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Vorsitzende des Wissenschaftsrats:"Wir können nicht so weiterlehren"

Deutsche Hochschulen sollen besser werden - nur wie? Ein Gespräch über Ideen, Personal und Geld mit Martina Brockmeier.

38 Milliarden Euro pumpen Bund und Länder seit 2007 in die Hochschulen, zusätzlich zur sonstigen Finanzierung. Es ist die bislang teuerste Hochschulförderung, in diesem Jahr läuft sie aus. Und dann? Viel "Mut und Wumms bei den Paktverhandlungen" wünschte der grüne Bildungspolitiker Kai Gehring. Beides können Bund und Länder gut gebrauchen, wenn das Ringen ums große Geld jetzt in die heiße Phase geht. Mit dem "Hochschulpakt" half der Staat den Hochschulen, den Ansturm der Studenten zu bewältigen, von denen es heute fast eine Million mehr als 2007 gibt. Nun soll nach der Quantität auch die Qualität der Lehre steigen. Was das heißt und wie viel es den Geldgebern wert sein sollte, erklärt Martina Brockmeier, Vorsitzende des Wissenschaftsrats, des wichtigsten Beratergremiums der Wissenschaftspolitik.

SZ: Frau Brockmeier, in Deutschland betreut ein Professor im Schnitt 66 Studenten. Zu viele, oder?

Martina Brockmeier: In einigen Fächern ist die Relation sogar noch schlechter. In den Ingenieurwissenschaften kommt es vor, dass ein Professor 130 Studierende betreut. Der Wissenschaftsrat hat schon vor Jahren für angehende Ingenieure die Relation eins zu 38 als angemessen empfohlen.

Was bedeuten so ungünstige Betreuungsrelationen für den Lehrbetrieb?

Dass, anders als man es sich vorstellt, nicht vorrangig Professoren lehren. Sondern überwiegend befristet Beschäftigte wie Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben, Mitarbeiter in der Promotionsphase oder sogar nebenberuflich tätige Lehrbeauftragte. Es gibt also viele Wechsel und Vertretungen. Darunter leiden auch die Studierenden. Wir brauchen viel mehr Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer, die eine breite Fachkenntnis und vielfältige Forschungserfahrung haben. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung, um Studierende zu begeistern und bestens betreuen zu können.

Wie kommen die Hochschulen an dieses gute Personal?

Sie müssen verlässlich und auskömmlich finanziert werden, damit sie auf lange Sicht planen und genügend wissenschaftliches Personal unbefristet anstellen können. Mit jahrelang gesammelter Expertise lehrt man besser als in einem Kurzzeitjob. Im Koalitionsvertrag wurde vereinbart, dass die Gelder aus dem Hochschulpakt auf Dauer fließen sollen. Das ist schon mal sehr gut.

Was wollen Bund und Länder ausgeben?

Hörsaal

Studierende bringen heute viel unterschiedlichere Niveaus mit als früher - eine Herausforderung für Professorinnen und Professoren.

(Foto: Fabian Stratenschulte/dpa)

Der Bund, der bislang gut die Hälfte der Paktmittel zahlt, bietet zurzeit 1,88 Milliarden Euro pro Jahr an. Die Länder wünschen sich 2,2 Milliarden. Die Diskrepanz ist also noch relativ groß. Irgendwie müssen sie sich einigen.

Und wenn das misslingt?

Das darf nicht passieren. Die Paktgelder machen im Schnitt zwölf Prozent des Budgets der Hochschulen aus, bei manchen sogar 25 bis 30 Prozent. Ohne Einigung müssten Studiengänge eingestellt oder zulassungsbeschränkt werden. Befristetes Personal, das schon Kompetenz erworben hat, müsste entlassen statt entfristet werden. Das würde der Lehre schaden.

Wie viel sollte der Bund zugestehen?

Der Wissenschaftsrat hat empfohlen: mindestens so viel wie in der letzten Phase des Hochschulpakts, da waren es durchschnittlich zwei Milliarden pro Jahr. Die Bundesregierung hat zugesagt: so viel wie bisher. Nur, wie viel ist das? Aufgrund der komplizierten Berechnung gab es große jährliche Schwankungen. Darum ist die Höhe nicht klar definiert. Die müssen Bund und Länder noch aushandeln.

