20. Jahrestag:Der Algorithmus als Katalysator für Klischees

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Dass Google nie schläft, sondern kontinuierlich weiterarbeitet an seiner Kartografierung der Welt, kann man schön auf Google Maps sehen: Wenn man das kleine gelbe Männchen in eine beliebige Straße im Zentrum von Paris, New York oder Rom zieht, öffnet sich links oben ein Fenster, das einen Zeitstrahl zeigt: Google hat die Welt nicht nur einmal durchfotografiert, die Autos der Firma fahren kontinuierlich weiter, und so entsteht ein neues Archiv der Street Photography, die Fifth Avenue, zwischen 2011 und 2017 elfmal fotografiert vom großen, immerwachen Algorithmus.

Autocomplete

Das Denken nimmt gerne Abkürzungen. In neuem Zusammenhang ergeben Dinge oft einen unerwarteten Sinn. Das kann sehr witzig und geistreich sein. Oder sehr irreführend. Von Google gibt es dafür sogar einen eigenen Service: Man muss nur ein Stichwort ins Suchfeld eintippen, und die Algorithmen vervollständigt die Suche dann basierend auf vorangegangene Anfragen. Interessiert man sich beispielsweise für "Asylbewerber", schlägt das Google-Orakel derzeit "Leistungen", "Abschiebung" und "machen Urlaub im Herkunftsland" als Ergänzung vor. Nicht etwa "Hilfe" oder "Unterstützung". Der Algorithmus wirkt wie ein Katalysator für Klischees und Vorurteile. Das ist dann keine Abkürzung, sondern ein Kurzschluss.

Im Tal der Visionäre

Es gab in der Geschichte der Machtmenschen selten einen Ort, an dem sie mächtiger, reicher und doch unauffälliger waren als im Silicon Valley, dem Tal der Visionäre. Was auch damit zu tun hat, dass einige der Mächtigsten dort Mathematiker und Physiker sind, Menschen also, deren Gehirne so ganz anders verdrahtet sind als die der meisten anderen. Äußerlichkeiten und Insignien der Macht sind ihnen selten wichtig. Larry Page und Sergey Brin aber sind selbst hier zwei Ausnahmeerscheinungen, denen man ihre intellektuelle, wirtschaftliche und inzwischen auch politische Macht nicht anmerkt. Page ist ein unscheinbarer Mittvierziger, der wegen eines Stimmbandleidens fast unhörbar spricht. Brin weiß zwar, wie gut er aussieht, aber wenn er nicht gerade am Rande einer Tech-Konferenz Yoga-Übungen vollführt, übersieht man auch ihn leicht. Nur wenn man mit ihnen spricht, wird schnell klar, dass sie die komplexen Gedankenwege der Mathematik auch auf die wirkliche Welt anwenden können. Genau das aber hat sie auf die Ideen gebracht, mit denen sie das Weltwissen und die Kultur für lange Zeit verändert haben.

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