22. September 2017, 17:43 Viel News um wenig Fake Welche Rolle Falschmeldungen im Wahlkampf spielten

Von Simon Hurtz

An einem Donnerstagmorgen Ende Mai sagt Margot Käßmann einen Satz, der sie noch wochenlang verfolgen wird. Für die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche ist der Auftritt auf dem Kirchentag in Berlin ein Heimspiel. Es ist erst 9.30 Uhr, aber 5000 Menschen wollen sie reden hören. Käßmann hat ein kontroverses Thema gewählt: Sie spricht unter anderem über die Familienpolitik der AfD.

Die Theologin zitiert aus dem Grundsatzprogramm der Partei, in dem diese "eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung" fordert. Die Tatsache, dass nur "bio-deutsche Frauen" Kinder bekommen sollten, erinnere sie an "den Arierparagraphen der Nationalsozialisten. Bio-deutsch soll nämlich bedeuten: zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern, und da weiß man, woher der braune Wind dann wirklich weht."

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Ihre Zuhörer klatschen laut und lange. Aber der Satz entwickelt ein Eigenleben. Erika Steinbach beklagt auf Facebook die "linksfaschistischen Ergüsse" und verkürzt das Zitat auf den Teil nach dem Doppelpunkt. Sie suggeriert, Käßmann hätte alle Deutschen ohne Migrationshintergrund in die Nazi-Ecke gestellt. Eine Steilvorlage für die AfD, die ebenfalls auf Facebook schreibt: "Margot Käßmann: Wo Deutsche Kinder bekommen, da weht ein 'brauner Wind.'" Bundessprecher Jörg Meuthen behauptet, die Bischöfin habe "Millionen Deutsche als Nazis" beleidigt. Der Journalist Henryk M. Broder wittert "die Fortsetzung der Nürnberger Gesetzte, diesmal nur andersrum". Beatrix von Storch kommentiert Käßmanns entstelltes Zitat mit dem Hashtag #Vollsuff.

Der Fall Käßmann steht exemplarisch für die Verbreitung von Fake News

Für Alexander Sängerlaub ist die Empörung über Käßmann ein perfektes Beispiel dafür, wie sich Falschmeldungen verbreiten. Der Kommunikationswissenschaftler hat für den Think Tank "Stiftung Neue Verantwortung" untersucht, wie Fake News entstehen und welchen Einfluss sie tatsächlich haben. "Es ist fast immer das gleiche Muster", sagt er. "Erst schlampen Journalisten, dann springen AfD oder andere rechtspopulistische Akteure darauf an und entwickeln Fake News daraus."

Geschlampt hat in diesem Fall ausgerechnet der Evangelische Pressedienst, der das wörtliche Zitat Käßmanns so unglücklich durch den Einschub "sagte Käßmann am Donnerstagmorgen" unterbrach, dass der Bezug nicht mehr ganz eindeutig war. Doch um von der missverständlichen Agenturmeldung auf das zuerst verkürzte, später frei erfundene Zitat zu kommen, muss man Käßmann schon unbedingt missverstehen wollen - was die AfD und ihr Umfeld ganz offensichtlich wollten.

In seiner Studie hat Sängerlaub analysiert, wer Fake News verbreitet, wie lange sich Falschmeldungen halten und wie stark sie die öffentliche Debatte prägen. Ihm sei wichtig gewesen, der teils aufgeregten Diskussion über Fake News Fakten entgegenzustellen und den Begriff sauber zu definieren. "Da wurde vieles durcheinandergeworfen", sagt Sängerlaub. "Die einen nutzen den Ausdruck als politischen Kampfbegriff, die anderen beschreiben damit journalistische Fehlleistungen."

Ihm gefalle die Formulierung nicht, weil sie wenig trennscharf sei. "Aber jetzt ist er nun mal in der Welt, und das kann man ja auch nicht ignorieren", sagt Sängerlaub und erklärt, welche Definition er seiner Untersuchung zugrunde gelegt hat. "Clickbaiting, Satire oder klassische Enten, also versehentliche Falschmeldungen, die später korrigiert werden, zählen nicht dazu." Hinter Fake News müsse immer Manipulationsabsicht stecken, sie seien also das gezielte Verbreiten irreführender oder falscher Inhalte.