Ist "so viel wie bisher" nicht eh zu wenig? Die Hochschulen sollen für die fast 2,9 Millionen Studenten ja nicht nur weiterhin Studienplätze, sondern künftig auch mehr Lehrer vorhalten. Vorhandenes Personal zu entfristen, reicht da nicht.

Richtig, mit demselben Geld wie bisher wäre nur der Status quo zu halten, denn wir gehen davon aus, dass die Studierendenzahlen in etwa so hoch bleiben, wie sie sind. Deshalb hat der Wissenschaftsrat Bund und Ländern empfohlen, die Einführung einer dynamischen Finanzierungskomponente zu prüfen.

Bislang lehnt der Bund aber solch einen jährlichen Zuwachs ab.

Unsere Empfehlungen werden in der Politik intensiv diskutiert. Es entscheidet die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, in der die Bildungs- und Finanzminister beider Seiten sitzen.

Welche Argumente können Sie noch in den Ring dieser Minister werfen?

An die Hochschulen kommen mehr, aber auch andere junge Menschen als früher. Das Ausgangsniveau ist sehr heterogen. Da können wir nicht einfach so weiterlehren wie bisher. Sie brauchen kleinere Gruppen, neue Konzepte, digitale Medien. Das lässt sich nicht im normalen Turnus der Lehre erarbeiten, dazu ist der Zeitdruck viel zu groß. Wenn wir das qualitativ hochwertig machen und damit sehr gute Absolventen für den Arbeitsmarkt hervorbringen wollen, dann erfordert das zusätzliche Ressourcen.

Martina Brockmeier, Vorsitzende des Wissenschaftsrats.

Martina Brockmeier, 57, Professorin für Agrarökonomie an der Universität Hohenheim, leitet seit 2017 den Wissenschaftsrat, dessen Empfehlungen in der Wissenschaftspolitik großes Gewicht haben.

(Foto: David Ausserhofer/Wissenschaftsrat)

Dabei könnte eine Förderung helfen, die ebenfalls verstetigt werden soll: der Qualitätspakt Lehre. Mit 200 Millionen Euro jährlich kein Koloss wie der Hochschulpakt, aber immerhin.

Der Wissenschaftsrat schlägt als Nachfolger eine eigenständige und dauerhafte Einrichtung vor. Eine Institution für die Qualität in der Lehre, kurz IQL.

Was würde diese Einrichtung tun?

Sie hätte drei Aufgabenfelder: Transfer, Vernetzung und Förderung. Nach zehn Jahren Qualitätspakt Lehre gibt es viele erfolgreiche Lehrprojekte, die jetzt auf andere Fächer und Hochschulen zu übertragen wären. Denn in der Lehre sollen gute Ideen ja gerne nachgeahmt werden! Aber ein tolles Konzept muss bekannt werden, damit es Schule macht. Darum soll das IQL diejenigen vernetzen, die sich in der Lehrentwicklung besonders engagieren und herausfinden wollen, was gute Lehre überhaupt ist. Wie viele Studierende wie schnell ihren Abschluss schaffen, ist kein hinreichender Maßstab. Wollen wir nicht vielmehr wissen, ob und wie wir ihnen mitgeben, was sie brauchen, wenn sie nach der Uni im Beruf stehen? Dafür sollten wir Bewertungskriterien finden.

Und die bisherige Projektförderung?

Ist das dritte Aufgabenfeld. Um exzellente Lehrkonzepte entwickeln zu können, müssen Wissenschaftler auch mal aus dem Forschungsalltag ausbrechen dürfen. Dafür muss man ihnen Zeit und Geld geben. Über Projektanträge für derartige Lehrkonzepte soll die Wissenschaft entscheiden. Aber die Institution, die uns vorschwebt, ist eben noch viel mehr als nur ein Fördertopf. Mit allen Aufgaben in einer Hand sammelt sich auch das Wissen über die Lehrqualität, und dieser Mehrwert käme allen Hochschulen zugute.

Die Hochschulen haben die Idee zunächst abgelehnt, dann einen Vorschlag gemacht: sich um diese Aufgaben selbst zu kümmern.

Dann wäre die Institution für die Qualität in der Lehre aber nicht eigenständig. Das kann sie nur sein, wenn sie unabhängig ist von denen, die die Förderung erhalten.

© SZ vom 28.01.2019
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