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Zehn Jahre Bologna-Reform:Harsche Kritik an Bachelor und Master

Zehn Jahre nach dem Start der Studienreform mehren sich die Zweifel unter den deutschen Hochschul-Rektoren. Die Absolventen seien nicht die "Persönlichkeiten", die die Wirtschaft brauche, sagt Präsident Hippler. Zudem habe die Reform eines ihrer wichtigsten Ziele verfehlt.

Roland Preuß und Johann Osel

Zehn Jahre nach dem Start der europäischen Studienreform in Deutschland sehen die Chefs der Hochschulen schwere Mängel. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung kritisierte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler, dass zentrale Ziele des Bologna-Prozesses nicht erreicht worden seien.

Zum einen mache das neue System es den Studenten nicht leichter, ins Ausland zu gehen. "Dieses Versprechen ist nicht wirklich erfüllt worden", sagte Hippler. Zum anderen sei der sechssemestrige Bachelor-Abschluss an den Universitäten - anders als an Fachhochschulen - in der Regel zwar "berufsqualifizierend", reiche doch in vielen Fächern und Branchen nicht aus. Horst Hippler, 65 Jahre alt, ist seit Mai Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, in der fast alle staatlichen Hochschulen in Deutschland organisiert sind. Der Professor für Physikalische Chemie, zugleich Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie, folgte in dem Amt auf Margret Wintermantel.

Er stellt sich mit seinen Aussagen gegen Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). Sie hatte Bologna jüngst als "europäische Erfolgsgeschichte" gelobt, da mittlerweile immer mehr deutsche Studenten im Ausland studieren und schneller Abschlüsse erwerben.

Der Bologna-Prozess - 1999 auf europäischer Ebene initiiert und inzwischen von 47 Staaten getragen - ist in Deutschland offiziell umgesetzt. Vor zehn Jahren wurde dazu das Hochschulrahmengesetz novelliert. Systematisch wurden seitdem die alten Abschlüsse Magister und Diplom durch den sechs Semester dauernden Bachelor ersetzt. An diesen ersten Abschluss kann ein Master (vier Semester) angehängt werden.

Die Reform verfolgt zwei Ziele: den gemeinsamen europäischen Hochschulraum und den früheren Berufseinstieg. "Man muss sich entscheiden, ob man eine Hochschulausbildung rein berufsbezogen will, wie sie die Fachhochschulen bieten - was dort gut funktioniert. Oder ob man eine andere Art der Ausbildung will wie an den Universitäten", sagte Hippler. Ein Bachelor in Physik "ist nie im Leben ein Physiker", so der HRK-Präsident.

Dass die Beschleunigung von Bildung mit Blick auf die Universitäten nicht der richtige Ansatz sei, habe inzwischen auch die Wirtschaft erkannt. "Die Unternehmen brauchen Persönlichkeiten, nicht nur Absolventen. Wir alle arbeiten immer länger, da ist es sinnvoll, am Anfang mehr Zeit zu investieren und eine solche Persönlichkeit auszubilden. Hierzu gehört auch, dass Studenten über den Tellerrand des Fachs hinausschauen können. Der Jugendwahn ist an dieser Stelle vorbei."

Viele Leute sind kaum geeignet für den Arbeitsmarkt

Umfragen und offiziellen Zahlen zufolge ist zwar die Arbeitslosigkeit unter Bachelor-Absolventen äußerst gering; Unternehmen klagen aber regelmäßig über die schlechte fachliche und persönliche Eignung der jungen Leute. Von einer Umkehr des Bologna-Prozesses rät Hippler dennoch entschieden ab, dies würde nichts besser machen.

An den Fachhochschulen gelinge der Berufseinstieg schließlich, Universitäts-Bachelor hätten zumindest ein erstes Zeugnis zur Orientierung. Man sollte das jetzige Konzept vielmehr optimieren. "Vor allem brauchen wir wieder ein Studieren in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, abseits der starren Vorschriften der Regelstudienzeit." Auch der einfachere Wechsel ins Ausland, den Bologna eigentlich ermöglichen sollte, ist laut Hippler mit Problemen behaftet. "Dieses Versprechen ist nicht wirklich erfüllt worden. Im Ausland müssen sie sich die Leistungen auch erst mal anerkennen lassen. Das ist oft nach wie vor schwierig." Mehr internationale Mobilität ist ein Kernanliegen der sogenannten Bologna-Reform.

Ein Punktesystem namens ECTS für die neuen Studiengänge Bachelor und Master sollte Leistungen vergleichbar machen und den Wechsel innerhalb des Bologna-Raums vereinfachen. Hippler: "Diese Punkte sind keine echte Währung, denn sie besagen nur, wie stark ein durchschnittlicher Student durch zum Beispiel ein Seminar zeitlich belastet wird. Die Punkte sagen aber nichts darüber aus, was jemand kann. Sie sind ein internes Maß dafür, Studenten nicht zu überfordern."

Jeder fünfte Uni-Bachelor geht laut Statistik aus dem jüngsten Bologna-Bericht der Bundesregierung derzeit für ein Semester ins Ausland - die Bologna-Macher hatten sich mehr erwartet. Studenten beklagen oft Probleme bei der Anerkennung von Leistungen und den straffen Zeitplan von sechs Semestern für ein Bachelor-Studium, der Mobilität unterbinde.

Die Bundesbildungsministerin versuche mit ihrem Statement zur zehnjährigen Umsetzung der Reform "den Eindruck einer vollumfänglich gelungenen Reform zu erwecken", sagt zum Beispiel Erik Marquardt, Vorstandmitglied des studentischen Dachverbands fzs. Dieses Bild lasse sich aus Perspektive der Hochschulen jedoch nicht nachvollziehen. Die Probleme von Bologna "als zukunftstaugliche und erfolgreiche Studienreform zu bezeichnen, grenzt an Halluzination".

Großen Unmut hatten in jüngster Vergangenheit immer wieder Zugangshürden zum Master erregt. Derzeit hat bereits ein Viertel aller weiterführenden Studiengänge einen Numerus clausus eingeführt. Es gab an einigen Universitäten Fälle, in denen nicht mal gute Bachelor-Noten reichten. Der Andrang aber ist ungebrochen, weniger als ein Fünftel aller deutschen Uni-Bachelor-Studenten nimmt laut einer Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft mit dem ersten Abschluss vorlieb.

Absolventen von Fachhochschulen zieht es dagegen zügig in den Beruf. Der Ausbau der Master-Plätze an den Universitäten müsse mit den vielen Studienanfängern Schritt halten - zumindest in Fächern wie Chemie oder Physik, so Hippler. "Wenn dort nur die Besten nach dem Bachelor weitermachen dürfen, steigt der Frust; hinausgehen in den Beruf können sie ja kaum. Wir brauchen mehr Geld für Master-Plätze."

Horst Hippler spricht seit dem 1. Mai für die Chefs fast aller staatlichen Hochschulen in Deutschland. Der Karlsruher Professor hat einen internationalen Blick, er hat lange in der Schweiz und in Frankreich gearbeitet.

© Süddeutsche.de/wolf

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