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Verbeamtung im Lehramt:Viele Studenten bleiben mit ihrem Leid alleine

Aber auch dann verzichten Studenten auf Hilfe. Auf den Facebook-Aufruf hin schreibt eine: "Ich habe in den letzten Jahren oft überlegt, eine Therapie zu machen. Mein Vater ist starker Alkoholiker, ich habe ihn schon wiederbeleben müssen. Aber ich habe es nicht getan, aus Angst, nicht verbeamtet zu werden." Oder die Geschichte einer anderen Frau: Innerhalb von sechs Monaten stirbt ihr Vater, ihr Freund hat einen schweren Unfall. "In dieser Zeit hätte ich mir sehr eine Therapie gewünscht. Ich hatte sogar einen Termin bei einem Therapeuten, habe ihn aber nicht wahrgenommen, da dies alle Chancen auf eine Verbeamtung vernichtet hätte."

Hätte es wahrscheinlich nicht. Noch dazu, weil zwei Urteile des Bundesverwaltungsgerichts 2013 es einfacher machten, verbeamtet zu werden. Bis dahin musste der Arzt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass der Kandidat vor dem Pensionsalter aus dem Dienst scheiden könnte. Jetzt muss der Bewerber zum Zeitpunkt der Einstellung gesundheitlich geeignet sein - ein möglicher Untauglichkeitsgrund ist nur, wenn er mit überwiegender Wahrscheinlichkeit früher dienstunfähig werden könnte. Der feine Unterschied kann den Ausschlag geben. Der Arzt muss - auch bei Übergewichtigen - im Einzelfall medizinisch fundierte Gründe vorbringen, dass der vorzeitige Ruhestand wegen der Kilos sehr wahrscheinlich ist. Psychische Problemen sind nicht sichtbar wie Übergewicht, lassen sich ignorieren.

Im Gesundheitsamt München ist man entsetzt, dass es diese Ängste noch gibt. "Ich hatte gehofft, dass es sich herumspricht, dass eine Psychotherapie kein absoluter Hinderungsgrund ist", sagt Barbara-Luise Donhauser, die Leiterin der Abteilung Ärztliche Gutachten. Seit 25 Jahren arbeitet sie in dem Bereich, so lang kennt sie auch das Thema. Eines, das fast ausschließlich Lehrer betreffe - Beamtenanwärter wie Juristen oder Polizisten machen sich offenbar weniger Sorgen.

Hochschüler unter Druck

Studenten nehmen - vor allem mit steigender Semesterzahl - häufiger psychiatrische Hilfe in Anspruch. Jeder Vierte gab in einer Umfrage der Techniker Krankenkasse kürzlich an, der Druck oder seelische Probleme seien schon so hoch gewesen, dass übliche Relax-Strategien nicht reichten. Die Hälfte aus der Gruppe hat sich Hilfe gesucht, meist ambulante Therapien oder Beratung an der Hochschule. Sechs Prozent gaben an, stationär behandelt worden zu sein. Und: Etwa ein Drittel der Frauen und sogar 43 Prozent der Männer an der Uni trinken ihren Stress weg", teilte die Kasse besorgt mit. SZ

Ein Urteil werde nicht nach einem Katalog von Kriterien gefällt, erklärt die Medizinerin Donhauser. Der Amtsarzt, im Münchner Amt sind das in diesen Fällen Psychiater, versuche, sich ein umfassendes Bild der aktuellen und langfristigen Leistungsfähigkeit zu machen: "In diese Beurteilung fließen die eigene Krankengeschichte ein, die Familienkrankengeschichte, ob Therapien gemacht wurden oder noch gemacht werden, wie das Beschwerdebild jetzt ist, Befunde von Therapien und Abschlussberichte von Kliniken." Auch warum eine Psychotherapie gemacht wurde, spiele eine Rolle. War es zur Bewältigung einer Lebenskrise, zur Selbsterkenntnis oder, weil tatsächlich eine schwere Erkrankung vorlag?

Abgesehen davon, dass viele Studenten sich unnötig verrückt machen und mit ihren Leiden allein bleiben, hat es Konsequenzen, wenn Probleme nicht behandelt werden. Eine Heilung wird dann schwieriger, und ein frühes Ausscheiden aus dem Dienst wahrscheinlicher. Auch Philologen-Chef Meidinger sieht diese Gefahr, wenn man Hilfe verweigert. Es gebe Kollegen, die deswegen tatsächlich früh dienstunfähig würden.

Falsche Informationen verstärken die Unsicherheit. Die Münchnerin Leonie erzählt, dass sie mal einen Vortrag an der Uni besucht hat, Thema Verbeamtung. Der Referent riet den Zuhörern, dass eine Psychotherapie nach Möglichkeit nicht im Lebenslauf auftauchen sollte.

© SZ vom 21.09.2015/mkoh
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