Süddeutsche Zeitung

Unterrichtsformen:Alles schläft, einer spricht

Frontalunterricht gilt als autoritär, überholt, wenig kreativ. Trotzdem stehen die meisten Lehrer vor der Klasse und tragen den Stoff vor - oft mit schlechtem Gewissen. Zu Recht?

Von Lilith Volkert

Ein Mädchen sitzt auf dem Boden und blättert in einem Buch. Zwei Jungen würfeln abwechselnd und zählen dann die Augen zusammen, ein anderer läuft langsam ein großes Y ab, das mit farbigem Klebeband auf dem Boden geklebt ist. Wer an einem Mittwochmorgen gegen halb neun in einer Münchner Grundschule die Tür zum Klassenzimmer der 1b öffnet, sieht vieles, was nicht sofort an Schulunterricht erinnert.

Die Lehrerin Marie Brenner* findet man erst auf den zweiten Blick, sie sitzt bei einem Kind und erklärt ihm noch einmal das Addieren mit Zehnerübergang. Erst in einer halben Stunde wird sie wieder vor der Klasse stehen. Bis dahin sucht sich jedes Kind aus einer Handvoll angebotener Aufgaben die aus, auf die es gerade am meisten Lust hat.

Aussuchen? Lust haben? Während des Unterrichts durchs Klassenzimmer laufen? Wer heute erwachsen ist, hat oft andere Erinnerungen an seine Schulzeit. Sie lassen sich mit einem Bild zusammenfassen: Der Lehrer steht vorne und redet, die Schüler hören zu. Oder auch nicht.

Frontalunterricht hat keinen guten Ruf. "Wenn alles schläft und einer spricht, so nennt man dieses Unterricht", soll schon Wilhelm Busch gewitzelt haben. Viele denken an einen stundenlang monologisierenden Lehrer, wenn sie das Wort "Frontalunterricht" hören. Andere an einen Trichter, durch den Schülern wahllos Wissen ins Hirn gekippt werden soll, während ihre Kreativität verkümmert. Der Erziehungswissenschaftler Herbert Gudjons spricht von einem "Kampfbegriff, an dem sich die fortschrittlichen Geister von den konservativen trennen".

Dabei wird an deutschen Schulen noch immer überwiegend - Experten schätzen 90 Prozent der Zeit - frontal unterrichtet. Oft mit schlechtem Gewissen. Zu Recht? Lernen und behalten Schüler mehr, wenn sie sich die Herangehensweise aussuchen und die Zeit frei einteilen können?

Wird Wissen eingetrichtert und die Kreativität verkümmert?

"Um herauszufinden, was gut funktioniert, muss man verstehen wie das menschliche Gehirn arbeitet, was es beim Lernen leistet und wie es Gedächtnisinhalte ausbildet", sagt der Neurobiologe Gerhard Roth.

Das Lernen beginnt im Kurzzeitgedächtnis. Nur was hier verarbeitet und sinnvoll mit bisher Bekanntem verknüpft wird, hat überhaupt eine Chance weitergeleitet zu werden. Doch das Kurzzeitgedächtnis ist nicht besonders aufnahmefähig. Wird es mit etwas Neuem, Kompliziertem konfrontiert, braucht es spätestens nach fünf Minuten eine kurze Pause. Sonst ist die Information weg.

"Will ein Lehrer im Frontalunterricht neues Wissen vermitteln, muss er es in kleine Portionen unterteilen, die an die begrenzte Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses angepasst sind", sagt Roth. Macht ein Lehrer alle paar Minuten eine etwa fünfzehnsekündige Pause - eine Bemerkung, einen Witz, eine Aufforderung, das Fenster zu öffnen - könne das Kurzzeitgedächtnis das Aufgenommene ins Zwischengedächtnis schieben. Und danach wieder Neues aufnehmen. Länger als eine halbe Stunde hintereinander funktioniere das aber nicht, dann brauche das Gehirn eine Abwechslung.

Unverzichtbar, aber keine Allzweckwaffe

Auch der Schulpädagoge Herbert Gudjons will einen "modern und professionell" gestalteten Frontalunterricht statt eines stundenlangen Lehrermonologs. Nicht als "Allzweckwaffe" für alles Mögliche, sondern nur um etwa Überblick über ein neues Thema zu geben oder Zusammenhänge darstellen. Dafür sei Frontalunterricht unverzichtbar.