Häufig sind vermeintlich seriöse Medien die Quelle für Falschnachrichten

Manchmal spielen dabei ökonomische Motive eine Rolle, etwa im Falle der mazedonischen Teenager, die sich während des US-Wahlkampfs vor allem Anti-Clinton-Nachrichten ausdachten, daneben Werbung schalteten und damit mehr als 100 000 Dollar verdienten. Meist geht es aber darum, dem politischen Gegner zu schaden. Insbesondere die AfD nimmt dankbar jedes Angebot an, das ihr etablierte Medien machen, die sie eigentlich als "Systempresse" verachtet. So war es Ende 2016, als eine türkisch-deutsche Schule angeblich Weihnachten verbieten wollte. Im Februar, als angeblich ein "Sex-Mob" in Frankfurt "tobte". Im August, als mehrere Medien berichteten, dass anerkannte Asylbewerber angeblich zu Hunderten Urlaub in ihren Heimatländern machten, und kurz darauf eine große Boulevardzeitung die angeblich geringe Schulbildung jugendlicher Flüchtlinge beklagte.

Alle Nachrichten wurden von mehr oder weniger seriösen Zeitungen in die Welt gesetzt und verbreiteten sich Zehntausendfach in sozialen Netzwerken. Jedes Mal bediente sich die AfD und bestärkte die empörten Leser. Eine weitere Gemeinsamkeit: Sämtliche Meldungen sind grob irreführend oder komplett falsch.

Zu den Fake News, die ihren Ursprung in klassischen Medien haben, kommt erfundene politische Propaganda von meist rechten bis rechtsextremen Portalen. Schlagzeilen wie "Angela Merkel: Deutsche müssen Gewalt der Ausländer akzeptieren" oder "Eilmeldung! Angela Merkel kündigt Rücktritt an" sammeln auf Facebook mehrere hunderttausend Likes, Shares und Kommentare. Im Juli untersuchte Buzzfeed, welche Artikel über die Kanzlerin am meisten Interaktionen auf Facebook hervorgerufen hatten. Sieben der zehn erfolgreichsten Meldungen waren Fake News.

Journalisten, die unsauber arbeiten und den rechten Spin-Doktoren Munition liefern. Vermeintliche Nachrichtenseiten, die mit rassistischer Hetze den Volkszorn weiter befeuern. Dazu Social Bots, Dark Ads, Microtargeting, russische Hacker und der Erfolg von Donald Trump, der für viele Deutsche ein Schock war und gerne auf Big-Data-Analysen und manipulative Facebook-Anzeigen zurückgeführt wurde (was schon damals eine unzureichende Erklärung war). Das klingt beängstigend. Der IT-Sicherheitsfirma Avast zufolge fürchten neun von zehn Befragten, dass gezielte Falschnachrichten die Bundestagswahl beeinflussen könnten.

Alexander Sängerlaub warnt vor Alarmismus. "Die Masse der Fake News hält sich in Grenzen", fasst er seine Studie zusammen. "Es gibt einzelne Fälle, in denen Falschmeldungen viral gehen, aber die Öffentlichkeit wird nicht damit geflutet." Außerdem dürfe man große Verbreitung nicht mit großem Einfluss gleichsetzen. Wer eine Schlagzeile auf Facebook sieht, ändert deshalb noch nicht sofort seine Meinung. "Der Einfluss von Fake News wird überschätzt", sagt Sängerlaub. "Nur ein kleiner Teil des politischen Diskurses findet in Deutschland auf Facebook statt. Die meisten Menschen misstrauen Meldungen, die sie in sozialen Medien sehen und glauben nicht alles, was sie dort lesen."

Erhebungen wie der Digital News Report der Uni-Oxford geben Sängerlaub recht. Im internationalen Vergleich ist Deutschland Social-Media-Entwicklungsland. Weniger als ein Drittel der Befragten informiert sich in sozialen Netzwerken über das Nachrichtengeschehen (USA: 67 Prozent), für gerade einmal sieben Prozent sind sie die wichtigste Informationsquelle (USA: 20 Prozent). Nach wie dominieren klassische Medien, allen voran das Fernsehen. Wenn ein Tagesschau-Redakteur eine Statistik einseitig wiedergibt interpretiert, beeinflusst das mehr Menschen als eine wirre Hetz-Seite, die Propaganda verbreitet.

