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Algorithmen für die Filmbranche:Chris Hemsworth + Scarlett Johansson + Action = $$$

The Avengers 2: Avengers

Superstars bei der Arbeit: Ein Computerprogramm soll im voraus berechnen können, wie erfolgreich Filme mit bestimmten Schauspielern werden. Im Bild: Eine Szene aus "Avengers".

(Foto: Marvel)
  • Spezialeffekte, Drehorte auf aller Welt, kostspielige Stars - Kinoproduktionen werden immer teurer.
  • Um Flops zu vermeiden, versucht die die Filmindustrie deshalb, künstliche Intelligenz zur Vorhersage von Kino-Erfolgen einzusetzen.
  • Doch entsteht dann nicht nur immer das Gleiche? Das neue ökonomische Risikomanagement könnte künstlerische Kreativität im Keim ersticken.

Kann man die Bewertung von Kunst in einen Algorithmus packen? Klar, zumindest wenn es nach einem südkoreanischen Forscherteam geht. Dazu entnahmen die drei beteiligten Wissenschaftler die Zusammenfassungen der Handlung von mehr als 40 000 Filmen von Wikipedia und verbanden sie in einem Computermodell mit deren durchschnittlicher Bewertung auf dem Bewertungsportal Rotten Tomatoes. Dem Ergebnis nach geht es bei der Frage, ob ein Film Erfolg hat, vor allem um möglichst viele Wechsel der emotionalen Tonalität.

Nun könnte man ätzen, dass es sich nicht gerade um eine neue Erkenntnis handelt, dass ein Film mehr als nur ein Sentiment vorweisen sollte. Und doch sind die Südkoreaner nicht die Einzigen, die sich in Zeiten immer aufwendigerer Filmproduktionen daran versuchen, Erfolg auf neue Art und Weise zu quantifizieren.

Start-ups mit klangvollen Namen wie Cinelytic oder Scriptbook versprechen, durch die Analyse von zurückliegenden Zuschauerzahlen sogar das Abschneiden künftiger Projekte zu prophezeien. Manche behaupten, ihnen reiche dazu nur eine Analyse des Drehbuchs. Und dass sie bis zu anderthalb Jahre im Voraus richtig lägen. Beweise dafür könne man aufgrund zahlreicher Verschwiegenheitsklauseln aber nicht liefern. Auch Branchenriesen wie 20th Century Fox experimentieren mit Computerprogrammen, die den Erfolg von Drehbüchern und Besetzungen vorhersagen sollen.

Wie wirkt es sich aus, wenn man die Hauptrolle statt mit dem einen Teeniestar doch lieber mit dem anderen besetzt? Wie in einem der beliebten Fußballmanager-Computerspiel-Simulationen lassen sich einfach Schauspieler austauschen, und die Software bezieht den veränderten Cast in die Kalkulation mit ein.

Lässt sich ein guter Film berechnen?

Die Filmproduktion selbst hat sich in den letzten Jahren rasant hochtechnisiert, überall gibt es atemberaubende Drohnenaufnahmen und Spezialeffekte - da liegt es nach Ansicht der Start-up-Gründer nahe zu fragen: Vielleicht sollte man Entscheidungen über Hunderte Millionen Dollar schwere Flops nicht mehr nur dem Bauchgefühl von Alphatier-Produzenten überlassen? Eine Frage, auf die man allerdings möglicherweise auch ohne künstliche Intelligenz hätte kommen können.

Hollywood ist nicht die einzige Popkultur-Branche, in der versucht wird, durch Computermodelle Erfolg vorherzusagen. Gleiches wurde auch schon in der Musik oder im Literaturbetrieb versucht. Hier wie dort leidet natürlich das gesamte Geschäftsmodell der Hit-Vorhersage an einer Krankheit, die vielen KI-Modellen inhärent ist. Wann immer mit Daten aus der Vergangenheit und der Gegenwart versucht wird, die Zukunft vorherzusagen, besteht die Gefahr, immer wieder das Gleiche hervorzubringen. So funktioniert schließlich maschinelles Lernen. Es geht darum, Muster zu erkennen. Neue Ideen werden nicht ins System eingespielt.

Bedeutet das für den Kulturkonsumenten, dass es in Zukunft noch viel mehr vom Gleichen geben wird? Oder kann es dazu führen, dass Konzepte, die bislang wegen zu großer Ambitionen oder zu viel Abwegigkeit in den Giftschränken der Studios vor sich hin vergammeln, endlich realisiert werden? Oder dass groteske Mammutprojekte, die trotz bester Regisseure und Darsteller floppen, dem Publikum in Zukunft erspart bleiben?

Eventuell ist es aber einfach auch keine so gute Idee, Kulturproduktion auf eine ähnliche Art und Weise anzugehen wie die Suche nach einem neuen Medikamentenwirkstoff. Eine Menge Fragen bleiben jedenfalls offen: Was wird aus der ohnehin schon marginalisierten Formel, die besagt, dass Erfolg nicht gleichbedeutend ist mit Qualität, und Perfektion nicht gleichbedeutend mit Kunst? Sind simple Wenn-dann-Kausalitäten wirklich das, was das Publikum will? Und was würde eigentlich Adorno sagen?

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