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Schule:Wie Erklärvideos den Unterricht auf den Kopf stellen

Flipped Classroom Inge-Aicher-Scholl-Realschule Neu-Ulm, sechste Klasse

Mathelehrer Sebastian Schmidt ist einer der Hauptvertreter des "Flipped Classroom" - und seit Kurzem Träger des Deutschen Lehrerpreises.

(Foto: Ingo Jensen)

Die digitale Revolution des Lernens ist an deutschen Schulen bislang eher Wunschtraum als Realität. Ein Mathelehrer aus Ulm will das ändern.

Wer wissen will, was sich hinter dem "Flipped Classroom" verbirgt, der kann bei Wikipedia nachschauen oder einen Experten anrufen. Ganz altmodische könnten es auch mit einem Buch versuchen, einem Englisch-Lexikon zum Beispiel. Dann würden sie schon mal herausfinden, dass ein Flipped Classroom wörtlich ein auf den Kopf gestelltes Klassenzimmer ist. Im Sinne des Erfinders ist aber eigentlich nur ein Weg, um die Frage zu beantworten: Computer an, Youtube auf, Video gucken.

Sebastian Schmidt, Mathelehrer an einer Realschule in Neu-Ulm und einer der engagiertesten Vertreter der Methode an deutschen Schulen, nimmt sich für seine Einführung 3:45 Minuten Zeit. "Der Flipped Classroom", erklärt er mit bayerisch breit gerolltem R in die Kamera, "dreht den traditionellen Unterricht wortwörtlich um." Statt 25 Schülern in der Klasse wieder und wieder das Gleiche zu erklären, um sie dann am Nachmittag mit den Hausaufgaben alleine zu lassen, befassen sich die Schüler nach der Schule selbst mit dem Stoff - zum Beispiel in Form eines Videos, das sie je nach Bedarf anhalten, zurückspulen oder auch mehrmals schauen können. Am Vormittag gewinnt der Lehrer oder die Lehrerin so Zeit - um sie in die Schüler zu investieren. "Sie werden es nicht bereuen", verspricht Schmidt seinen Zusehern.

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Flipped Classroom? "Insgesamt positiv, aber nicht revolutionär"

Vergangene Woche hat der 37-Jährige gemeinsam mit neun Kollegen den Deutschen Lehrerpreis für innovativen Unterricht gewonnen. Es ist eine Auszeichnung, die einmal mehr bestätigt, dass der Flipped Classroom die bislang wohl vielversprechendste Idee ist, wie die Digitalisierung das Lernen zum Besseren verändern könnte. Schmidt und Co. wurden für ihr Projekt "Lernbüro digital-kooperativ" ausgezeichnet. Vor zwei Jahren schlossen sich die Pädagogen zusammen, um die Bücher für den neuen bayerischen Lehrplan gemeinsam ins Digitale zu übersetzen. Es ist die Basis für den Flipped Classroom.

Die Idee ist nicht neu, Pädagogen im englischsprachigen Raum experimentieren damit seit den Neunzigerjahren. Doch digitale Medien, Videos vor allem, machen die Methode erst heute massentauglich. Manche Hochschullehrer setzen sie seit Jahren ein, der Heidelberger Mathematiker Christian Spannagel etwa oder der Sprachwissenschaftler Jürgen Handke in Marburg. An Schulen treiben Lehrer wie Schmidt die Entwicklung voran, sie sammeln Erfahrungen und vernetzen sich untereinander - auf eigene Faust, ohne dass ein Kultusministerium ihnen den Weg vorgeben würde.

Schmidt und sein Kollege Ferdinand Stipberger, 47, kannten sich längst aus dem digitalen Raum, als sie vor zwei Jahren beschlossen, gemeinsam Videos, Prüfungsaufgaben und Zusatzübungen für die neuen Schulbücher in Bayern zu erstellen. Sie animierten acht Kollegen zum Mitmachen und teilten die Kapitel auf. "Das macht weniger Arbeit und noch mehr Spaß für jeden", sagt Schmidt. Dazu kommen mitunter "schmerzhaftes" Feedback und neue Ideen. Die Materialien werden auf die Online-Plattform Mebis gestellt, die an Hunderten bayerischen Schulen genutzt wird. Mittlerweile arbeiten 36 Lehrer aus sieben Realschulen mit den Videos und Unterlagen des Lernbüros. Drei Schulen probierten gerade aus, ob sie mit dem Material zurecht kommen, sagt Schmidt.

