Süddeutsche Zeitung

Wissenschaft in der Türkei:"Ich werde zum Schweigen gebracht"

Lesezeit: 4 min

Wissenschaftler in der Türkei leben gefährlich. Diejenigen, die das Land noch rechtzeitig verlassen haben, kommen vor allem nach Deutschland.

Von Carsten Janke

Es ist nicht das erste Mal, dass Nazan Maksudyan nach Deutschland kommt, um zu forschen. Doch diesmal ist es anders. "Ich verliere alle meine akademischen Einflussmöglichkeiten in der Türkei", sagt die Historikerin, die seit Ende letzten Jahres in Berlin lebt und am Leibniz-Zentrum Moderner Orient arbeitet. Zu Fachkonferenzen in der Türkei werde sie nicht mehr eingeladen. Ihre Artikel würden kaum noch in Fachzeitschriften oder Büchern veröffentlicht. "Ich werde zum Schweigen gebracht wegen meiner wissenschaftlichen Meinung über den Genozid an den Armeniern." Dabei hatte Maksudyan Glück im Unglück. Mit einem Stipendium der Humboldt-Stiftung kann sie in Deutschland weiter forschen - anders als viele ihrer Kollegen.

In der Türkei wurden in den vergangenen Monaten mehr als 7000 Hochschulangestellte entlassen, das haben Zählungen türkischer Journalisten ergeben. Sie hätten gegen die Regierung gearbeitet, lautete meist die Begründung. 15 Universitäten mussten schließen, die meisten wegen des Vorwurfs, der Gülen-Bewegung nahezustehen. 400 Professoren und Dozenten verloren ihre Stellen, weil sie einen Friedensappell an die türkische Regierung unterzeichnet hatten. Die meisten von ihnen sind seitdem ohne Einkommen, andere Hochschulen stellen sie nicht ein. Auch für Fachzeitschriften sollen sie, nach einer aktuellen Verordnung, nicht länger arbeiten können. Das Land dürfen sie praktisch nicht verlassen. Für viele ist die Situation dramatisch. Einer der Unterzeichner beging im Februar Suizid.

Die Entlassungen unliebsamer Professoren haben lange vor dem Putschversuch im Juli 2016 begonnen. Inzwischen haben sie allerdings ein Ausmaß erreicht, das die Wissenschaftsfreiheit in der Türkei in ernste Gefahr bringt. Wie es so weit kommen konnte, davon berichten die, die rechtzeitig das Land verlassen haben. So wie Nazan Maksudyan. Aus Angst hatte sie den Friedensappell nicht unterschrieben, auch wenn sie dessen Forderungen unterstützte. Deshalb konnte sie länger als andere in der Türkei arbeiten.

"Gleich nach dem Putsch gab es Gerüchte auf Twitter, wonach die Regierung Whatsapp-Gespräche mitlesen könne", erzählt Maksudyan, "also haben alle ihre Chat-Verläufe gelöscht." Immer öfter habe es kritische Bemerkungen aus der Universitätsverwaltung gegeben. Mit ihren Forschungen, unter anderem zum Genozid an den Armeniern, bringe Maksudyan das gesamte Institut in Gefahr. Der Kreis von Menschen, mit denen sie über Politik gesprochen habe, sei immer enger geworden. Im November ging sie nach Deutschland.

Deutschland ist im vergangenen Jahr zum Hauptziel für geflohene Wissenschaftler in Europa geworden, so das Netzwerk "Scholars at Risk". Vorher waren es die Niederlande und Norwegen. Das dürfte auch an den Philipp-Schwartz-Stipendien liegen. Seit 2015 unterstützen damit verschiedene Stiftungen und das Auswärtige Amt hiesige Universitäten dabei, gefährdete Wissenschaftler aus dem Ausland für zwei Jahre aufzunehmen. 27 der 69 Stipendiaten kommen derzeit aus der Türkei. Bis zum 21. April können sich gefährdete Forscher abermals um ein Stipendium bewerben. Benannt, eine Volte der Geschichte, wurde das Stipendium nach dem Mediziner Philipp Schwartz. Er hatte nach 1933 deutschen Wissenschaftlern die Ausreise in die Türkei ermöglicht, nachdem sie - wie er selbst - von den Nazis aus dem Universitätsdienst entlassen worden waren.

