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Hassplattform 8chan:Gründer fordert Aus für das "Megafon für Massenmörder"

MONTAGE SZ: Tastatur dpa, Logo 8chan

Bildschirm-Tastatur

8chan entpuppt sich mittlerweile als erste Adresse für den Terror weißer Rechtsextremisten.

(Foto: Silas Stein/picture alliance/dpa, 8chan)
  • Wie schon beim Attentat in Christchurch diente die Plattform "8chan" auch beim Anschlag von El Paso als Lautsprecher für den Mörder und seine Gesinnungsgenossen.
  • Die Plattform Cloudflare, die Internetseiten vor DDOS-Angriffen bewahrt, entzog ihr daraufhin den Schutz.
  • Auch der einstmalige Gründer von 8chan, Fredrick Brennan, fordert jetzt, die Hassplattform dichtzumachen.

Fredrick Brennan, ein Programmierer, der im Netz unter seinem Pseudonym "Hotwheels" bekannt wurde, hatte 2013 genug von allen Online-Plattformen und Sozialmedien. Diese würden, wie er damals meinte, von Staat und Kapitalismus gegängelt, gesäubert und sowieso ausgespäht, überwacht und ausgewertet. Er hatte insbesondere genug von dem Internet-Forum 4chan, das sich zwar ausdrücklich einer durch staatliche Instanzen nicht kontrollierbaren, freien Rede verschrieben hatte, dem er aber eine autoritäre Gängelung durch die Nutzer-Administratoren vorwarf. Also stellte er seine eigene Plattform ins Netz, das Nutzerforum 8chan, das nun aber wirklich die ungefilterte, freie Rede freier Bürger ermöglichen und ein Hafen für unreglementierten Gedankenaustausch sein sollte.

Doch was er da - wie Brennan selbst angibt - während eines psychedelischen Trips aufsetzte, entpuppte sich sehr schnell als in jeder Hinsicht unkontrollierbar. Nachdem seine Seite sich 2015 wegen des Vorwurfs, Kinderpornografie zu verbreiten, schon eine andere Webadresse geben musste, um neu anzufangen, entpuppt sich 8chan mittlerweile als erste Adresse für den Terror weißer Rechtsextremisten. 8chan belegt, dass Massenmedien und soziale Netzwerke gezielt dazu genutzt werden, Hass auf Minderheiten zu feiern, Menschen zu radikalisieren und zu Gewalttaten anzustacheln. Die Saat geht immer noch auf. 8chan-Nutzer applaudieren auch nach den neuesten Anschlägen in den USA und verbreiten Hetze weiter.

Der "dunkelste Bereich des Internets"

Nach dem jüngsten Massaker von El Paso mit 22 Toten recherchierte Fredrick Brennan, der 2016 völlig frustriert 8chan verlassen hatte, auf seiner alten Projektseite nach Spuren des Täters und wurde schnell fündig. Er entdeckte eine vierseitige Nachricht, die der spätere Attentäter vor seinem Anschlag auf das Einkaufszentrum offenbar gepostet hatte, versehen mit der Bitte an die "Bruderschaft", Nachricht und Bilder von der Tat möglichst weit zu verbreiten, sie "viral gehen zu lassen".

Damit war 8chan, das sich selbst den "dunkelsten Bereich des Internets" nennt, endgültig zur Verlautbarungsadresse für rechtsextreme Terroristen geworden. Denn sowohl nach den Morden im neuseeländischen Christchurch wie auch nach dem Anschlag auf die Synagoge im kalifornischen Poway war dies allein 2019 der dritte Terrorakt, der ein sozial-mediales Vor- und Nachleben auf den Seiten von 8chan hat. Die Tat von Christchurch wurde live über Facebook gestreamt, das Video kurz darauf auch über 8chan verbreitet.

Brennan fordert nun in der New York Times, die Plattform dichtzumachen. Die Seite nütze "niemandem außer den Adressaten für Hass", sie sei zum "Megafon für Massenmörder und zu einer Rekrutierungsseite für gewalttätige weiße Nationalisten" verkommen.

Cloudflare, ein Internet-Strukturservice, der Webseiten erreichbar hält und vor Cyberattacken schützt, hat seine Dienstleistung für 8chan darum aufgekündigt. Matthew Prince, Mitgründer und Chef dieser Firma, die 2017 den Daily Stormer, eine rassistische Website, als Kunden rausgeschmissen hat, sagte im Gespräch mit Ars Technica, solche Entscheidungen fälle man nicht leicht. Die Redefreiheit sei in den USA ein hohes Gut und durch das "First Amendment", den 1. Zusatzartikel zur Verfassung, geschützt. Doch "8chan hat sich als gesetzlos erwiesen, diese Gesetzlosigkeit trägt Schuld an vielen tragischen Toden". Wenn sich seine Firma daher distanziere, sei das keine Zensur oder Missachtung des Amendments. Allerdings, so Prince, werde 8chan keine Schwierigkeiten haben, Ersatz für Cloudflare zu finden. Im Laufe des Tages verschwand die Seite nur kurzzeitig vom Netz.

Eine neue Art der medialen Verbreitung des Terrors

Damit ist jener fundamentale Unterschied benannt, der Terroristenpostings auf einer Web-Plattform wie 8chan von den "Bekennerschreiben" des analogen Zeitalters unterscheidet. Schreiben von RAF-Terroristen in der alten Bundesrepublik gingen an Polizei und professionelle Medien, also an einzelne Gatekeeper, die erst entschieden, ob und was sie daraus veröffentlichen würden, was bedeutete, dass sie über Inhalt und Reichweite dieser Schreiben bestimmten. Terroristen der Gegenwart sind ununterbrochen mit Multiplikatoren auf der ganzen Welt verbunden. Sie sind Herren über Inhalte wie Medien, sie senden live, bestimmen die Orte der Publikation, für deren Reichweite die "Fans" dann sorgen. Es entsteht eine quasi-elitäre Gesinnungsgenossenschaft vor aller Augen mit ihren Codes und Kommentaren, dem Verweis auf grausige Vorbilder, die - so die immer mitlaufende Saga dieses Terrors - sich schon auf dem gesamten Globus gezeigt hätten. All das befördert die Illusion eines weltweiten Konsenses.

Diese losen, weltweiten Gesinnungsnetzwerke sind keine terroristischen Vereinigungen im engeren Sinne, dazu fehlen ihnen Struktur, Logistik und Planung. Sie sind oft nur spontane Akklamationsverbünde von Gleichgesinnten, die sich auf geteiltem Hass gründen. Kein Wunder also, dass 8chan-Nutzer unmittelbar nach dem El Paso-Attentat von "our guy" sprachen und ihn feierten. "Es war großartig, Gentlemen", schreibt dort einer nach der Tat. "Heult nicht, dass es vorbei ist! Lächelt, weil es passierte!"

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