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Zehn Jahre Rechtschreibreform:Weniger korrekt, dafür origineller

Doch ist es wirklich so schlimm? Es gibt Indizien, wonach die Sprachkritiker keine Nostalgiker sind: In der Umfrage eines Telefonanbieters sagten kürzlich zwei Drittel der Befragten, dass Fehler in SMS "zulässig" seien. Die Teilnehmer stammen aus Österreich, deutsche Nutzer dürften jedoch ähnlich denken. Peter Schlobinski ist ein Pionier bei der Analyse der Sprache im Netz, seit den Neunzigern, als längst nicht jeder überall tippte. Bittet man ihn per E-Mail um ein Interview, sagt er blitzschnell zu, sparsam, in einem Satz, etwas unvollständig - "bin erreichbar heute unter . . ." Die Form folge oft der Schnelligkeit, sagt der Sprachwissenschaftler, es gelte eben, rasch zu reagieren, vielleicht auf dem Smartphone mit Mini-Tasten, in der Straßenbahn. "Phänomene der Chat-Sprache gleichen einem mündlichen Zuruf, es geht um Sprachökonomie." Das aber hängt vom Publikum ab: Kinder seien in der Lage "das Standardregister zu ziehen, wenn es angebracht ist", etwa in der Schule. Schülern mit Lernproblemen könne das Wechseln - salopp am Smartphone, korrekt in der Klausur - misslingen. Hier steckten jedoch andere Probleme dahinter.

Drei Jungen nehmen einem Mädchen die Puppe weg, foppen sie, eine Frau greift dann ein - das ist die Handlung eines Kurzfilms. Ein Germanist aus Siegen hat ihn Viertklässlern zeigen lassen, 1972, 2002 und 2012. Ohne Vorgaben mussten die Kinder einen Aufsatz schreiben. Keine repräsentative Studie, aber ein Trend zeigt sich: Kinder schreiben heute weniger korrekt, dafür oft viel originellere Geschichten, mit mehr wörtlicher Rede. In den Siebzigern waren es eher nüchterne Berichte. Eine andere Studie rügt die Rechtschreibreform. Die ss/ß-Änderung habe zu einer ganz neuen Fehlerkategorie geführt. Und Forscher stellten im Auftrag der Kultusminister fest: Gut ein Drittel der Neuntklässler verfassen Briefe derart fehlerhaft, dass ihr Anliegen nur schwer verständlich ist. Man weiß allerdings nicht, wie groß diese Gruppe vor 20, 30 oder 40 Jahren schon war.

"Unsere Kinder sind keine Rechtschreib-Chaoten", sagt Hans Brügelmann, Erziehungswissenschaftler und Referent im Grundschulverband. Die Studienlage zeige "kein einheitliches Bild". Es könne schon sein, dass Rechtschreibung zum Teil schlechter werde. "Schüler schreiben aber immer nur so, wie die Gesellschaft es erwartet". Vor Jahrzehnten sei Akkuratesse im Alltag bedeutsamer gewesen, heute bitte kaum ein Chef die Sekretärin zum Diktat. Man hat Schreibprogramme, verlässt sich auf die Autokorrektur-Funktion - wobei diese allerdings irren kann, wie die SZ-Illustration (links) mit Praxisbeispielen zeigt. Zudem spiele Werbung mit Fehlern, sagt Brügelmann: "Da werden Sie geholfen", hieß es in einem Spot der Fernsehfrau Verona Feldbusch, später Pooth. "Das passt generell zu einem lässigeren Umgang. Man kann heute zu einem Termin zehn Minuten zu spät kommen; und eben Rechtschreibfehler machen."

Auch die Schulen legen Wert auf andere Kompetenzen, zum Beispiel Nachschlagen von Wissen. Inhalt und Aufbau von Aufsätzen sind wichtiger als die Orthografie - andere Welt, andere Schulen, andere Schüler. Ein bayerischer Lehrer sagt: "Diktate sind völlig out." Der Einfluss von Rechtschreibung auf Noten sinke, ebenso ihr Anteil am Unterricht. "Schüler verlieren so das Gefühl, dass Rechtschreibung noch eine große Rolle spielt. Man gilt nicht mehr als dumm, wenn man schlecht schreibt", sagt der Pädagoge. Spätestens bei der Bewerbung komme die Ernüchterung - denn da zähle Korrektheit.

Das Verhältnis zur Rechtschreibung ist anders geworden, zehn Jahre nach der Reform. Anders, das muss nicht unbedingt schlechter bedeuten. Das alte Lied, wonach früher alles besser war, ist vor allem eines: alt. Die Jugend werde ständig fauler, dümmer, respektloser und schlechter schreibend - man kann dazu Belege schon im alten Rom finden. Addierte man allein alle Verfallsklagen in der Bundesrepublik, ergibt sich das Bild einer Steinzeit-Gesellschaft. Wenn es um Ernstes geht - Geld und Liebe - wird die Rechtschreibung durchaus geachtet. In der Umfrage, in der die Befragten ihre digitale Schlamperei verteidigten, sagten nur zwei Prozent, dass dies im Beruf, in Bewerbungen oder Gehaltsanfragen in Ordnung sei. Und eine Online-Partnerbörse stellte fest: Jede dritte Frau sieht Schreibfehler als Liebestöter, selbst "im Eifer des Gefechts".

© SZ vom 01.08.2015/mkoh
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