Ein Philipp-Schwartz-Stipendium hat auch Pınar Şenoğuz bekommen. Die Anthropologin war eine der Ersten, die Anfang 2016 den Friedensappell unterzeichnet hat. Unter dem Titel "Academics for Peace" forderten sie damals die türkische Regierung auf, den Friedensprozess mit den Kurden wieder aufzunehmen. Die Reaktionen waren heftig. Präsident Erdoğan reagierte mit Entlassungen und Gerichtsverfahren. Noch vor dem Militärputsch im Juli hatten mehr als fünfzig "Academics for Peace" ihre Stellen verloren.

Şenoğuz wollte dennoch in der Türkei bleiben, in Gaziantep im Südosten des Landes. Sie hatte von dort aus jahrelang das türkisch-syrische Grenzgebiet erforscht, ihre Arbeit war noch nicht abgeschlossen. Doch die Situation wurde immer brenzliger. Kurz nach dem Putschversuch gelang es ihr gerade noch rechtzeitig, nach Deutschland auszureisen. Anderen Kollegen, die später kamen, wurde die Ausreise untersagt. Heute arbeitet Şenoğuz an der Universität Göttingen. Immerhin, sagt sie bei einem Spaziergang über den Campus, habe sie jetzt Zeit, um ihre Forschungsergebnisse in einem Buch zusammenzufassen. Zurück im Büro schaut Şenoğuz als erstes nach, ob ihr wieder Kollegen aus der Türkei geschrieben haben.

Şenoğuz und Maksudyan betonen beide, wie warmherzig sie von ihren Kollegen in Deutschland empfangen worden seien und wie wichtig ihnen die Stipendien sind. Angesichts der Lage in der Türkei müsste deren Zahl allerdings noch weiter ausgebaut werden. Wie unsicher die Situation inzwischen ist, sieht man auch an aktuellen Zahlen von Scholars at Risk. Seit Januar 2016 haben sich insgesamt 500 türkische Wissenschaftler bei dem Netzwerk gemeldet, das sich um verfolgte Wissenschaftler kümmert. Laut einem Sprecher liege die Türkei damit inzwischen vor Syrien.

Entlassene Wissenschaftler in der Türkei versuchen indes, den Unterricht für ihre Studenten fortzusetzen. In sechs Städten gebe es "Solidaritäts-Akademien" unter freiem Himmel, meist in öffentlichen Parks, berichtet Şenoğuz. Viele ihrer Kollegen benötigten dringend Geld. Deshalb haben die Academics for Peace jüngst eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, über die man Wissenschaftler in der Türkei unterstützen kann. "Sie brauchen aber auch den wissenschaftlichen Austausch", sagt Şenoğuz weiter. Deutsche Forscher könnten die Kollegen in der Türkei zum Beispiel in Online-Seminare einbinden oder in Forschungsprojekte mit Türkei-Bezug.

Auch einzelne Wissenschaftler können etwas tun. Das zeigt das Beispiel des Bielefelder Konfliktforschers Andreas Zick. Im Juli 2016 bekam er den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen. Spontan habe er sich entschieden, einem türkischen Kollegen mit dem Preisgeld zu helfen, sagt Zick - immerhin 50 000 Euro. Das musste allerdings diskret geschehen, um den Kollegen in der Türkei nicht zu gefährden. Also spendete Zick das Geld an seine Universität. Die verdoppelte den Betrag und ermöglichte den Gastaufenthalt des Forschers aus der Türkei. Das habe gut geklappt, sagt Zick, aber er geht noch einen Schritt weiter: "Eigentlich brauchen wir ein europäisches Stipendienprogramm für gefährdete Wissenschaftler."

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SZ vom 10.04.2017
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