Süddeutsche Zeitung

28C3-Treffen des Chaos Computer Club:Unbequem im Mainstream

Gesellschaft und Institutionen haben den Chaos Computer Club längst anerkannt, gleichwohl wachsen die Gefahren für die Freiheit des Internets. Auf dem Jahreskongress in Berlin gilt es für die Hacker deshalb, den eigenen Standort neu zu definieren - und der Falle zu entgehen, ein reiner Daten-TÜV zu werden.

Niklas Hofmann

Es war ein Jahr der Jubiläen für die Institutionen dieser Republik. Die Bundespolizei, der einstige Bundesgrenzschutz, feierte ihren sechzigsten Geburtstag. Ebenfalls sechzig wurde im September das Bundesverfassungsgericht. Und im gleichen Monat jährte sich zum dreißigsten Mal die Gründung des Chaos Computer Clubs (CCC).

Die antiautoritären Mitglieder würden sich diese Einreihung allerdings verbitten. Und doch führt, wenn am Freitag in Berlin der 28. Chaos Communication Congress zu Ende geht, kein Weg daran vorbei: dem CCC ist eine gewichtige Funktion im Gefüge der Bundesrepublik zugewachsen.

Die Aufdeckung des Staatstrojaners, bei der der CCC im Oktober den Sicherheitsbehörden nachweisen konnte, dass sie sich bei ihren Zugriffen auf die Computer verdächtiger Bundesbürger nicht an die strengen Vorgaben des Verfassungsgerichts hielten, war nur der finale Wendepunkt.

Die einst, in den wilden Achtzigern, als mindestens Halbkriminelle geschmähten Hacker, so zeigte sich, gelten vielen Medien und auch Politikern inzwischen als Bastion der Bürgerrechte gegen Zugriffsversuche des Staates, die in ihrer technischen Logik und Tragweite selbst für die Verantwortlichen kaum noch durchschaubar sind - geschweige denn für jene Abgeordnete oder Richter, die sie eigentlich kontrollieren sollen.

"Die Leute sind gut"

Außer dem sturen Hans-Peter Uhl spricht heute kaum mehr jemand abwertend von den "Chaoten aus dem Computerclub". Sein CSU-Parteifreund, der Bundesinnenminister, moserte zwar herum, der Club habe in Wahrheit in der Staatstrojaner-Affäre "nichts aufgeklärt" und nur Verwirrung gestiftet, konnte aber zugleich nicht umhin zu versichern, er schätze den CCC selbstverständlich für seine Expertise: "Die Leute sind gut."

Nicht dass der Minister dafür viel Liebe zurückbekäme. Als "geistig nicht so auffällig" bespöttelte ihn gestern Frank Rieger, einer der Club-Sprecher, zur Freude des Berliner Plenums. Und dennoch: Das Motto des diesjährigen Kongresses heißt "behind enemy lines". Auf die zunehmende Verwendung militärischer Metaphern und Begriffe im Reden über das Netz (Stichwort "Cyberwar") soll damit verwiesen werden.

Längst Teil des Mainstreams

Doch weit hinter einst feindlichen Linien findet sich eben inzwischen auch der CCC selbst wieder, wenn er seine - allesamt ehrenamtlichen - Vertreter in Enquete-Kommissionen entsendet und auf Einladung Parteivorstände berät. Selbst der Rhein-Main-Verkehrsverbund bittet vor der Einführung eines neuen E-Tickets heute den CCC um eine Stellungnahme.

Natürlich sind Hacker nach wie vor Figuren, die an rechtliche Grenzen und teils weit darüber hinausgehen. Die Spannbreite reicht von den Anonymous-Aktivisten bis zu den als schwarze Schafen geächteten russischen Kreditkartenbetrügern. Und zugleich gehören heute Richter am Landgericht und Professoren zu den prominentesten Clubmitgliedern.

Krieg gegen den Allzweckcomputer

Es sind gar nicht so sehr die Hacker, die sich verändert haben, es ist die Gesellschaft um sie herum, die sich bewegt hat. In dem Maße, wie die Computer unseren Alltag durchdrungen haben, ist offensichtlich geworden, dass die Hackerethik - etwa "öffentliche Daten nützen, private Daten schützen" - nicht die Freiheit einiger weniger verteidigt.

