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Schüler aus Venezuela:Jan darf wieder zur Schule gehen

Die Familie von Jan Hervis (in Grün) blieb trotz Flucht zusammen. Andere Kinder der Schule in Bogotá hatten weniger Glück.

(Foto: Martin Rentsch/UNHCR)

Millionen Menschen verlassen Venezuela - und Schüler werden zu Flüchtlingen. Was bedeuten diese Bedingungen für ihre Bildung? Zu Besuch in der Fremde.

Er könnte ein ganz normaler Junge sein, wie er durch den Klassenraum tobt, wie er herumalbert mit den anderen und Kekse isst, jetzt, wo Pause ist. Aber wenn er sich hinsetzt und ein bisschen erzählt, wenn er mit dieser ungewöhnlich leisen Stimme spricht, dann merkt man, dass Jan Hervis, dieser dünne Junge von acht Jahren, es gerade ziemlich schwer hat. Wenn man ihn zum Beispiel fragt, wie es war, daheim in Maracaibo in Venezuela, bevor er sich mit seinen Eltern auf den Weg machte, dann senkt er den Blick und starrt auf die Tischplatte. "Das weiß ich nicht mehr", sagt er dann. Und es klingt so, als wolle er sich lieber nicht erinnern.

Venezuela erlebt gerade eine schwere Staatskrise, über die vor allem vor dem Hintergrund des heftigen Machtkampfes zwischen dem autokratischen Staatschef Nicolás Maduro und seinem jungen Herausforderer Juan Guaidó berichtet wird. Weniger präsent ist, dass Hyperinflation und Warenknappheit zu einer Fluchtbewegung geführt haben, die täglich wächst. Mindestens 3,7 Millionen Menschen haben Venezuela inzwischen verlassen. Es ist die größte Massenflucht in der Geschichte Lateinamerikas, und unter den Flüchtlingen sind natürlich auch viele Kinder.

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Jan Hervis hat noch einigermaßen Glück gehabt. Er hat es mit seinen Eltern und seiner Großmutter nach Bogotá geschafft, in die Hauptstadt des Nachbarlands Kolumbien. Die Familie ist zusammengeblieben, das gelingt längst nicht allen, viele werden auf der Flucht auseinandergerissen. Andere Kinder aus seiner Klasse mussten ihre Mutter oder ihren Vater in Venezuela zurücklassen, zum Beispiel weil das Geld nicht reichte, dass alle gehen konnten. Aber auch diese Kinder haben immerhin das Glück, jetzt hier zu sein, in diesem zweistöckigen, gelb gestrichenen Haus im Zentrum von Bogotá. Die Hilfsorganisation Maristas betreibt hier eine Einrichtung, die eine Mischung ist aus Kinderhort und improvisierter Schule. Bis zu 25 Kinder kommen täglich, sie sind zwischen fünf und vierzehn Jahre alt, und sie alle sind Flüchtlinge aus Venezuela. Voluntarios, Freiwillige also, geben vormittags Unterricht in Lesen, Mathe, Schreiben oder Englisch. Nachmittags wird gespielt. Und, ganz wichtig: Dazwischen gibt es etwas zu essen. Viele der Familien, aus denen die Kinder kommen, sind völlig mittellos.

Jan Hervis und all die anderen Kinder, die aus Venezuela fliehen, haben ein Recht auf Bildung. Es ist universell, gilt immer und überall, egal woher sie kommen, egal ob sie Papiere haben, egal, wo sie sich gerade aufhalten. Mit der Umsetzung aber ist das so eine Sache. Etwa 1,2 Millionen der venezolanischen Flüchtlinge halten sich in Kolumbien auf. Doch von den registrierten schulpflichtigen Kindern unter ihnen gehen nur 48 Prozent zur Schule, weniger als die Hälfte also.

Warum das so ist, dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Einerseits ist da die Überforderung des kolumbianischen Staates, der zwar mancherorts Extraplätze für Venezolaner eingerichtet hat, in manchen Regionen aber strukturschwach ist. Das Land hat noch immer mit den Auswirkungen eines Bürgerkriegs, mit bewaffneten Unruhen und mit Millionen internen Vertriebenen zu kämpfen. Schulleiter klagen, dass sie mit den vielen Venezolanern schlicht überfordert sind. Doch dass so viele venezolanische Kinder nicht zur Schule gehen, hat auch mit den Eltern zu tun. Manche sind erst seit Kurzem da oder wollen nur so lange bleiben, bis sie wieder genug Geld haben, um weiterzuziehen. Andere wissen Umfragen zufolge schlicht nicht, dass ihre Kinder ein Recht auf den Schulbesuch haben, egal ob sie Papiere haben oder nicht.