Es gibt nicht wenige Menschen, die sich vom Einsatz moderner Technik eine Neuerfindung des Unterrichts erwarten. Die Wissenschaft hat diese Hoffnungen bislang nur in Ansätzen rechtfertigen können. Der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer, der seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Australier John Hattie dessen berühmte Studie zu den Ursachen erfolgreichen Lernens fortführt ("Auf den Lehrer kommt es an!"), legte Anfang des Jahres eine sehr skeptische Zwischenbilanz zur Digitalisierung in der Schule vor. Das Fazit, etwas verkürzt: Bringt nicht viel, kostet aber viel Zeit. Zu den positiven Ausnahmen zählte der Flipped Classroom. "Insgesamt positiv, aber nicht revolutionär", sagt Zierer.

Jüngere Schüler haben es schwerer mit der Methode

Flipped Classroom, betont er, sei "kein Selbstläufer". Er sieht eine Reihe von "Fallstricken". Zum einen zeige seine Forschung, dass der positive Effekt umso kleiner werde, je jünger die Studien sind. Seine Interpretation: Leidenschaft und Enthusiasmus der Flipped-Classroom-Pioniere gingen verloren, je mehr die Methode Verbreitung finde - ein Effekt, der auch in anderen Kontexten zu beobachten sei. Damit die Methode sich auszahle, sei zudem eine "Fehlerkultur" unabdingbar. Wer Fehler, so wie es im Bildungssystem noch sehr verbreitet sei, nicht nutzen, sondern nur vermeiden wolle, werde scheitern.

Den größten Fallstrick aber sieht Zierer auf Seiten der Schüler. Die Methode könne nur funktionieren, wenn diese sich den Stoff sehr gewissenhaft aneigneten. Wenn nicht, drohten einzelne dauerhaft den Anschluss zu verlieren. Je älter die Schüler also sind, sagt Zierer, je mehr sie gelernt haben, Verantwortung zu tragen, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass der Flipped Classroom funktioniert.

Marcus von Amsberg begegnet diesem Fallstrick mit einem Trick: Er zeigt seinen Schülern als erstes ein Video ohne Pause - und ist zufrieden, wenn es allen viel zu schnell geht.

Von Amsberg, 40, begann seine Lehrerkarriere als Sonderpädagoge. Er unterrichtete eine Gruppe, in der Kinder von der dritten bis zur neunten Jahrgangsstufe zusammensaßen, die wegen Verhaltensauffälligkeiten als nicht mehr beschulbar galten. "Am ersten Tag", sagt von Amsberg, "konnte ich alles vergessen, was ich im Referendariat gelernt hatte." Wie unterrichtet man so eine Gruppe? Von Amsbergs Lösung: Die Schüler erhielten individuelle Wochenpläne - und selbst gedrehte Erklärvideos. Vor sieben Jahren dann wechselte von Amsberg an eine Stadtteilschule in Hamburg. Die "irrsinnige Bandbreite" seiner Förderklasse gab es dort nicht mehr. Die Videos nahm er trotzdem mit.

Erklärvideos sind kein Netflix für die Schule

Von Amsberg ist Deutschlehrer, in seinen Videos erklärt er etwa, wie man in einem Satz das Akkusativobjekt findet. Grammatikthemen, sagt er, eigneten sich hervorragend für Videos. Doch bevor seine Schüler sie zu sehen bekommen, müssen sie lernen, dass Lernvideos kein Netflix für die Schule sind. Deshalb zeigt er am Anfang ein Video, das erklärt, wie man einen Papierflieger baut, stoppt aber zwischendurch nicht. "Nach 1:26 Minuten ist der letzte ausgestiegen", sagt von Amsberg. Dann erklärt er den Schülern, wie es richtig geht: Alleine sollen sie schauen, nicht zu zweit oder dritt. Sie sollen immer wieder anhalten. Und sie sollen sich nicht berieseln lassen, sondern mitschreiben. Die Notizen kontrolliert von Amsberg.

Seine Schule ist eine gebundene Ganztagsschule, Hausaufgaben gibt es kaum. Von Amsberg sieht seine Methode deshalb auch nicht als Flipped Classroom in Reinform, die Videos sind bei ihm eines von mehreren Hilfsmitteln für offenen und "hochdifferenzierten" Unterricht. Die Kinder sollen Probleme selbständig erarbeiten. Ob das gelingt, überprüft von Amsberg im Eins-zu-Eins-Gespräch.

Die Methode klappt nicht sofort, gibt er zu. Manche Schüler überfordert die Verantwortung, die sie plötzlich erhalten. Mit den Eltern müsse er deshalb viele Überzeugungsgespräche führen. Sein Argument: Statt die Kinder fremdgesteuert durch die Schule zu schleusen, lässt man sie besser am Anfang einmal an die Wand fahren - und zeigt ihnen dann, wie selbständiges Lernen geht. Für von Amsberg heißt das auch: Videos gucken. Aber richtig.

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