11. März 2016, 14:50 Künstliche Intelligenz "Wenn Sie Angst vor dem Terminator haben, machen Sie einfach die Tür zu"

Damit Roboter endlich klüger werden als Teenager, gibt Microsoft-Mitgründer Paul Allen eine Milliarde Dollar aus. Ein Besuch in seinem Forschungszentrum verblüfft.

Von Jürgen Schmieder

Das ist der Anfang vom Ende! Da ist dieser Roboter im Video der Tufts University, der sich den Befehlen seines Schöpfers widersetzt. Er soll auf einem Tisch nach vorne und über die Kante marschieren, doch er widerspricht freundlich: "Sorry, das kann ich nicht machen, weil es keinen Untergrund gibt." Auf die erneute Aufforderung sagt er schon ein wenig garstiger: "Aber es ist nicht sicher." Insubordination ist der erste Schritt zur Revolution der Maschinen, das haben wir doch alle in Filmen wie "2001: A Space Odyssey", "The Matrix" oder "The Terminator" gesehen. Selbst Wissenschaftler wie Stephen Hawking und Visionäre wie Elon Musk warnen bereits davor. Bald steht ein von Skynet in der Zukunft produzierter und verdächtig nach Arnold Schwarzenegger aussehender Roboter vor unserem Haus und will uns töten! Hilfe!

"Wenn Sie Angst vor dem Terminator haben, dann machen Sie einfach die Tür zu", sagt Oren Etzioni: "Roboter haben gewaltige Probleme damit, Türen zu öffnen. Also: Wenn Sie sich vor so einer Maschine fürchten, dann schließen Sie daheim alle Türen." Das hört sich an wie ein Witz, Etzioni lacht auch herzlich. Aber er meint das nicht nur witzig, sondern auch ernst.

Etzioni muss es wissen. Er ist der Leiter des Allen Institute for Artificial Intelligence in Seattle. Microsoft-Mitgründer Paul Allen hat bereits mehr als eine Milliarde Dollar in drei einzigartige Einrichtungen investiert, die direkt am Lake Union im Norden der Stadt mit Blick auf den See beheimatet sind. An der Südseite des Gewässers gibt es einen prächtigen Glasbau, eröffnet im Dezember. Die 500 Wissenschaftler des Allen Institute for Brain Science erforschen dort das menschliche Gehirn und wollen es möglichst so katalogisieren, dass es dem Periodensystem der Elemente ähnelt. Die Kollegen des 2014 gegründeten Instituts für Zellforschung ziehen gerade ein, in ein paar Jahren sollen hier bis zu 1000 Menschen arbeiten.

Es ist ein futuristisches Gebäude, eine Mischung aus Silicon-Valley-Start-up und Hauptquartier eines James-Bond-Bösewichts. Unter dem Dach leuchten in Regenbogenfarben die Server des Rechenzentrums, hinter überdimensionalen Glaswänden blicken Wissenschaftler in Mikroskope oder schreiben Formeln an weiße Wände. Die kleinen Konferenzräume hängen vom Erdgeschoss aus betrachtet scheinbar in der Luft. Es gibt nur einen Ort, an dem Kaffeemaschinen erlaubt sind, denn dort sollen sich die Forscher aus allen Bereichen immer wieder über den Weg laufen.

Fotos sind ausdrücklich erlaubt, doch mit dem bloßen Auge zu sehen gibt es hier ohnehin nicht besonders viel. Die Forschung findet größtenteils an Mikroskopen und anderen Maschinen statt. Man kann sich gut vorstellen, dass Paul Allen persönlich ganz oben in diesem Gebäude sitzt - es gibt ein Büro direkt gegenüber dem Rechenzentrum - und wie er sich zufrieden die Hände reibt, weil seine Idee so prächtig funktioniert: Vereinfacht ausgedrückt untersuchen Wissenschaftler auf der einen Seite des Sees, wie das menschliche Gehirn funktioniert, und auf der anderen Seite, wie man eine Maschine dazu bringt, so zu funktionieren wie ein menschliches Gehirn - oder gar noch besser.

