ma hatte schon vor einiger Zeit kritisiert, dass die staatlichen Geldinstitute nur einen kleinen Teil der chinesischen Bevölkerung erreichen. In dem größeren Teil sah er vor allem eine Chance für Alibaba. Am Anfang standen die Konten des Bezahldienstes Alipay. Inzwischen lässt sich darüber auch die Strom- oder Wasserrechnung begleichen; seit Kurzem gibt es sogar eine App, mit der man ganz ohne Bargeld eine Taxifahrt bezahlen kann.

Und Alibaba vergibt auch Kredite. Schließlich kennt der Konzern die Gewohnheiten von Millionen Chinesen - und weiß, wer kreditwürdig ist. Binnen weniger Monate hat Alibaba Millionen von Anlegern mit höheren Zinsen dazu verleitet, umgerechnet etwa 30 Milliarden Euro lieber online als bei einer staatlichen Bank zu hinterlegen.

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SZ vom 07.04.2014/jab
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