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9/11-Terroranschläge:Brisante Vorabmeldung

Unzählige krude Theorien ranken sich um die Terroranschläge vom 11. September 2001. Das neueste Gerücht: Die englische BBC soll den Zusammenbruch eines Gebäudes geraume Zeit zu früh vermeldet haben.

Jörg Donner

Am 11. September 2001 überschlagen sich die Ereignisse: Zwei Flugzeuge fliegen in die Zwillingstürme des World Trade Centers, viele Menschen sterben, in den Straßen herrscht Chaos. Kurz darauf stürzen die Türme ein und auch einige Gebäude in der direkten Umgebung sind so stark beschädigt, dass sie einzustürzen drohen.

Die Einblendung berichtet vom Einsturz des "Salomon Brothers" Gebäudes. Rechts hinter dem Kopf der Reporterin ist eben dieses Gebäude aber noch zu sehen. (Klicken zum Vergrößern)

(Foto: Screenshot: sde)

Die BBC meldet in einem Fernsehbericht gegen 17 Uhr, dass nach den Zwillingstürmen des World Trade Centers nun auch das "Salomon Brothers"-Gebäude zusammengebrochen sei. Bei der anschließenden Live-Schaltung nach New York ist das Gebäude deutlich zu sehen - allerdings steht es noch. "Was können Sie uns zum Einsturz des Salomon-Gebäudes sagen?", fragt der Nachrichtensprecher die Korrespondentin Jane Standley.

Die Reporterin steht am Fenster eines Gebäudes mit Blick auf die Skyline, in der vor kurzem noch die Twin Towers zu sehen waren. Hinter ihr steigt Rauch auf. "Nicht viel mehr, als Sie schon wissen", antwortet Standley. Die Nachrichtenlage sei sehr ungenau, die Gegend von Polizei und Rettungskräften abgeriegelt. Auf der Einblendung am unteren Bildrand steht "Das 47-stöckige Salomon Brothers"-Gebäude in der Nähe des World Trade Centers ist ebenfalls eingestürzt."

Erst rund 20 Minuten nach diesem Bericht bricht das Hochhaus tatsächlich in sich zusammen.

Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker

Damals war niemandem diese verfrühte Einsturz-Meldung aufgefallen. Erst jetzt, als die BBC eine Dokumentation mit dem Titel "The Conspiracy Files" ausstrahlte, hakten findige Blogger nach. Wie konnte die BBC einen Einsturz melden, wenn das Gebäude ganz offensichtlich noch stand?

Unversehens geriet die BBC selbst in Verdacht, Teil einer Verschwörung zu sein. Im Internet kursieren Spekulationen, nachdem es eine Verlautbarung gegebenen haben muss, möglicherweise eine Presseinformation, die den Einsturz vermeldete, bevor er stattgefunden hatte.

"Wir haben keine Pressemeldung bekommen, nichts was Geschehnisse vorher angekündigt hätte", schreibt Richard Porter, Nachrichtenchef bei BBC, im Redakteurs-Blog der BBC. "Im Chaos und der Verwirrung haben wir bestimmt Dinge gesagt, die sich im Nachhinein als unwahr oder ungenau herausgestellt haben.". Es sei jedoch versucht worden, die bestmöglichen Informationen zu liefern und Quellen entsprechend einzuordnen und Fakten ständig zu überprüfen.

Keine Aufzeichnungen mehr im Archiv

Seltsam erscheint allerdings der Umstand, dass die BBC offenbar keine Kopien der fraglichen Sendung mehr in ihren Archiven hat. Der Sender hätte die Original-Bänder seiner Berichterstattung vom 11. September "verschlampt", schreibt Porter in seinem Blog. Für eine Stellungnahme zu dieser fragwürdigen Aussage war Porter nicht zu erreichen.

Im Videoportal YouTube und bei Googel Videos genügen die Suchbegriffe "WTC7" und "BBC", um über 200 Versionen des fraglichen Interviews zu finden. Angeblich sei das Video bereits mehrmals gelöscht worden, heißt es auf einigen Blog-Seiten. Belegen lässt sich das allerdings nicht.

Zeitverschiebung, Bluebox, Aufzeichnung?

Was also ist der Grund für den zu früh vermeldeten Einsturz? Die Vermutungen reichen von der absurden Vorstellung, die Zeitverschiebung zwischen England und den USA wäre Schuld, bis hin zur Unterstellung, die "Live"-Sendung sei wohl doch nicht so live gewesen, der "Blick aus dem Fenster" also aufgezeichnet.

Die Wahrheit ist wie in vielen Verschwörungstheorien allerdings viel simpler. Andrian Kreye, damals Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung in New York sagt: "Dass das Gebäude einstürzen würde, war bereits wesentlich früher absehbar. Es war bereits geräumt worden, der Einsturz nur noch eine Frage der Zeit."

Zwischen der Meldung der BBC und dem tatsächlichen Zusammenbruch lagen nur etwa 20 Minuten. Im allgemeinen Chaos könnte die Nachricht "Gebäude stürzt demnächst ein" missverständlich als "Gebäude ist eingestürzt" interpretiert worden sein.

Wie Nachrichtenchef Porter in seinem Blog schreibt: "Wenn wir berichtet haben, dass das Gebäude eingestürzt ist, als es noch stand, war das ein Fehler - nicht mehr als das."

Für die Verschwörungstheoretiker bleibt das Video ein "Beweis" für ein großes Komplott.

© sueddeutsche.de
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