Das Gebäude im Norden ist kleiner, aber nicht minder beeindruckend, es gibt eine prächtige Dachterrasse mit Seeblick. "Wir unterscheiden uns grundlegend von Universitäten und Unternehmen, ohne deren Methodik infrage stellen zu wollen", sagt Etzioni: "Kennen Sie das Sprichwort vom Betrunkenen, der seine Schlüssel unter einer Straßenlaterne sucht, weil es dort Licht gibt? Oft wird dort geforscht, wo relativ einfach Resultate zu bekommen sind. Dann wird ein strahlendes Werkzeug präsentiert, mit dem sich ein ganz bestimmtes Problem lösen lässt. In unserem Institut dagegen arbeiten wir an breiteren Herausforderungen." Zum Beispiel an der, einen Computer einen Naturwissenschafts-Test der achten Jahrgangsstufe bestehen zu lassen.

Wie? Was? Jetzt mal langsam. Reden wir hier nicht über den Siegeszug der künstlichen Intelligenz? Es gibt Watson, den Computer, der Jeopardy-Champion ist. Deep Blue, der bereits 1997 den damaligen Schachweltmeister Garry Kasparow geschlagen hat. Alpha-Go, die Google-Software, die im Oktober vergangenen Jahres den Europameister im asiatischen Brettspiel Go besiegt hat und die derzeit in einer Serie von fünf Spielen erneut historische Matches gegen Menschen gewinnt. Dann sind da Roboter, nicht wenige aus Fantasy und Science-Fiction, die unsere Befehle missachten. Terminator und so. Und jetzt kommt Etzioni daher und spricht von der gewaltigen Herausforderung, einen Test für Achtklässler zu bestehen? Meint er das ernst?

Etzioni meint es ernst - und das ist überaus beruhigend. Er muss, das unterscheidet ihn von seinen Kollegen an Universitäten oder bei Firmen wie Google und Facebook, nicht andauernd revolutionäre und vor allem öffentlichkeitswirksame Ergebnisse präsentieren. Bei künstlicher Intelligenz geht es ja meist um die Glanzlichter der Forschung, wenn also jemand tatsächlich einen Schlüssel unter der Straßenlaterne findet. Details oder Misserfolge dagegen werden nicht so breit veröffentlicht: zum Beispiel, dass eine Maschine, die auf das Erkennen von Bildmotiven spezialisiert ist, auf einem Foto einen Bus nicht mehr erkennen kann, wenn nur ein paar Pixel verändert werden, die ein Mensch nicht mal als Veränderung bemerken würde. Der Computer jedoch will plötzlich ein Tier erkennen. Künstliche Intelligenz mag langsam erwachsen werden, doch noch scheitert sie auch an Tests für Teenager.

"Bei all den großartigen Fortschritten in der Forschung war unser Wettbewerb ein Augenöffner für künstliche Intelligenz", sagt Etzioni. Kein Team schaffte mehr als 60 Prozent richtige Antworten: "Es war ein Test, bei dem die Fragen ausschließlich aus Worten bestanden und es mehrere Antwortmöglichkeiten gab. Wenn in den Fragen auch noch Diagramme, Bilder und Gleichungen vorkommen und es keine vorgegebenen Antworten gibt, dann wird es noch komplizierter. Es war aber kein Rückschlag - wir wissen nun, was wir tun müssen." Es wird laut Etzioni noch dauern, bis Maschinen einen so grundlegenden, allgemeinen Test fehlerfrei bewältigen können: "Ich glaube nicht, dass jemand in den nächsten ein bis zwei Jahren 80 Prozent des Tests wird lösen können."

