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Ableton:"Wir prüfen, wie groß die Akzeptanz ist"

Die Evolution eines Elektromusik-Programms: Projektmanager Daniel Büttner über neue Musik, alte Vorurteile - und die Erfolge des alten Atari-Rechners.

Das Unternehmen Ableton stellt nur ein Produkt her: die Musikproduktionssoftware Live. Es ist ein Programm, das einerseits Trendsetter ist, andererseits mit alten Vorurteilen zu kämpfen hat.

Daniel Büttner, Produktmanager und Kontrabassist.

(Foto: Foto: oH)

Jetzt hat das Unternehmen eine Orchesterbibliothek veröffentlicht. In den Internetforen herrscht Verwunderung: Ableton - und Streicher im großen Stil? Ein Gespräch mit Daniel Büttner, der die Orchesterbibliothek mit entwickelt hat über Imageprobleme, Streicher, Nachahmer, Trendsetter - und die Früchte des alten Atari-Rechners.

sueddeutsche.de: Das Unternehmen, das wie kein anderes in der Elektronikmusik verortet wird, veröffentlicht eine große Orchesterbibliothek. Eine Hommage an die Filmmusiker?

Daniel Büttner: Ableton wird oft als Software für Elektro- oder Techno-Musik wahrgenommen, die 4/4-Takt kann und mit der sich ein paar Beats produzieren lassen. Doch aus Gesprächen mit Musikern wissen wir, dass unsere Software auch in vielen weiteren Musikstilen zum Einsatz kommt: Rock, Liedermacher, Folk, experimentelle Musik. Auch bei Filmmusikern. Diese Bandbreite muss sich in der Instrumentenpalette widerspiegeln. Wir denken auch, dass die Leute die Genres mischen werden: Streicher in elektronischer Musik oder im Indie-Bereich und Orchester-Schlaginstrumente im Dance-Stück. Im Hiphop waren Streicher schon immer populär.

sueddeutsche.de: Orchesterbibliotheken sind anspruchsvoll in der Bedienung - auch weil die Instrumente anspruchsvoll sind. Wie soll jemand am Keyboard das nachspielen, was andere über Jahre unmittelbar am Instrument gelernt haben?

Büttner: Das ist in der Tat nicht einfach. Auch wenn sich in Live schon mit einem Knopf viele Voreinstellungen steuern lassen - man muss natürlich lernen, wie eine Trompete auf einem Keyboard gespielt werden muss, sonst klingt es schnell statisch.

sueddeutsche.de: Wo stößt man mit der neuen Bibliothek an die Grenzen?

Büttner: Eigentlich erst bei speziellen Artikulationen. Ein Instrument hat unendlich viele Ausdrucksmöglichkeiten. Das gilt besonders für die neuere Orchestermusik, bei der Instrumente auf eine Art behandelt werden, für die sie eigentlich nicht vorgesehen sind.

sueddeutsche.de: Zum Beispiel?

Büttner: Wenn etwa auf die Saiten oder den Klangkörper eines Instruments geschlagen wird.

sueddeutsche.de: Eine derart große Bibliothek ist auch für das Programm selbst eine Herausforderung. Wie viel mussten Sie an Live verändern?

Büttner: Das Programm ist sicher an dieser Bibliothek gewachsen. Wir haben viel gelernt, vor allem über effiziente Speicherauslastung. Und sollten andere Programmbereiche auf die Dauer nicht mithalten können - etwa der Midi-Editor - dann werden wir die in einer der nächsten Ableton-Varianten ebenfalls nachbessern. Wir warten jetzt zunächst einmal die Reaktionen unserer Nutzer ab.

sueddeutsche.de: Ist die Orchesterbibliothek Auftakt für eine neue Instrumentenreihe?

Büttner: Das wissen wir noch nicht. Es wird sicher weitergehen, aber es ist auch für uns das erste Mal, dass wir eine derart große Klangbibliothek veröffentlichen. Jetzt prüfen wir, wie groß die Akzeptanz ist.

sueddeutsche.de: Unter Musikern hält sich recht hartnäckig das Vorurteil, Ableton habe Instrumente schlechterer Qualität. Wollen Sie mit der Orchesterbibliothek dieses Image endlich loszuwerden?

Büttner: Natürlich wollen wir es abstreifen. Neuere Nutzer dürften es ohnehin nicht mehr nachvollziehen können. Zur letzten Version unseres Programms Live 7 gab es darum auch eine Aufstellung über die Audioqualität der Software, in der detailliert beschrieben wurde, wie bestimmte Technologien funktionieren. Wir wollen vermeiden, dass die Leute behaupten, die Audioqualität sei schlecht - tatsächlich aber mit den falschen Einstellungen arbeiten.

sueddeutsche.de: Die neuen Instrumente sind klar auf den klassischen Musikbereich fokussiert. Gibt es Überlegungen, auch Instrumente für Jazzmusiker zu produzieren?

Büttner: Die Überlegungen sind da, aber wir haben noch keine konkreten Projekte dazu.

sueddeutsche.de: Sie hatten in Live 7, also der aktuellen Version, einige neue Instrumente eingebunden, die nicht über Samples, sondern Physical Modelling generiert werden - also vom Computer errechnet werden. Jetzt gibt es eine 24-Gigabyte-schwere Sample-Bibliothek. Warum gehen Sie hier unterschiedliche Wege? Taugt das Physical Modelling für akustische Instrumente nicht?

Büttner: Noch nicht, zumindest. Es mag Leute geben, die das anders sehen, aber meiner Ansicht nach lassen sich einige akustische Instrumente noch nicht überzeugend mit Physical Modelling nachbilden. Wir haben diese Technologie aber für die anderen Bereiche wie E-Pianos oder ein Saiteninstrument eingesetzt, weil damit sehr kreative Klänge entwickelt werden können. Da lassen sich Saitenlängen einstellen, die auf einem akustischen Instrument gar nicht machbar wären. Einige Firmen versuchen derzeit auch, Samples und Physical Modelling zu kombinieren. Das sieht recht vielversprechend aus.

sueddeutsche.de: Wenn Sie neuere Versionen anderer Musikprogramme anschauen - wie viel Ableton entdecken Sie dort?

Büttner: Darüber haben wir in letzter Zeit auch diskutiert. Ableton hat beispielsweise von Beginn an auf die Ein-Fenster-Strategie am Bildschirm gesetzt. Die ahmen mittlerweile viele nach.

sueddeutsche.de: Zum Schluss noch der Blick auf die Branche. In Deutschland gibt es viele weltweit erfolgreiche Musiksoftware-Firmen - Steinberg, dann die Produzenten von Apples Software Logic in Hamburg, Celemony in München und Native Instruments in Berlin. Warum gerade in Deutschland? Weil die Atari-Rechner so weit verbreitet waren?

Büttner: Das ist tatsächlich denkbar, weil alle großen Musiksoftware Firmen auf einem Atari-Rechner angefangen haben. Ursprünglich hieß der Logic-Produzent C-Lab - bevor er später von Apple aufgekauft wurde. Unter diesem Namen hatten sie auf einem Atari angefangen. Steinberg auch. Die Affinität zur Präzision und der hohe Stellenwert der Musik spielen sicherlich eine große Rolle. Vielleicht ist in Deutschland aber auch nur das Wetter zu schlecht, und die Leute hockten eben zu oft vor dem Computer.