Schulsport Forscherin löst Debatte aus: Ist Völkerball Mobbing?

Wer muss als nächstes raus? Kinder verfolgen eine Völkerball-Partie in einer Turnhalle.

(Foto: imago/Frank Sorge)

Kinder werfen andere mit dem Ball ab - wenn es nach einer kanadischen Pädagogik-Professorin geht, sollten Schulen darauf verzichten.

Der Schulsport kann sehr, sehr, sehr demütigend sein. Für diejenigen, sich schweren Atems hinterherschleppen, wenn die anderen über den Platz sprinten. Für diejenigen, die gerade die Hochphase der pubertären Körperscham erleben, aber ihrer ganzen Klasse in den Schwimmunterricht folgen müssen. Für diejenigen, die beim Wählen der Mannschaften jedes Mal aufs Neue darauf hoffen, dieses eine Mal vielleicht nicht als Letzte aufgerufen zu werden. Sondern nur als Vorletzte. Und dann doch wieder Letzte sind.

Am allerschlimmsten ist es, wenn dann auch noch Völkerball gespielt wird und die weniger Flinken von den anderen genussvoll mit dem Ball bombardiert werden. Nun gibt es zumindest dafür auch die wissenschaftliche Bestätigung: Ja, Völkerball sei ein Mittel der "Unterdrückung", erklärten kanadische Wissenschaftler laut Washington Post kürzlich während einer Fachkonferenz in Vancouver. Das Spiel gehöre auf den Index.

Völkerball vermittle die Botschaft, "dass es okay ist, den anderen zu verletzten und zu entmenschlichen", sagte Joy Butler, Pädagogikprofessorin an der University of British Columbia, der Zeitung. Lehrkräfte sollten Kindern und Jugendlichen beibringen, Aggressionen zu kontrollieren. Völkerball fördere es aber vielmehr, sie an anderen auszuleben.

Kontroverse Debatte bei Twitter

Die Wissenschaftler um Butler befragten für eine Studie, die in Kürze erscheinen soll, Schüler zu ihren Erfahrungen im Sportunterricht. Als besonders unangenehm sei dabei immer wieder "Dodgeball" genannt worden, die amerikanische Völkerball-Variante. "Ich denke an ein kleines Mädchen, das nach hinten rennt, um nicht getroffen zu werden. Was lernt es in diesem Unterricht? Vermeidung", sagte Butler der Washington Post. Im kanadischen Fernsehsender CBC bezeichnete sie Völkerball als "legalisiertes Mobbing". Einige amerikanische Schulen hätten das Spiel sogar schon aus dem Unterricht verbannt - ihrer Meinung nach aber noch nicht genug.

Bei Twitter werden die Thesen seither kontrovers diskutiert:

Ralf Sygusch, Sprecher der Sektion Sportpädagogik bei der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, hält die Kritik der kanadischen Forscher für übertrieben: Der Lehrer müsse mit den Schülern über die sozialen Aspekte des Spiels sprechen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Wenn das gewährleistet wird, hätte ich überhaupt kein Problem, das zu spielen." Zwar sei Völkerball sehr emotional und biete daher das Potenzial zum Mobbing. "Aber das bewusst zu machen, zu sozialer Verantwortung zu erziehen, das ist hier eigentlich die Aufgabe der Lehrkraft."

Und auch die ehemalige First Lady der USA, Michelle Obama, die sich in ihrer Amtszeit gegen Mobbing an Schulen eingesetzt hatte, scheint bisher noch kein Problem mit dem Ballspiel zu haben. In einem US-Team mit den Schauspielerinnen Melissa McCarthy, Mila Kunis und Kate Hudson trat sie vor einigen Tagen gegen eine Promi-Mannschaft aus Großbritannien an.

Obama zeigte sich vor dem Spiel hochmotiviert - und ja, auch etwas aggressiv in ihrer Wortwahl: "Unser Team verspeist sie zum Frühstück... die wichtigste Mahlzeit des Tages", sagte sie. Die erste Partie entschied die ehemalige First Lady - mit einem Wurf in den Schritt des britischen Popsängers Harry Styles. Am Ende freuten sich die US-Frauen im Konfettiregen über eine übergroße Goldtrophäe.

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