140-Zeichen-Netzwerk:Ökosystem bringt keine Werbeeinnahmen

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Doch nicht alleine die Nutzungsdauer will Twitter nach oben schrauben. Auch die Inhalte, die der Nutzer zu sehen bekommt, will das Unternehmen stärker regulieren. In der Anfangszeit herrschten quasi egalitäre Zustände auf der Plattform. Alle Nutzer waren gleichermaßen sichtbar. Der amerikanische Präsident tauchte in den Nachrichtenströmen gleichberechtigt mit Jugendlichen aus Kairo, Kiew oder Köln auf.

Heute gilt das nur noch eingeschränkt. Wer in der Webversion nach einem Stichwort sucht, bekommt zunächst vorgefilterte Ergebnisse präsentiert, die nach Kriterien berechnet werden, die für den Nutzer nicht transparent sind und die auch nur eingeschränkt beeinflusst werden können. Erst mit einem weiteren Klick ist die Gleichberechtigung aller Nutzer wiederhergestellt. Ob das auch in Zukunft noch der Fall sein wird, bleibt fraglich. In der iPhone-App lassen sich schon heute nur noch die Suchergebnisse anzeigen, die Twitter für wichtig erachtet. Der Nutzer als Souverän seiner Filter wird zur schönen Illusion.

Immerhin, mag man sich denken, ist das alles bislang kein allzu großes Problem. Wer Twitter gerne egalitär und puristisch mag, nutzt einfach einen Twitterclient und konserviert dort das Twitter vergangener Zeiten. Bislang funktionierte das einwandfrei. Doch auch damit könnte bald Schluss sein. In einem Blogeintrag kündigte Twitter kürzlich an, neue Zugriffsbeschränkungen für solche Nutzungsszenarien einzuführen. Sollte es tatsächlich so weit kommen, wäre auch das ein Kulturbruch. Twitter konnte in seiner Anfangszeit auch deshalb so schnell wachsen, weil es seinen Nutzern stets relativ große Freiheiten einräumte.

LinkedIn bereits ausgeschlossen

Noch heute existiert ein beeindruckend großes Ökosystem, das für viele Nutzer zwar erheblichen Zusatznutzen bringt, für Twitter aber keine Werbeeinnahmen. Manche vermuten nach dem Blogeintrag gar, dass Twitter mittelfristig Fremdzugriffe auf seine Daten völlig unterbinden könnte. Völlig aus der Luft gegriffen ist das nicht, erste Anzeichen gibt es: Dem Business-Netzwerk LinkedIn wurde vor wenigen Tagen der Zugang gekappt.

Wie weit Twitter seine neue Strategie noch treiben wird, ist derzeit noch unklar. Sollte Twitter tatsächlich zum Walled Garden und damit einem in sich geschlossenen System werden, dürfte das Investoren und Werbekunden freuen. Ob die Nutzer auch begeistert sein werden, bleibt abzuwarten. Das amerikanische Blog Gigaom warnte Twitter in dieser Woche schon einmal: "Aufgepasst, Twitter - erinnert euch daran, was mit MySpace und Digg passiert ist", überschrieb der Autor seinen Blogeintrag. Gigaom gehört zu den besseren der amerikanischen Techblogs.

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