Die Ideen, mit denen der Club einst alleine angetreten ist, sind heute längst von anderen adaptiert worden. Durchaus zur Freude des Clubs findet er sich in einer Phalanx etwa mit der Piratenpartei, oder mit den Mitgliedern des Vereins Digitale Gesellschaft wieder, dessen Team auf dem Kongress breiten Raum bekam, seine ersten geplanten Kampagnen für digitale Bürgerrechte vorzustellen und zum "Hacken" politischer Prozesse zu animieren. Auch in den etablierten Parteien ist zumindest ein rhetorischer Wandel mit Händen zu greifen.

Die Computerfeindlichkeit der Grünen, die der Verständigung mit dem CCC in seinen Anfangsjahren im Wege standen - der Historiker Kai Denker erinnerte bei seinem Vortrag über die ersten Hack-Erfolge des CCC daran - ist gewichen. SPD-Chef Gabriel pries die Arbeit des CCC nach der Staatstrojaner-Affäre in höchsten Tönen und forderte, "das Engagement für Bürgerrechte im Chaos Computer Club auch einmal auszuzeichnen".

Es ist zugleich aber nicht so, dass Ministerien und Behörden in ihrem Begehr nach den Daten der Bevölkerung in den letzten Jahren in irgendeiner Weise zurückhaltender geworden wären. Die Bloggerin Anne Roth berichtete in Berlin vom extensiven Einsatz der Handyüberwachung durch die sächsische Polizei bei ihren unermüdlichen Ermittlungen gegen die Blockierer des Dresdner Naziaufmarschs vom Februar 2011.

Gegen die von Union und SPD nach wie vor gewünschte Vorratsdatenspeicherung demonstrierte der CCC Donnerstag am Berliner Alexanderplatz. Und auch das Thema Staatstrojaner wird den Club noch weiter begleiten. Einen bündigen Forderungskatalog für zukünftige Trojanereinsätze hat der Club jedenfalls erarbeitet, er lautet, in den Worten von Sprecherin Constanze Kurz: "Nö."

Die Rolle einer der in Deutschland so geliebten, quasi-hoheitlichen Einrichtung, Computer-TÜV oder Stiftung Warentest fürs Internet also, will der Club partout nicht einnehmen - auch wenn mancher Politiker sich das unverhohlen wünscht: "Ich glaube nicht, dass die Techies, und wir schon gar nicht, jetzt in der Pflicht sind, Richtlinien zu liefern, wie ein verfassungsrechtlich zulässiger Trojaner aussehen müsste", meinte Constanze Kurz in Berlin.

Das Ende des Allzweckcomputers

Der CCC führt die Debatte weit über deutsche Grenzen hinaus. Als Eröffnungsredner warnte in Berlin Evgeny Morozov nicht nur vor der "geheimen Liebesaffäre zwischen Diktatoren und westlichen Technologiefirmen", sondern auch vor dem Einsatz der von diesen Firmen produzierten Spionagesoftware in westlichen Ländern.

Und der kanadische Autor und Blogger Cory Doctorow malte in seinem Vortrag das Bild eines Krieges gegen den herkömmlichen Allzweckcomputer an die Wand, der mit den X-Boxes, iPads und Android-Telefonen längst begonnen habe. Die seien in Wahrheit ja keine abgespeckten Computer, sondern vollwertige Geräte, nur eben vollgestopft mit Spy- und Malware, die den Benutzer kontrollieren und einschränken sollten.

Als Kind der Walkman-Generation habe er, Doctorow, sich längst damit abgefunden, dass er mit einem Hörgerät werde leben müssen, natürlich ebenfalls einem Computer. Wenn er dann in sein Auto steige, das gleichfalls ein Computer sei, dann wolle er - einen Rechner in sich tragend, in einem anderen Rechner sitzend - zumindest sichergehen, dass diese Computer keine Geheimnisse vor ihm hätten. Er erntete beim Saalpublikum frenetischen Jubel.

Weit weg vom sorglosen Endverbraucher

Natürlich aber wurde und wird in Berlin nicht nur geredet. Der Chaos Communication Congress bleibt auch ein Tag des Familientreffens, wo man mit Gleichgesinnten Türschlösser knacken oder "Esperanto für Nerds" lernen kann. Und natürlich hacken.

Im Untergeschoss des bcc, der alten Kongresshalle am Alexanderplatz, knäulen sich die Kabel zu surrealen Gebilden, wie einst an den Fantasieapparaten in Terry Gilliams Film "Brazil". Von der schicken, weitgehend kabellosen Gerätewelt für den sorglosen Endverbraucher, die der Apple-Shop im Elektrokaufhaus gleich nebenan inszeniert , ist das denkbar weit entfernt.

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Quelle:
SZ vom 30.12.2011/joku
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