Gerüchte, die Lynchmobs auslösen

Zumindest in Deutschland haben die von Altkanzler Schröder beschworenen "Bild, Bams und Glotze" immer noch den größten Einfluss auf potenzielle Wähler. Und während Facebook immerhin einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung erreicht, ist Twitter schlicht irrelevant. Von Journalisten, Politikern und Youtubern (sowie deren minderjährigen Fans) abgesehen kennen die meisten Deutschen Tweets nur aus dem Fernsehen. Dementsprechend verdient das Atlantic Research Lab zwar Fleißbienchen für seine mühevolle Recherche zu russischen Botnetzen. Doch die Twitter-Hetze gegen Merkel hat weniger Bedeutung für den Ausgang der Wahl als das Wetter am Sonntag. Der vermeintliche Desinformationskrieg besteht aus wenigen Social-Media-Scharmützel, für die sich Angreifer auch noch die falsche Front ausgesucht haben.

Dennoch sind Fake News kein Fake-Problem. In Indien löste ein manipuliertes Foto Massenproteste aus, Dutzende Menschen wurden verletzt, ein Mann starb. Einem UN-Bericht zufolge befeuern bewusst gestreute Falschnachrichten maßgeblich den Bürgerkrieg im Südsudan. Auch in Kenia, Brasilien und Myanmar haben Fake News, die dort meist per Whatsapp geteilt werden, reale und teils tödliche Konsequenzen. Ende letzten Jahres stürmte ein 28-jähriger Trump-Anhänger eine Pizzeria in Washington und feuerte Schüsse ab. Er wollte ein vermeintliches Pädophilen-Netzwerk um Clintons Wahlkampfleiter aufdecken. Trumps Berater hatten die Verschwörungstheorie zuvor aktiv mit verbreitet.

Die AfD reduziert den Wahlkampf auf Flüchtlinge und innere Sicherheit

Auch in Deutschland belastete die erfundene Vergewaltigung eines 13-jährigen russlanddeutschen Mädchens die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Der "Fall Lisa" ist für Alexander Sängerlaub aber eher ein Einzelfall. Sollte die AfD als drittstärkste Fraktion in den Bundestag einziehen, habe das andere Gründe als Fake News: "In den letzten Monaten haben zwei Themen den Wahlkampf dominiert: Flüchtlinge und innere Sicherheit. Das ist extrem erfolgreiches Agenda-Setting und spielt der AfD in die Karten."

2013 gab es zehn Politikfelder, die den Wählern wichtiger waren als Einwanderung. In diesem Jahr nennen es Befragte mit Abstand am häufigsten als wahlentscheidendes Thema. Selbst die sonst so selbstbewusste CSU scheint angesichts der neuen Konkurrenz von rechts nervös zu werden. Sie verbreitet voreilig falsche Informationen über die angeblich dramatisch angestiegene Zahl der Vergewaltigungen durch Flüchtlinge - nur um kurz darauf zugeben zu müssen, dass es nicht 50, sondern lediglich fünf Prozent mehr Tatverdächtige gab als im Halbjahr zuvor.

Linke sind genauso anfällig für Fake News

Einmal in der Welt, lassen sich solche Falschinformationen aus vermeintlich seriösen Quellen kaum noch einfangen. An der Empörung über die entstellte Käßmann-Aussage lasse sich nachvollziehen, wie schwer es sei, falsche Informationen richtig zu stellen, sagt Sängerlaub. Mehrere Medien veröffentlichten ein sogenanntes Debunking, doch die Falschnachricht war deutlich erfolgreicher als die Korrektur: "Emotion schlägt Vernunft, das ist die Funktionslogik sozialer Netzwerke."

Das betrifft nicht nur AfD-Anhänger. Seit vergangenen Montag macht ein Zitat des AfD-Spitzenkandidaten Gauland die Runde. "Man muss auch wieder stolz auf Hitler sein dürfen", soll er dem Kölner Abendblatt zufolge gesagt haben. Zehntausende Menschen haben den Link auf Facebook und Twitter geteilt. Doch die reale Empörung fußt auf Fake News: Das Kölner Abendblatt gibt es gar nicht, die Satiriker von "Die Partei" haben Gauland das Zitat in den Mund gelegt.

Dieses Beispiel bestätigt eine Yale-Studie. Linke und Rechte sind gleichermaßen anfällig für Fake News. Die "Bullshit-Empfänglichkeit", wie es die Forscher nennen, hänge eher damit zusammen, ob Nutzer bereit sind, kritisch und analytisch zu denken. "Erst Denken, dann Teilen" gilt also für alle Menschen, egal wen sie am Sonntag wählen.

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