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Die Forscher am AI2, wie sie selbst ihre Arbeitsstelle nennen, suchen nicht unter einer Laterne nach einem Schlüssel, sie wollen vielmehr das Licht in der kompletten Stadt anknipsen und damit irgendwann genau das ermöglichen, wovor viele Menschen Angst haben: ein generelles System künstlicher Intelligenz, das eben nicht auf eine spezifische Fähigkeit hin trainiert ist oder für einen ganz konkreten Zweck gebaut wurde. Es soll stattdessen ein System sein, das nicht nur Antworten abruft, sondern generische Intelligenz ermöglicht. "Genau das ist der Unterschied zwischen Jeopardy und dem Test", sagt Etzioni in Anspielung auf den IBM-Computer Watson, der die Quizshow gewann, dessen Fähigkeiten aber ansonsten beschränkt sind: "Man kann die Antworten nicht bei Wikipedia nachsehen oder bei Google danach suchen. Man muss die Frage verstehen, man braucht Hintergrundwissen, man muss abstrakt denken."

Kein Betteln um Fördermittel, auch kein Druck von den Kollegen aus der Produktentwicklung

Er fährt fort: "Wir sind bereits sehr gut darin, begrenzte Probleme zu lösen, das ist sehr beeindruckend. Ein Schachcomputer jedoch kann die Straße nicht überqueren, er kann noch nicht einmal Go spielen. Der Computer im selbstfahrenden Auto kann keine Gesichter erkennen und so weiter. Wir sind bei all den beeindruckenden Entwicklungen noch sehr weit davon entfernt, von einer Intelligenz zu sprechen, die dem menschlichen Niveau entspricht und die wir als wirkliche künstliche Intelligenz bezeichnen dürfen."

Jeff Hammerbacher, einst Datenchef bei Facebook und nun Gründer der Softwarefirma Cloudera, sagte unlängst: "Die klügsten Köpfe meiner Generation denken darüber nach, wie sie die Menschen dazu bringen, auf Werbeanzeigen zu klicken. Das ist Scheiße." Womöglich ist das die bedeutsamste Eigenschaft der Institute von Paul Allen, dass die klugen Köpfe dort nicht über Werbeanzeigen nachdenken müssen oder darüber, wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

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Sämtliche Ergebnisse aller Institute werden kostenlos veröffentlicht, jeder darf mit den erforschten Daten machen, was immer er möchte. Hier will man in kleinen Schritten verstehen, wie das menschliche Gehirn aufgebaut ist und wie die Algorithmen der künstliche Intelligenz tatsächlich funktionieren. "Wir denken wie ein Silicon-Valley-Start-up, aber ohne den Druck, irgendwann Geld verdienen zu müssen", sagt Christof Koch, Chef des Instituts für Gehirnforschung: "In diesen Start-ups gibt es auch keinen langfristigen Plan, sondern konkrete Ziele, die kurz- und mittelfristig erreicht werden sollen."

Das klingt wie der Traum eines jeden Wissenschaftlers: ein Arbeitsplatz, an dem man nicht dauernd um Fördermittel betteln muss oder möglichst schnell ein tolles Gerät erfinden muss. Natürlich wird niemand über eine Maschine staunen, die einen Test für Achtklässler bewältigt. Und doch ist genau so ein Roboter ein Puzzlestein dafür, dass künstliche Intelligenz ein Teil des alltäglichen Lebens wird, ganz grundsätzlich. Es ist dementsprechend faszinierend, die Institute von Paul Allen in Seattle zu besuchen, einen Ort, an dem die Zukunft greifbarer wird als sonstwo.

Vor allem aber ist es, zumal für tendenziell bei neuen Technologien eher ängstliche Deutsche, beruhigend, sich mit Menschen wie Oren Etzioni zu unterhalten. Eines ist klar: Natürlich wird künstliche Intelligenz unser Leben verändern. Sie verändert es bereits jetzt massiv, in Form kleiner Assistenten im Handy zum Beispiel. Doch müssen wir nicht unbedingt Angst davor haben oder gar paranoid werden. Im Moment reicht es noch aus, wenn man zur Not eine Tür schließen kann.