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28C3-Treffen des Chaos Computer Club:Krieg gegen den Allzweckcomputer

Es sind gar nicht so sehr die Hacker, die sich verändert haben, es ist die Gesellschaft um sie herum, die sich bewegt hat. In dem Maße, wie die Computer unseren Alltag durchdrungen haben, ist offensichtlich geworden, dass die Hackerethik - etwa "öffentliche Daten nützen, private Daten schützen" - nicht die Freiheit einiger weniger verteidigt.

Die Ideen, mit denen der Club einst alleine angetreten ist, sind heute längst von anderen adaptiert worden. Durchaus zur Freude des Clubs findet er sich in einer Phalanx etwa mit der Piratenpartei, oder mit den Mitgliedern des Vereins Digitale Gesellschaft wieder, dessen Team auf dem Kongress breiten Raum bekam, seine ersten geplanten Kampagnen für digitale Bürgerrechte vorzustellen und zum "Hacken" politischer Prozesse zu animieren. Auch in den etablierten Parteien ist zumindest ein rhetorischer Wandel mit Händen zu greifen.

Die Computerfeindlichkeit der Grünen, die der Verständigung mit dem CCC in seinen Anfangsjahren im Wege standen - der Historiker Kai Denker erinnerte bei seinem Vortrag über die ersten Hack-Erfolge des CCC daran - ist gewichen. SPD-Chef Gabriel pries die Arbeit des CCC nach der Staatstrojaner-Affäre in höchsten Tönen und forderte, "das Engagement für Bürgerrechte im Chaos Computer Club auch einmal auszuzeichnen".

Es ist zugleich aber nicht so, dass Ministerien und Behörden in ihrem Begehr nach den Daten der Bevölkerung in den letzten Jahren in irgendeiner Weise zurückhaltender geworden wären. Die Bloggerin Anne Roth berichtete in Berlin vom extensiven Einsatz der Handyüberwachung durch die sächsische Polizei bei ihren unermüdlichen Ermittlungen gegen die Blockierer des Dresdner Naziaufmarschs vom Februar 2011.

Gegen die von Union und SPD nach wie vor gewünschte Vorratsdatenspeicherung demonstrierte der CCC Donnerstag am Berliner Alexanderplatz. Und auch das Thema Staatstrojaner wird den Club noch weiter begleiten. Einen bündigen Forderungskatalog für zukünftige Trojanereinsätze hat der Club jedenfalls erarbeitet, er lautet, in den Worten von Sprecherin Constanze Kurz: "Nö."

Die Rolle einer der in Deutschland so geliebten, quasi-hoheitlichen Einrichtung, Computer-TÜV oder Stiftung Warentest fürs Internet also, will der Club partout nicht einnehmen - auch wenn mancher Politiker sich das unverhohlen wünscht: "Ich glaube nicht, dass die Techies, und wir schon gar nicht, jetzt in der Pflicht sind, Richtlinien zu liefern, wie ein verfassungsrechtlich zulässiger Trojaner aussehen müsste", meinte Constanze Kurz in Berlin.

Das Ende des Allzweckcomputers

Der CCC führt die Debatte weit über deutsche Grenzen hinaus. Als Eröffnungsredner warnte in Berlin Evgeny Morozov nicht nur vor der "geheimen Liebesaffäre zwischen Diktatoren und westlichen Technologiefirmen", sondern auch vor dem Einsatz der von diesen Firmen produzierten Spionagesoftware in westlichen Ländern.

Und der kanadische Autor und Blogger Cory Doctorow malte in seinem Vortrag das Bild eines Krieges gegen den herkömmlichen Allzweckcomputer an die Wand, der mit den X-Boxes, iPads und Android-Telefonen längst begonnen habe. Die seien in Wahrheit ja keine abgespeckten Computer, sondern vollwertige Geräte, nur eben vollgestopft mit Spy- und Malware, die den Benutzer kontrollieren und einschränken sollten.

Als Kind der Walkman-Generation habe er, Doctorow, sich längst damit abgefunden, dass er mit einem Hörgerät werde leben müssen, natürlich ebenfalls einem Computer. Wenn er dann in sein Auto steige, das gleichfalls ein Computer sei, dann wolle er - einen Rechner in sich tragend, in einem anderen Rechner sitzend - zumindest sichergehen, dass diese Computer keine Geheimnisse vor ihm hätten. Er erntete beim Saalpublikum frenetischen Jubel.

Weit weg vom sorglosen Endverbraucher

Natürlich aber wurde und wird in Berlin nicht nur geredet. Der Chaos Communication Congress bleibt auch ein Tag des Familientreffens, wo man mit Gleichgesinnten Türschlösser knacken oder "Esperanto für Nerds" lernen kann. Und natürlich hacken.

Im Untergeschoss des bcc, der alten Kongresshalle am Alexanderplatz, knäulen sich die Kabel zu surrealen Gebilden, wie einst an den Fantasieapparaten in Terry Gilliams Film "Brazil". Von der schicken, weitgehend kabellosen Gerätewelt für den sorglosen Endverbraucher, die der Apple-Shop im Elektrokaufhaus gleich nebenan inszeniert , ist das denkbar weit entfernt.

© SZ vom 30.12.2011/joku

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