Anschließend sollen die Schüler in Gruppen- oder Einzelarbeit im eigenen Tempo Wissen vertiefen und ausbauen. So werden auch die Fähigkeiten gefördert, die man nicht braucht, wenn man vor allem zuhören und mitschreiben soll: Teamfähigkeit, Eigeninitiative, Selbständigkeit. Je vielseitiger der Zugang, umso leichter verankert sich das neu Gelernte im Gedächtnis.

In der Praxis fällt dieser Methoden-Mix schwer, besonders an weiterführenden Schulen, wo in kurzer Zeit viel Stoff vermittelt werden soll. "Wenn Schüler eigenständig arbeiten habe ich viel weniger Kontrolle über sie", sagt Andreas Schott*, der an einem bayerischen Gymnasium Englisch und Französisch unterrichtet. "Vor allem die nicht so fleißigen Schüler lassen dann stark nach."

Er biete "ab und zu" einen Lernzirkel an, um bekannten Stoff zu wiederholen: An mehreren Stationen müssen Schüler dann verschiedene Aufgaben bearbeiten. Richtige Projektarbeit gibt es nur in der Oberstufe in zwei so genannten Seminaren. Zuletzt hat Schott mit Schülern ein Theaterstück in französischer Sprache erarbeitet und aufgeführt. "Dass bei so etwas viel mehr hängen bleibt als im normalen Unterricht, weiß ich aus eigener Erfahrung", sagt Schott. Er war im Studium begeistertes Mitglied einer englischsprachigen Theatergruppe, was er in den Uni-Seminaren gelernt hat, weiß er kaum noch.

Im Klassenzimmer kommen neue Erkenntnisse kaum an

Auch Marie Brenner, die Münchner Grundschullehrerin, sieht den Nutzen von Einzel- und Gruppenarbeit jeden Tag. "Gerade Kinder, denen Lernen schwer fällt, sind besser bei der Sache, wenn sie zwischendurch etwas alleine machen können", sagt sie. Sie habe beobachtet, dass die Kinder umso besser lernen, ja mehr sie emotional beteiligt sind, je mehr Sinne angesprochen werden. Zwar sind offene Formen deutlich aufwendiger vorzubereiten, dafür sei der Unterricht aber deutlich entspannter, sagt Brenner. "Und ich kann einzelne Kinder besser fördern: Schwächere unterstützen, stärkeren noch eine zusätzliche Aufgabe geben."

Dass Unterrichtsformen wie Gruppen-, Einzel- oder Freiarbeit weniger genutzt werden als es möglich wäre, liegt auch an der Lehrerausbildung. Zwar haben viele Universitäten Seminare über die neuesten Theorien im Angebot. Im praktischen Teil der Ausbildung, dem Referendariat, spielen sie bei den meisten Nachwuchslehrern aber kaum eine Rolle. Neue Erkenntnisse aus der Didaktik wie der Hirnforschung kommen deshalb selten im Klassenzimmer an. Und wenn, dann nur bei einzelnen: Jeder Lehrer kann selbst entscheiden, wie er seinen Unterricht gestaltet.

Das wird zum Problem, wenn man sich ansieht, wie viel Wissen bei Schülern dauerhaft hängenbleibt. Viele haben nach einigen Jahren den Inhalt ganzer Fächer vergessen, selbst Grundlegendes geht schnell verloren. Neurobiologie-Professor stellt den deutschen Schulen ein vernichtendes Urteil aus: Für ihn geht der Wirkungsgrad der Wissensvermittlung derzeit gegen null.

Roth hat die Erkenntnisse der Neuropsychologie mit jahrelangen Beobachtungen an Schulen verknüpft und plädiert für umfassende Änderungen: kein 45-Minuten-Takt mehr, dafür fächerübergreifenden Unterricht, der sich über den ganzen Tag erstreckt, regelmäßige Wiederholungen. Und vor allem: eine radikale Reduktion des Lehrplans. Weniger Stoff, besser vermittelt, sei wesentlich effektiver als mehr Stoff, der schlecht und in zu kurzer Zeit vermittelt wird. Und je abwechslungsreicher der Unterricht ist, umso größer auch die Chance, dass von den vielen Informationen, die Schülern im Laufe der Jahre begegnen, mehr als nur Bruchstücke hängen bleiben.

*Namen geändert

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