Süddeutsche Zeitung

Wohnsitz-Prämie für Studenten:300 Euro für den einfachen Gang aufs Amt

Um Studierende zum Ummelden zu bewegen, greift manche Uni-Stadt tief in die Tasche. Andernorts spart man sich das Geld lieber - und droht den angehenden Akademikern.

Manche behaupten, alles habe mit dem Zensus begonnen. Das ist zwar ziemlich weit hergeholt. Doch ist die Diskussion, die in Berlin derzeit geführt wird, eng mit den Ergebnissen der Volkszählung des Jahres 2011 verbunden. Denn in der klammen Hauptstadt leben 180.000 Bürger weniger als angenommen. Und diese Differenz kostet die Metropole richtig Geld: Etwa 2500 Euro pro fehlendem Bürger im Jahr aus dem Länderfinanzausgleich - also fast eine halbe Milliarde Euro.

Doch wie wollen die Berliner dieser Misere begegnen? Sie überlegen, noch mehr Geld auszugeben. Für Studenten. Allerdings nicht für bessere Studienbedingungen an der Humboldt-Universität oder der Freien Universität Berlin. Auch nicht für moderne Lehrmaterialien oder günstigere Mieten.

Der rot-schwarze Senat diskutiert, Studenten, die ihren Erstwohnsitz in die Hauptstadt verlegen, statt bisher 50 Euro Begrüßungsgeld 300 Euro zu bezahlen. Für das einfache Ummelden auf dem Amt.

"Wir müssen finanzielle Anreize schaffen"

Um aus Münchnern, Kölnern oder Münsteranern mit einer einfachen Unterschrift Berliner zu machen, demonstrieren die beiden Koalitionspartner selten erlebte Einigkeit. "Sinnvolle Idee", lässt CDU-Innensenator Frank Henkel verlautbaren. "Wir müssen finanzielle Anreize schaffen, um Geld einnehmen zu können", heißt es in der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

In der Tat verlegt ein Großteil der Berliner Studenten seinen Erstwohnsitz mit dem Umzug in die Hauptstadt eben nicht nach Berlin, sondern bleibt weiter in der Heimatstadt gemeldet. Nur jeder Zehnte wird offiziell Berliner. Anderswo sind die Zahlen ähnlich. Und so lassen sich die Uni-Städte im Kampf um die Millionen des Länderfinanzausgleichs einiges einfallen, um Studenten dazu zu bewegen, sich umzumelden.

In Kiel dürfen sich die angehenden Akademiker über 150 Euro freuen, wenn sie Bürger der Stadt werden, ebenso im Stadtstaat Bremen und der sächsischen Hauptstadt Dresden.

In verschiedenen Internetforen der Studierenden läuft indes eine lebhafte Debatte - freilich nicht über die Sinnhaftigkeit von Begrüßungsgeschenken, sondern darüber, welche Universitätsstädte welche Angebote bereit halten. Besonderer Beliebtheit erfreut sich Mannheim. Dort bekommen Studierende zwar kein Geld überwiesen, erhalten aber ein kostenloses Semesterticket für den öffentlichen Nahverkehr.

In Karlsruhe dürfen Studenten, sofern sie ihren Erstwohnsitz ändern, ebenfalls umsonst Bus und Bahn fahren, zudem werden sie mit einem Einkaufsgutschein bedacht. So fängt das Studium doch gut an.

50 Euro für jedes Semester

Besonders gut meinten es lange Zeit die kleinen Nachbarn Berlins mit den eigenen Studenten: In Potsdam bekamen all jene, die sich an der Hochschule einschrieben und ihren Hauptwohnsitz nach Potsdam verlegten, bisher 50 Euro - nicht als einmalige Begrüßung, sondern als Willkommensgeschenk für jedes Semester in der Stadt. Mehr als zehn Jahre lang zahlte Potsdam diesen Bonus aus; nun aber sieht die Stadtverordnetenversammlung keine Notwendigkeit mehr dafür.

Die Stadt habe ihre Ziele ja erreicht, erklärt Oberbürgermeister Jann Jakobs. Heute gibt es in Potsdam einen Wohnungsleerstand von etwa 1,8 Prozent - 2001, im Jahr der Einführung des Begrüßungsgeldes stand in der Stadt noch jede zehnte Wohnung leer. In der Zwischenzeit konnte Potsdam seine Einwohnerzahl von 129.000 auf 159.000 steigern.

23 Prozent der Einwohner Potsdams sind inzwischen Studenten. Und der Großteil von ihnen hat mittlerweile seinen Erstwohnsitz in der Landeshauptstadt. Dies hat die Politik unlängst dazu bewogen, das Begrüßungsgeld ab dem Wintersemester zu streichen. Dadurch spart sich die Stadt im Jahr etwa 240.000 Euro - keine Unsumme, aber ein kleiner Schritt auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Haushalt.

Strafe statt Belohnung in Stuttgart

Doch es gibt auch Uni-Städte, die es nicht für nötig halten, Studenten mit zusätzlichen Angeboten zu locken. Statt auf Belohnung setzen etwa Stuttgart oder Freiburg auf empfindliche Strafen für Studenten, wenn sie der Aufforderung, sich in der neuen Heimat anzumelden, nicht nachkommen.

Die sogenannte Zweitwohnsitzsteuer wird dann fällig, wenn die Studenten lieber in ihrer Heimatstadt gemeldet bleiben: Sie beträgt in der Regel zehn Prozent der jährlichen Kaltmiete am Studienort. Stuttgart handelt so, weil nach Angaben der Stadtverwaltung nicht einmal 20 Prozent der Studenten ihren Hauptwohnsitz verlegen.

In Berlin ist die Debatte über eine Aufstockung des Begrüßungsgeldes noch nicht abgeschlossen. Möglicherweise liegt das daran, dass die Hauptstadt ohnehin nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat. Wer dort studieren will, macht sich meist keine Gedanken, ob ihn der Senat mit einer Überweisung begrüßt oder nicht. Sondern eher, ob er eine kostengünstige Wohnung findet.

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SZ vom 20.07.2013/jobr
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