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Schule und Corona:Verlängerte Weihnachtsferien wären hochgradig unfair

Schule: Kinder rennen durch einen Schulflur

Kinder brauchen die Schulen. Diese müssen den Regelbetrieb in der Pandemie so lange es geht aufrechterhalten.

(Foto: imago images/Westend61)

Auf eine unerträglich lange Zeit des Homeschoolings darf nicht schon wieder die nächste Heimphase folgen. Das wäre Gift für die Entwicklung vieler Kinder.

Kommentar von Christina Berndt

Einer der ersten Gedanken gilt mal wieder den Kindern. Klingt das nicht schön? Es wäre in der Tat gut, wenn das in Deutschland öfter der Fall wäre, wenn Kinder in dieser Gesellschaft wirklich mal an erster Stelle stünden. Leider hat es aber gar nichts Gutes, dass Kindern angesichts steigender Corona-Zahlen nun - und wieder einmal - einer der ersten Gedanken gilt. Soeben haben zwei Unionspolitiker in der Bild gefordert, die Weihnachtsferien um zwei bis vier Wochen zu verlängern - und dafür die Oster- und Sommerferien zu kürzen. Ziel müsse es sein, bestmöglich durch die Pandemie zu kommen, hieß es zur Begründung. Und: "Das Wohl der Schüler und Lehrer muss im Vordergrund stehen."

Beide Ziele sind richtig. Ja, Deutschland sollte weiterhin bestmöglich durch die Pandemie kommen, damit möglichst wenige Menschen sterben, schwer erkranken oder Langzeitschäden durch Covid-19 davontragen. Und ja, das Wohl der Schüler und Lehrer muss im Vordergrund stehen. Doch die Schlussfolgerung aus diesen Prämissen ist völlig falsch.

Wenn es um das Wohl der Kinder geht, dann dürfen sie die Schule besuchen, auch im Winter. Dann darf auf eine unerträglich lange Zeit des Homeschoolings, die in manchen Bundesländern erst vor wenigen Wochen beendet wurde, nicht schon wieder die nächste Heimphase folgen. Schule bietet Bildung, Teilhabe, Aufmerksamkeit. Keine Schule ist dagegen Gift für die Entwicklung vieler Kinder. Das haben die vergangenen Monate überdeutlich gezeigt. Die Zahl von Kindern mit Depressionen und Angststörungen ist während des Homeschoolings beängstigend gestiegen, die Gewalt in den Familien auch.

Schulen sind nicht die großen Seuchenherde

Das alles dürfte im Winter eher schlimmer werden, da die Möglichkeiten, draußen zu spielen und einander aus dem Weg zu gehen, nun einmal kleiner sind als bei dem schönen Wetter während der ersten Welle der Pandemie. Da wird es auch nichts helfen, wenn die Kinder unterm Weihnachtsbaum die neueste Playstation finden, mit der sie die darauf folgenden Wochen zu Hause totschlagen.

Dass manchen Politikern angesichts steigender Infektionszahlen immer noch als Erstes die Schulen als Ort für Maßnahmen einfallen, ist vor diesem Hintergrund unbegreiflich. Schulen müssen den Regelbetrieb in der Pandemie so lange es geht aufrechterhalten. Und es wird lange möglich sein, wenn sich Eltern, Lehrer und Schüler weiterhin so gut an die Hygienekonzepte halten, wie dies bislang größtenteils der Fall war. Denn mehr und mehr zeigt sich, dass Schulen - anders als zu Beginn der Pandemie gedacht - gar nicht die großen Seuchenherde sind. Bislang mussten erstaunlich wenige Schüler und Lehrer nach Hause geschickt und Klassen geschlossen werden, auch dank der Solidarität aller Beteiligten.

Es ist schon richtig, dass sich die Situation im Winter ändern könnte, wenn das Lüften in den Schulen schwieriger wird. Warme Kleidung, Decken und eine Investition in Raumluftfilter sind aber ebenso wie feinjustierte Reaktionen auf einzelne Corona-Fälle in jedem Fall die bessere Lösung, als sämtliche Kinder in einem Rundumschlag für Wochen aus der Schule zu verbannen.

Die Treiber der Pandemie, das sind nicht die Kinder. Es sind momentan die Erwachsenen mit ihren Kneipenbesuchen, ihrem Alkohol und ihren Festen. Es ist hochgradig unfair, dass die Kinder aufgrund einer diffusen Corona-Schul-Angst nun wieder zurückstecken und ihr Leben umkrempeln sollen - nur damit alles andere, von Fußball bis Shopping, von Reisen bis Partys, möglichst lange seinen Gang gehen kann.

© SZ/saul/cat
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