Und dann gibt es auch noch die Kinder, die arbeiten müssen. Per Gesetz ist das zwar eigentlich verboten, doch die kolumbianischen Behörden haben kaum Kontrolle über die illegalen und informellen Jobs, die es überall im Land gibt. Jan Hervis zum Beispiel musste auch arbeiten, nachdem er nach Bogotá kam. Das erzählt nicht er, sondern eine der Betreuerinnen im Haus der Maristas. Seine Eltern sind tagsüber in den "Transmilenios" unterwegs, in den Bussen, die durch Bogotá fahren, und verkaufen dort Süßigkeiten. So versuchen sie, sich über Wasser zu halten, und am Anfang hat Jan Hervis sie begleitet. Auf den Straßen der Hauptstadt sieht man etliche Kinder, die Süßigkeiten verkaufen oder betteln. Das bringt oft mehr Geld ein, als wenn es Erwachsene tun. Jan Hervis' Eltern haben irgendwann entschieden, dass es besser sei, ihn zu den Maristas zu schicken. Seine Mutter bringt ihn jeden Morgen mit dem Bus, seine Oma holt ihn ab.

Jan Hervis hat es nicht leicht gerade, aber manchmal, da wirkt es doch, als sei er ganz zufrieden. Jetzt zum Beispiel, die Kinder setzen sich zur Gruppenarbeit in einen Kreis auf dem Boden und üben, wie man sich vorstellt. "Ich heiße Jan Hervis, ich bin acht Jahre alt", sagt er und grinst. "Und wenn ich groß bin, will ich Pilot werden." Auch die anderen haben hochfliegende Pläne. Valeria zum Beispiel, schwarze Haare, fünf Jahre alt. Sie piepst: "Ich möchte Ärztin werden."

Kein Strom, kein Bus, kein Unterricht

Vor dem Hintergrund solcher Träume ist es gut, dass die Kinder jetzt in Kolumbien sind. Denn da, wo sie herkommen, ist der Schulbetrieb längst nicht mehr sichergestellt. Früher hatte das venezolanische Bildungssystem im lateinamerikanischen Vergleich noch einen recht guten Ruf, zumal der verstorbene frühere Staatschef Hugo Chávez verkündete, dass alle Schüler gleichermaßen die Chance auf ein Studium haben sollten. In der Theorie gilt das unter seinem despotisch regierenden Nachfolger Maduro noch immer, in der Praxis aber fällt in Venezuela ständig der Strom aus - und ohne Strom kann auch kein Unterricht stattfinden. In dem permanenten Ausnahmezustand, den das Land gerade erlebt, liegt das öffentliche Leben häufig brach. Der regelmäßige Schulbesuch der venezolanischen Kinder scheitert zum Beispiel auch daran, dass oft einfach kein Bus fährt. Das System öffentlicher Verkehrsmittel ist mancherorts völlig zusammengebrochen.

Hinzu kommt, dass unter den bald vier Millionen Menschen, die das Land verlassen haben, natürlich auch viele Lehrer sind. Viele Schüler aus Venezuela erzählen diese Geschichten; wie plötzlich der Mathelehrer nicht mehr kam oder der Lehrer für Naturwissenschaften. Und wie die Fächer daraufhin dann einfach nicht mehr unterrichtet wurden. Und es fehlt in Venezuela nicht nur an Lebensmitteln und Medikamenten, sondern auch an Stiften und Schulheften, die Preise sind stark angestiegen. Die Kinder aus ärmeren Familien, die meist staatliche Schulen besuchen, sind davon am stärksten betroffen.

Die große Herausforderung für Kolumbien und für die anderen Länder, welche die venezolanischen Flüchtlinge nun aufnehmen, ist es, ihnen eine Perspektive zu geben. Bei den Maristas immerhin geben sie sich alle Mühe. Jedes Kind bekommt ein Buch geschenkt, es ist bunt bemalt und heißt "mi viaje", meine Reise. Es soll ihnen helfen, über ihre Flucht zu sprechen und das Trauma der verlorenen Heimat zu überwinden. Im Sitzkreis auf dem Boden klappt das ganz gut. "Gab es auch schöne Dinge, als ihr unterwegs wart?", fragt eine Betreuerin. Und Sebastián, ein Freund von Jan Hervis und ebenfalls stolze acht Jahre alt, berichtet, wie seine Oma ihm an der Grenze einen Hamburger gekauft habe. Die Kinder kugeln sich vor Lachen. Egal, was sie erlebt haben, ihren Humor haben sie nicht verloren.

Die Recherche wurde unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen.

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